Bund will Lücken im Kulturschutz schliessen

Mit der «Strategie für einen nachhaltigen Schutz der Kulturen 2035» will der Bund auf ein doppeltes Spannungsfeld reagieren: Während die Risiken durch Pflanzenschutzmittel sinken, nehmen die Schutzlücken in vielen Kulturen zu. Die neue Strategie setzt auf integrierten Pflanzenschutz, zehn Massnahmen von Monitoring bis Zulassung und mehr Mitverantwortung der gesamten Wertschöpfungskette – von robusten Sorten bis zur biologischen Schädlingsbekämpfung.
Zuletzt aktualisiert am 13. Januar 2026
von Renate Hodel
6 Minuten Lesedauer
Feldspritze Pflanzenschutzmittel Pflanzenschutz Jin
Neue Schadorganismen breiten sich aus, bewährte Wirkstoffe fallen weg, Alternativen sind nicht überall verfügbar. (jin)

Der Bund sieht den Schutz der in der Schweiz angebauten Kulturen zunehmend unter Druck: Neue Schadorganismen breiten sich aus, bewährte Wirkstoffe fallen weg, Alternativen sind nicht überall verfügbar. Gleichzeitig zeigen die Indikatoren, dass die Risiken durch Pflanzenschutzmittel für Umweltkompartimente wie Grundwasser und naturnahe Lebensräume dank Aktionsplan und gesetzlichen Vorgaben sinken. Diese doppelte Entwicklung – mehr Umweltschutz, aber wachsende Lücken im Kulturschutz – ist der Ausgangspunkt der neuen «Strategie für einen nachhaltigen Schutz der Kulturen 2035», die das Bundesamt für Landwirtschaft vorgestellt hat.

Pflanzenbau als Pfeiler der Versorgung – und als Einkommensfaktor

Direktor Christian Hofer, Direktor des Bundesamts für Landwirtschaft, ordnete die Strategie an der entsprechenden Medienkonferenz vom 12. Januar 2025 in den grösseren Kontext ein: Der Pflanzenbau sei zentral für die Ernährungssicherheit und für das landwirtschaftliche Einkommen. Christian Hofer nannte einen Versorgungsgrad von 30 bis 35 Prozent sowie einen Produktionswert von rund 4 Milliarden Franken und bis 2035 werde von 4,4 Milliarden Franken ausgegangen – etwa ein Drittel des gesamten Produktionswerts der Landwirtschaft.

Das Problem: Ohne wirksamen Schutz können Schadorganismen die Erträge massiv schmälern. Christian Hofer verwies auf potenzielle Ertragsverluste von 30 bis 40 Prozent – in einzelnen Fällen drohten Totalausfälle, etwa bei Kartoffeln durch Krautfäule.

Risikoindikatoren sinken – Lückenindikationen steigen

Der Aktionsplan Pflanzenschutzmittel und die parlamentarische Initiative 19.475 haben die Vorgaben zur Risikoreduktion verbindlicher gemacht. Laut dem Bundesamt für Landwirtschaft ist man bei der Senkung der Risiken «auf Kurs». Gleichzeitig verschlechtert sich die Lage beim Kulturschutz: Die Zahl der sogenannten Lückenindikationen – fehlende ausreichende Schutzmöglichkeiten gegen einen Schadorganismus in einer Kultur – ist laut Christian Hofer deutlich gestiegen – von unter 100 im Jahr 2000 auf 160 im Jahr 2024. Ausserdem nehmen Notfallzulassungen für Pflanzenschutzmittel zu und Lücken betreffen alle Kulturgruppen – besonders stark im Gemüse- und Obstbau.

Als Treiber nennt das Bundesamt für Landwirtschaft unter anderem den Rückgang zugelassener Wirkstoffe. Christian Hofer sprach von einem deutlichen Minus in den letzten 10 bis 15 Jahren: Insektizide, Fungizide und Herbizide hätten um rund ein Drittel abgenommen, Beizmittel sogar um die Hälfte. Gleichzeitig nehme der Druck durch neue Organismen zu – wie etwa Erdmantelgras oder der Japankäfer.

2026 Agrarpolitik BLW NPS Nachhaltiger Schutz Kulturen Christian Hofer Olivier Felix Rho
Christian Hofer und Olivier Félix stellten die neue Strategie in Bern vor. (rho)

Ziel bis 2035: Lücken halbieren

Die Strategie ist auf zehn Jahre angelegt. Ein zentrales, messbares Ziel lautet, dass die Gesamtzahl der Lückenindikationen bis 2035 gegenüber der Referenzperiode 2022 bis 2024 halbiert werden soll.

Olivier Félix, Leiter Fachbereich Nachhaltiger Pflanzenschutz beim Bundesamt für Landwirtschaft, betonte dabei das Leitprinzip: Die Strategie baut auf dem Konzept des integrierten Pflanzenschutzes auf – auf einer Pyramide von präventiven Massnahmen über Entscheidungshilfen und nicht-chemischen Verfahren bis hin zur chemischen Bekämpfung, wenn es nicht anders geht. Beispiele sind robuste Sorten, Fruchtfolgen, Prognosesysteme, mechanische Unkrautbekämpfung, Pheromone oder biologische Gegenspieler.

