Am Anfang stand die Milchkrise
Joseph Mariettaz produziert in Südwestfrankreich Biomilch. Sein Hof ist fast unabhängig von externen Betriebsmitteln....
Der Schweizer Bauernverband hat seine traditionelle Neujahrsmedienkonferenz am 5. Januar 2026 auf dem Milch- und Ackerbaubetrieb der Gebrüder Christoph und Daniel Etter in Meikirch im Kanton Bern durchgeführt. Das Motto: «Landwirtschaft im Auge des Sturms». Gemeint ist ein Jahr, in dem sich gleich mehrere politische und wirtschaftliche Fronten zuspitzen – von der Konkretisierung der Agrarpolitik 2030 über die Ernährungsinitiative bis zu heiklen Freihandelsdossiers.
Und doch zeigte gerade der Gastgeberbetrieb, warum «Sturm» nicht automatisch «Krise» bedeuten muss: Etters wirtschaften breit abgestützt, marktorientiert – und aktuell «sehr zufrieden», wie Daniel Etter festhielt.
Christoph und Daniel Etter sind 2009 in den elterlichen Betrieb eingestiegen, seit 2015 führen sie ihn als Gebrüdergemeinschaft. Der Hof sei ein typischer Mittellandbetrieb – «so ein bisschen ein Gemischtwarenladen», sagt Christoph Etter: 29 Milchkühe, die silofreie Milch für die Käserei Meikirch liefern und dazu Ackerbau mit Zuckerrüben, Raps, Getreide und als «Kernkompetenz» der Kartoffelbau. Ergänzt wird das Ganze durch Waldwirtschaft und ein Landwirtschafts- und Lohnunternehmen, das Dienstleistungen für andere Betriebe anbietet – vom Säen bis zur Kartoffelernte.
Gerade diese Vielfalt wirkt wie ein Puffer gegen Unsicherheiten – und ist zugleich die Antwort auf die Frage, wie Landwirtschaft «im Auge des Sturms» funktionieren kann: Als System mit mehreren Standbeinen.
«Von unserem Gesamtumsatz betragen die Direktzahlungen lediglich 15 Prozent», erklärte Daniel Etter. Der Rest wird am Markt erwirtschaftet, was die marktwirtschaftliche Ausrichtung des Betriebs auch deutlich macht. Für die Brüder ist darum zentral, «dass wir produzieren können, was die Konsumenten nachfragen, nicht was die Politik uns diktiert».
Das macht den Betrieb zugleich zum passenden Schauplatz für die Kernforderung des Schweizer Bauernverbands: wirtschaftliche Nachhaltigkeit. In der Medienmitteilung betont der Verband, es brauche kostendeckende Produzentenpreise – und warnt vor einem Preiskampf im Detailhandel, der mittelfristig auf Lieferanten und Bauernbetriebe durchschlagen könne.
Anne Challandes, Vizepräsidentin Schweizer Bauernverband und Präsidentin Schweizerischer Bäuerinnen- und Landfrauenverband, legte den Fokus auf die bevorstehende Konkretisierung der AP 2030. Nach Jahren mit zahlreichen ökologischen Vorgaben solle die nächste Reform «den Fokus auf die wirtschaftliche und damit auch soziale Nachhaltigkeit legen» – und zugleich administrativ einfacher werden.
Anne Challandes erinnerte daran, dass Teile der sistierten AP 22+ über Verordnungen dennoch umgesetzt wurden – wie der Absenkpfad Pflanzenschutz und Nährstoffe. Sie nannte bisherige Reduktionen von minus 7 Prozent beim Stickstoff und minus 13 Prozent beim Phosphor und verwies darauf, dass im Pflanzenschutz nicht mehr alle Krankheiten und Schädlinge wirksam bekämpft werden könnten, was anspruchsvolle Kulturen belaste.
Gleichzeitig sieht der Schweizer Bauernverband bei der Ernährungssicherheit Handlungsbedarf. Die Lebensmittelproduktion sei rückläufig, der Netto-Selbstversorgungsgrad 2024 «auf rekordverdächtige 42 Prozent» gesunken, so Anne Challandes.
Ein zweites grosses Thema 2026 ist die Ernährungsinitiative, über die voraussichtlich am 27. September 2026 abgestimmt wird. Martin Rufer, Direktor des Schweizerbauernverbands, sprach von «alter Wein in neuen Schläuchen» und kritisierte das Ziel eines Netto-Selbstversorgungsgrads von 70 Prozent als unrealistisch.
Martin Rufer zeichnete ein drastisches Bild, was es aus seiner Sicht bräuchte, um das Ziel zu erreichen: Grenzen schliessen sowie Konsum staatlich lenken. «Die Menschen in der Schweiz essen nicht, was die Landwirtschaft produziert – vielmehr produziert die Landwirtschaft, was die Menschen essen», betonte er.
Auch aus Sicht von Christoph und Daniel Etter ist die politische Daueraufmerksamkeit spürbar. «Was uns sicherlich immer wieder an die Substanz geht, ist die ganze Kritik, die wir durch die Initiativen erleben oder die durch politische Vorstösse gemacht werden – der Druck aus der Gesellschaft auf uns ist gross», erklärte Daniel Etter.
Markus Ritter, Präsident des Schweizer Bauernverbands, spannte den Bogen über die Grenzen. Den «Deal mit den USA» bezeichnete er als akzeptabel, solange Zusagen beim Fleisch innerhalb der WTO-Kontingente bleiben und das Schweizer Lebensmittelrecht nicht ausgehebelt werde. Beim Mercosur-Abkommen hingegen sieht der Schweizer Bauernverband deutlich mehr Sprengstoff – unter anderem wegen zusätzlicher Kontingente für sensible Produkte wie Wein oder Fleisch.
In der Fragerunde erklärten Markus Ritter und Martin Rufer, weshalb der Bauernverband bei Mercosur flankierende Strukturverbesserungen fordert: Keine neuen Instrumente, aber ein gezielter Ausbau bestehender Instrumente – etwa Investitionskredite, Unterstützung bei Gebäudeerneuerungen, Massnahmen im Rebbau wie resistente Sorten oder punktuell Bewässerungshilfen.
Parallel dazu bleibt der Preisdruck im Inland ein zentrales Unwetterfeld. Markus Ritter sprach von «Preiskampf im Detailhandel mit Tief- und Tiefstpreisen am Laufmeter» – und kündigte an, man werde «mit Argusaugen» darauf achten, dass Versprechen nicht später über Lieferketten auf Produzentenpreise drücken.
Am Ende des Tages war es Markus Ritter selbst, der das Motto am plastischsten deutete: «In jedem Sturm gibt es in der Mitte einen Punkt, wo es ruhig ist – dort sammeln wir uns.» Der Betrieb Etter lieferte dieses Bild gleich mit: Ein Hof, der dank Vielfalt, Marktbezug und Zusammenarbeit mit anderen Betrieben aktuell gut läuft und der zugleich offenlegt, wo selbst gut geführte Betriebe verwundbar bleiben – bei Produzentenpreisen, gesellschaftlichem Druck und politischen Rahmenbedingungen.
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