Nach Jahren des Sparens: Agridea erhält wieder mehr Mittel
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Als Murielle Winkelmann vor der Berufswahl stand, entschieden ihre Eltern, dass zuerst Französisch auf dem Programm steht. Murielle Winkelmann suchte sich dafür kein Klassenzimmer, sondern ein Hauswirtschaftsbildungsjahr in einer Bauernfamilie im Kanton Waadt. Auf dem Biobetrieb mit Milchwirtschaft und Ackerbau fühlte sie sich schnell zuhause. «Das Jahr weckte meine Leidenschaft und mein Interesse für die Landwirtschaft», sagt sie.
In der Schule in Moudon fand sie neben ihren Freundinnen in der Hauswirtschaftsklasse auch Freunde, welche die Landwirtschaftslehre absolvierten. Der Funke sprang endgültig über, als sie in der Freizeit «in jeder freien Minute» bei einem guten Freund auf der Kartoffelerntemaschine stand. Und doch führte ihr Weg zunächst ins Büro: Eine Lehre als Kauffrau, danach zwei Jahre als Rezeptionistin und später als Redaktions- und Vertriebsassistenz beim ehemaligen Schweizer Agrarmagazin «LANDfreund». Gerade diese Zeit schärfte ihren Wunsch, nicht nur zu organisieren, sondern zu gestalten – und «etwas mit meinen Händen und der Natur zu tun».
«Für mich ist es zentral zu wissen, wo das Geld hinfliesst.»
Der Schritt in die Landwirtschaft war ein Quereinstieg – und ein bewusster. Murielle Winkelmann wagte etwas, das sich viele ohne Bauernfamilie im Rücken kaum zutrauen: Sie begann als Nicht-Bauerntochter die Lehre zur Landwirtin. Einen passenden Lehrbetrieb fand sie bei einer geduldigen Lehrmeisterin – als Zweitausbildung absolvierte sie die Lehre in zwei Lehrjahren. Prägend war für sie die Zweitausbildnerklasse, in der sie andere junge Menschen ohne familieneigenen Betrieb kennenlernte. In dieser Gruppe wurde viel über die Zukunft diskutiert. Ein eigener Betrieb schwebte ihr schon damals vor – gleichzeitig wusste sie, wie schwierig Suche und Finanzierung werden können.
Beim erfolgreich abgeschlossenen Eidgenössischen Fähigkeitszeugnis beliess sie es aber nicht: «Bereits zu Stiftizeiten hatte ich viele Fragen im Kopf, von denen ich wusste, dass ich sie mit einer Weiterbildung beantworten bekäme», erzählt sie. Als gelernte Kauffrau reizten sie besonders die Module, welche die Wirtschaftlichkeit der Betriebe und die Agrarpolitik beleuchten. Als sie die erste Hürde der Betriebsleiterschule nahm und auf Unterstützung ihres Chefs zählen durfte, war für sie klar, dass sie weiterzieht bis zur Meisterlandwirtin. Rückhalt gab ihr auch eine enge Kollegin aus der Betriebsleiterschule, die sie bis in die Meistermodule begleitete.
Auch die Rahmenbedingungen halfen: Der Bund beteiligt sich mit 50 Prozent an den Weiterbildungskosten der höheren Berufsbildung – der Kanton Bern mit 25 Prozent. «Aus meiner Sicht haben wir in der Schweiz eine Riesenchance, dass sich sowohl Bund als auch Kanton an den Weiterbildungskosten für die höhere Berufsbildung beteiligt – das Geld ist gut investiert», ist sie überzeugt.
Was sie aus der höheren Berufsbildung besonders mitnimmt, ist der praktische Blick hinter die Zahlen. Vollkostenrechnungen, Investitionsentscheide, das saubere Einordnen von Kosten: «Das zeigte spannende Einblicke, wo Kosten optimiert werden können und wo sich ein Betrieb bereits sehr gut aufgestellt hat», erläutert sie. Gleichzeitig lernte sie, Abläufe und Entscheidungen kritischer zu hinterfragen. Dazu kamen inspirierende Begegnungen und ein Netzwerk aus Berufskolleginnen, Berufskollegen und Beratungspersonen, das sie bis heute schätzt.
Dass Weiterbildung nicht nur Fleiss und passende Rahmenbedingungen, sondern auch Vertrauen braucht, erlebte sie jedoch deutlich. Für Betriebsstudien braucht es tiefe Einblicke in Buchhaltung, Feldkalender und Abläufe. Und da Murielle Winkelmann noch keinen eigenen Betrieb bewirtschaftet, war sie dafür auf einen vertrauensvollen Chef angewiesen: Für die Weiterbildung brauchte sie vom Betriebsleiter Zugriff auf relevante Daten. Trotzdem landete sie zunächst bei einem Arbeitgeber, der zwar Schulbesuche auf Überzeit und Ferientage ermöglichte, die Buchhaltungszahlen blieben ihr aber verwehrt. So wechselte sie mitten in der Betriebsleiterschule noch die Stelle. «Es war einfach zwingend nötig, die Buchhaltungsdaten zu erhalten», erzählt Murielle Winkelmann.
«In der Landwirtschaft lernt man jeden Tag etwas dazu.»
Auf dem heutigen Betrieb erlebt sie genau diese Offenheit. Ihr Chef war während der intensiven Ausbildungszeit eine grosse Hilfe und der Nutzen wirkt bis heute. Inhalte aus Kursen werden im Betrieb weiterdiskutiert – zum Beispiel, als sie im Modul Agrartechnik mit Adhäsionsgewichten auseinandersetzte und ihr Wissen direkt auf dem Betrieb einbringen konnte. Für Murielle Winkelmann ist das der Kern von Bildung: nicht ein Diplom an der Wand, sondern bessere Gespräche, klarere Entscheidungen und mehr Sicherheit im Alltag.
Langfristig möchte sie einen eigenen Betrieb führen. Was ihr dabei am meisten hilft, ist aus ihrer Sicht der finanzielle Überblick: «Die Kosten zu kennen und zu wissen, wo das Geld hinfliesst, erachte ich als höchstes Gut.» Dazu gehöre auch Ehrlichkeit sich selbst gegenüber: Welche Arbeiten macht man selber – und wo ist Delegieren oder Aaslagern sinnvoll, je nach Struktur des Betriebs. Gleichzeitig sieht sie die Meisterausbildung als Türöffner über den Hof hinaus, etwa für Engagement in Branchenorganisationen oder in der Politik.
Ihre Botschaft an Absolventen mit Eidgenössischem Fähigkeitszeugnis ist deshalb unkompliziert: «Seid offen, euch auf die Mühen einer Weiterbildung einzulassen.» Das Bildungsangebot in der Schweiz sei hervorragend und flexibel – man solle auswählen, was einen weiterbringt, denn es lohne sich. Und allen, die bereits voll im Berufsleben stehen: dranbleiben. In der Landwirtschaft könne man «jeden Tag etwas Neues lernen» – nicht zuletzt, weil die Natur jederzeit für eine Überraschung gut ist.
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