Zehn Massnahmen – von Monitoring bis Zulassung

Kern der Strategie sind zehn Massnahmen, die Rahmenbedingungen verbessern, den integrierten Pflanzenschutz stärken und einzelne Methoden gezielt ausbauen sollen.

Besonders wichtig sind vier «Systemmassnahmen»:

  • Monitoringplattform, um Lücken sichtbar zu machen und Prioritäten zu setzen – was fehlt wo – und wie dringend
  • Kompetenznetzwerk, das Forschung und Entwicklung koordiniert und Projekte nach transparenten Kriterien priorisiert
  • Demonstrationsnetzwerk, in dem Pionierbetriebe, Schulen und kantonale Versuchsstationen neue Methoden testen und Erfahrungen in die Praxis tragen
  • Zielvereinbarungen mit der Branche im Rahmen der AP30+ – ausdrücklich entlang der gesamten Wertschöpfungskette

Dazu kommen sechs Massnahmen in der Pyramide des integrierten Pflanzenschutzes: Kulturspezifische Gesamtstrategien, robuste Sorten, Entscheidungshilfen, Ausbau klassischer biologischer Schädlingsbekämpfung, neue Applikationstechniken sowie die Vereinfachung des Zulassungsverfahrens.

BLW Konzept NPS Massnahmen Schutz Der Kulturen

«Nicht nur Spitze der Pyramide»: Alternativen breiter denken

Das Bundesamt für Landwirtschaft strebt eine Balance zwischen Ertragssicherung und Umweltvorgaben an: Christian Hofer verwies auf die klaren Ziele der Risikoreduktion – innerhalb dieses Rahmens gebe die Strategie «ein Set» an Möglichkeiten, aus dem Betriebe je nach Ausrichtung – Bio, IP, konventionell – unterschiedlich stark schöpfen können.

Wenn von Alternativen die Rede sei, gehe es nicht nur um chemische Ersatzmittel, sondern ebenso um präventive und nicht-chemische Massnahmen – also darum, die Abhängigkeit von einzelnen Wirkstoffgruppen zu senken und Resistenzrisiken zu reduzieren, unterstrich Olivier Félix.

Gesamte Wertschöpfungskette im Fokus

Ein politisch heikler, aber strategisch zentraler Punkt ist die Rolle von Handel, Verarbeitung und Konsum. In der Diskussion sagte Christian Hofer, der Entscheid am Ladentisch beeinflusse die Produktion stark. Zielvereinbarungen könnten helfen, dass robuste Sorten entlang der Kette «bis zum Ladentisch» sichtbarer werden – etwa durch erweitertes Angebot und Bewerbung. Gleichzeitig betonte er: Es gehe nicht um politische Eingriffe in Preise oder Sortimente, sondern um verbindlichere Abmachungen zur Unterstützung solcher Ansätze.

Auch die Strategie selbst beschreibt robuste Sorten als Schlüsselinstrument – nennt aber die Hürde, dass sie sich teils mangels Unterstützung des Handels und Koordination mit der nachgelagerten Kette nicht durchsetzen. Vorgesehen sind unter anderem stärkere Berücksichtigung der Robustheit in der Sortenprüfung, Informationskampagnen, Kennzeichnung und Veröffentlichung von Marktanteilen.

Biologische Schädlingsbekämpfung: Pilot gegen Kirschessigfliege

Beim Ausbau der klassischen biologischen Schädlingsbekämpfung wird in der Strategie konkret ein Pilotprojekt erwähnt: Eine Schlupfwespe (Ginapsis kimorum) gegen die Kirschessigfliege (Drosophila suzukii). Der Umsetzungsplan sieht unter anderem Aufbau einer Aufzucht, Inkrafttreten der neuen Verordnung zu koordinierten Bekämpfungsmassnahmen und erste Freilassungen ab 2026 vor.

Zulassung vereinfachen – Notfallzulassungen nicht als Dauerlösung

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Zulassung von Pflanzenschutzmitteln. Ziel ist ein effizienteres Verfahren, damit – insbesondere bei bestehenden Lücken – Produkte rascher verfügbar werden. Vorgesehen sind unter anderem die prioritäre Behandlung von Gesuchen, die Lücken betreffen, sowie eine bessere Nutzung von EU-Bewertungen.

Kurzfristig könne man bei dringendem Bedarf mit Notfallzulassungen helfen – mittel- bis langfristig könne es aber nicht die Strategie sein, den Kulturschutz dauerhaft über Notfallzulassungen zu sichern, sagte Christian Hofer zudem klar. Er warnte auch vor einer Verlagerung: Wenn nachgefragte Kulturen nicht mehr in der Schweiz angebaut werden könnten und stattdessen importiert würden, sei dem umfassenden Umweltschutz nicht automatisch gedient.

Laut Fahrplan des Bundesamts für Landwirtschaft standen 2025 Anpassungen im Kontext der Verordnung und Zulassung von Pflanzenschutzmitteln im Vordergrund, 2026 der Ausbau der biologischen Schädlingsbekämpfung und 2027 bis 2029 die Weiterentwicklung alternativer Schutzmöglichkeiten. Die vollständige Umsetzung ist im Rahmen der AP30+ ab 2030 vorgesehen.