«Man sieht, wie komplex die Landwirtschaft ist»
Mehlige Finger statt Schulbank, Diskussion statt Frontalunterricht: Beim Jahreskurs «Landwirtschaft begreifen» am Inf...
Wenn im Pouletstall die Tiere scharren und draussen auf den Feldern der Weizen wächst, ist Raphael Meier in seinem Element. Der junge Geflügelwirtschaftsmeister ist auf einem kleinen Betrieb aufgewachsen, auf dem Ackerbau und Geflügelhaltung im Nebenerwerb betrieben werden. Schon als Jugendlicher faszinierte ihn das Federvieh: «Das Geflügel hat es mir schon früh angetan», sagt er. Trotzdem entscheidet er sich nach der Schule zuerst für eine Lehre als Fachmann Betriebsunterhalt. Es folgen die Rekrutenschule und ein halbes Jahr auf einer Getreidefarm in Kanada. Die Landwirtschaft bleibt im Hinterkopf – aber aus professioneller Distanz.
Gleichzeitig ist für Raphael Meier klar, dass er den elterlichen Betrieb doch dereinst weiterführen möchte. Nur: Als Vollerwerbbetrieb ist der Hof zu klein. Ein zweites Standbein wird immer Teil der Rechnung sein. Vor diesem Hintergrund entschliesst er sich für eine Zweitausbildung als Geflügelfachmann. Er findet eine Lehrstelle bei der Bell Schweiz AG, wo das Unternehmen im Geflügelbereich die gesamte Wertschöpfungskette abdeckt – von der Elterntierbetrieben über die Brüterei und die Aufzucht bis hin zur Verarbeitung.
Nach dem Erlangen des Eidgenössischen Fähigkeitszeugnisses kann Raphael Meier beim Lehrbetrieb bleiben und der nächste Schritt kommt fast von selbst: «Irgendwann habe ich mir überlegt, mich in diesem Berufsfeld noch weiterzuentwickeln», erzählt er. Gleichzeitig macht ihm der Arbeitgeber klar, dass eine Weiterbildung auch mit Blick auf eine anspruchsvollere Funktion sinnvoll wäre. Heute ist er Leiter technischer Dienst Elterntiere – er plant die Produktion, sorgt dafür, dass genügend Bruteier vorhanden sind, und berät die Betriebe, die Elterntiere halten. «Für diese Tätigkeit war die Weiterbildung bis zum Geflügelwirtschaftsmeister eine Voraussetzung», sagt er.
«Die gesamtbetriebliche Analyse und herauszufinden, wo es Schwachstellen hat, um zu optimieren – das ist sehr spannend.»
Der Weg führt über die Betriebsleiterschule am Aviforum im Bernischen Zollikofen bis hin zur Meisterprüfung. Fachlich lernt Raphael Meier viel dazu – doch es ist vor allem das betriebswirtschaftliche Denken, das für ihn zum Augenöffner wird. «Dass man den Hof gesamtbetrieblich anschaut, analysiert und herausfindet, wo es Schwachstellen hat und wo man einfache Optimierungen vornehmen kann – das fand ich immer sehr spannend», sagt er.
In der Meisterausbildung vertieft er Themen wie Finanzierung, Investitionen und Betriebsübernahme. Im Hinblick auf die künftige Hofübergabe ist das Gold wert. Gleichzeitig merkt er, wie stark sich das Wissen auch im Job bei Bell einsetzen lässt: Wenn er Elterntierbetriebe in der ganzen Schweiz betreut, ist das «ein bisschen wie einen grossen Betrieb führen». Die betriebswirtschaftliche Brille hilft ihm, Zahlen einzuordnen und gemeinsam mit den Bäuerinnen und Bauern nach Lösungen zu suchen.
Besonders prägend ist für ihn der Businessplan, den alle in der Meisterausbildung erarbeiten müssen. «Das war sicher die grösste Herausforderung», erinnert er sich und ergänzt: «Es ist sehr zeitintensiv – aber schlussendlich bringt es einem viel, wenn man einmal den ganzen Betrieb so genau analysiert.» Diese gründliche Auseinandersetzung mit Stärken, Schwächen, Chancen und Risiken nimmt er direkt mit in den Alltag.
Manches aus der Weiterbildung lässt sich heute eins zu eins anwenden. In der Meisterschule wird beispielsweise die Planung von Geflügelumtrieben im Detail durchgespielt – also wann welche Tiergruppen in welchen Stall ein- und wieder ausstallen, damit die Versorgung gesichert ist und die Hygiene stimmt. «Das setze ich heute genau so um – bei den Umtriebsplanungen der Elterntierbetriebe», sagt Raphael Meier.
Daneben geht es um etwas, das in keinem Lehrplan steht, aber im Berufsleben entscheidend ist: der Umgang mit Menschen. Während der Ausbildung knüpft Raphael Meier ein breites Netzwerk. Er lernt, wie man in Beratungen auf Augenhöhe bleibt, wie man Betriebe abholt und gemeinsam statt von oben herab nach Lösungen sucht. «Gerade wenn man wie ich Beratungen macht, ist das entscheidend – man muss fachlich wissen, wovon man redet, und gleichzeitig die Bäuerinnen und Bauern abholen können», sagt er.
Auch die strukturierte Problembewältigung, die er in der Meisterausbildung einübt, ist längst zu einem Werkzeug geworden, das weit über den Hühnerstall hinausreicht – etwa, wenn er sich in einem Verein engagiert und Projekte plant.
«Man getraut sich dann auch tatsächlich, etwas zu verändern.»
Auf dem heimischen Betrieb dürfte die Geflügelhaltung auch in Zukunft eine zentrale Rolle spielen. «Schon nur der Grösse wegen ist das ein Betriebszweig, der gut funktioniert», sagt Raphael Meier. Er überlegt sich aber schon heute, wie er den Betrieb allenfalls optimieren kann und überlegt sich beispielsweise, ob er dereinst weiter unter dem Label Naturafarm produzieren oder auf Bio umstellen will. «Das müsste ich aber im Detail noch durchrechnen», erläutert er. Genau hier zahlt sich die Weiterbildung aus: Er kann Szenarien kalkulieren, Investitionen abschätzen und die Auswirkungen auf Einkommen und Arbeitsbelastung beurteilen.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Vereinbarkeit von Hof und Beruf. Weil der Betrieb zu klein ist, um davon allein zu leben, wird Raphael Meier auch künftig ein ausserlandwirtschaftliches Standbein benötigen. «Ich muss nebenbei arbeiten können», sagt er nüchtern. Dafür brauche es einen Job, der Flexibilität erlaube – etwa während Ein- und Ausstallungen im Pouletstall oder während der Saat- und Erntezeit im Ackerbau. Mit seiner heutigen Tätigkeit sieht er sich gut aufgestellt: Er ist in einem Umfeld, das versteht, wie Landwirtschaft funktioniert, und ihm die notwendige Beweglichkeit zugesteht.
Diese Beweglichkeit erlangte er nicht zuletzt dank Bildung: Bildung schenkt Sicherheit – gerade im betriebswirtschaftlichen Bereich. «Wenn man ein Eidgenössisches Fähigkeitszeugnis hat, ist das eine gute Grundlage», sagt er. «Aber wenn man lernt und erkennt, wie man einen Betrieb verändern kann, ist das enorm wertvoll – man getraut sich dann auch tatsächlich, etwas zu verändern, weil man gelernt hat, solche Dinge durchzurechnen», erklärt er.
So habe die Ausbildung beispielsweise Buchhaltungsanalysen beinhaltet. Heute hilft ihm das, die Zahlen des eigenen Betriebs besser zu verstehen – und auch die Arbeit des Buchhalters einzuordnen: «Wenn man selbst etwas von dem Ganzen versteht, sieht man auch, ob er wirklich eine gute Arbeit leistet oder einfach nur schön redet.»
Gleichzeitig betont Raphael Meier, wie vielfältig die Chancen in der Landwirtschaft sind – auch für Menschen ohne eigenen Hof in Aussicht. «In den vor- und nachgelagerten Bereichen gibt es viele Stellen und Möglichkeiten, gerade auch mit Weiterbildungen wie meiner – gut ausgebildete Leute sind gesucht», sagt er.
Für sich selbst hat er die weiteren Ziele gesteckt: Etwa bis 2030 soll die Hofübernahme abgeschlossen sein. Bis dahin sammelt er weiter Erfahrung – im Stall, im Büro und im Austausch mit den Betrieben in der ganzen Schweiz.
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