Die Schlupfwespe: Ein Winzling räumt unter den Schadinsekten auf

Schlupfwespen gehören mit rund 100’000 Arten zu den artenreichsten Hautflüglern und spielen eine zunehmend wichtige Rolle in Landwirtschaft, Waldwirtschaft und Gartenbau. Sie parasitieren gezielt Schadinsekten – so werden gezielt gezüchtete Arten heute als natürliche Schädlingsbekämpfer eingesetzt.
Zuletzt aktualisiert am 24. Februar 2026
von Harry Rosenbaum
6 Minuten Lesedauer
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Eine Vertreterin der Scelionidae parasitiert die Eier eines Eulenfalters. (Siegfried Keller)

Mit einer Körperlänge von durchschnittlich fünf Millimetern ist sie extrem klein, aber mit rund 100’000 Arten die stärkste Gruppe unter den Hautflüglern, zu denen Schmetterlinge, Libellen, Käfer und Blattläuse zählen. Die unscheinbare Schlupfwespe hat als nützlicher Parasitoid bei Land- und Waldwirtschaft, im Gartenbau sowie in der Lebensmittelvorratshaltung den sprichwörtlichen «Stein im Brett». Denn als gefrässige Larve ernährt sie sich in ihrer Jugend ausschliesslich von Schadinsekten, die sie mit Haut und Haaren vertilgt. Sie ist der umweltverträgliche Gegenspieler von Pestiziden. Und das ist ihr grosses Ökoplus.

Wenn sich Schadinsekten wie Blattläuse, Maiszünsler, Rapsglanzkäfer, Rapserdflöhe, Drahtwürmer, Kirschessigfliegen und andere in den Feldern breitmachen, können die Schlupfwespen (Ichneumonidae), wenn sie vor Ort sind, grosse Ernteausfälle verhindern. Diese Nützlinge der Wespengattung injizieren ihre Eier nämlich in die Körper der Schadinsekten oder legen sie auf diesen ab. Die heranwachsenden Larven ernähren sich dann von ihren meist ahnungslosen Wirten, bis von diesen nichts mehr übrigbleibt.

Kein Gartenpartyschreck

Kürzlich hat der Entomologe Dr. Siegfried Keller an einem Vortragsabend im Naturmuseum Thurgau in Frauenfeld die Schlupfwespe, ihre Artenvielfalt und ihre Eigenarten vorgestellt. Der Insektenwissenschaftler ist einer der wenigen Schlupfwespenexperten, der den Winzling über Jahre hinweg erforschte. Mit seinem profunden Wissen und zahlreichen Dias verschaffte Siegfried Keller einen beeindruckenden Einblick in die hochspezialisierte Lebensweise der wenig bekannten Wespenart. Mit ihren Compatriots, der Gemeinen Wespe und der Deutsche Wespe, die gerne sommerliche Gartenpartys belästigen und damit alles Wespenartige in Verruf bringen, hat die Schlupfwespe nichts zu tun – ausser der Gattungszugehörigkeit. Zudem ist sie für Menschen und Haustiere völlig ungefährlich.

Siegfried Keller, früher bei der Landwirtschaftlichen Forschungsanstalt Agroscope tätig und heute im Ruhestand, ist Hauptautor des im letzten Jahr beim renommierten Berner Fach- und Sachbuchverlag Haupt erschienen Buches «Schlupfwespen: Ihre geheimnisvolle Welt beobachten und verstehen». In dem Band wird die noch nicht völlig erforschte Insektenart beschrieben und mit Farbfotos und Zeichnungen visualisiert, denn Insektenforscher Siegfried Keller ist auch ein genialer Fotograf. Er machte von dem Miniaturinsekt in all seinen Variationen Tausende von Fotos. Rund 10’000 hat die ETH digitalisiert und archiviert.

Ein hochspezialisiertes Insekt

Die Körper der teilweise flügellosen Tierchen hätten eine schwarze oder düstere Grundfarbe, erläutert Siegfried Keller während des Vortrags. Nur wenige seien schwarzgelb geringelt wie die bekannten Wespenarten. «Die Spezialität der Schlupfwespen ist der Legebohrer – sie tragen ihn auf dem Rücken und können ihn ausklappen», so Siegfried Keller. «Der Bohrer hat einen Stachel und damit dringen sie in den Leib des Insekts ein und legen in diesem ihre Eier ab», erklärt der Forscher den Parasitierungsakt, der den weiblichen Tieren vorbehalten ist. Nur sie verfügen über den Bohrer und zugehörigen Legeapparat.

Aus den Eiern schlüpfen die Larven, die den Wirt von innen auffressen. Die wohlgenährte Larve verpuppt sich schliesslich und schneidet, um nach draussen zu gelangen, ein kreisrundes Loch in den abgestorbenen Wirtskörper. Die frisch geborene Schlupfwespe – die aufgrund dieses Vorgangs ihren Namen hat – setzt dann im Freien ihren Lebenszyklus fort. Nach wenigen Stunden ist das weibliche Insekt bereits im Stande zwischen 400 bis 500 Eier zu produzieren, die es dann vornehmlich in Schadinsekten injiziert. Zum Legebohrer, der ein Geschlechtsorgan ist, gehört auch eine organisch eigenständige Giftdrüse, mit der die Wirtstiere gelähmt oder getötet werden. Das Gift kommt vor allem zum Einsatz, wenn die Schlupfwespe ihre Eier auf und nicht in den Körper des Wirtes legt. «Die Schlupfwespen spüren die Wirtsinsekten vornehmlich mit ihrem ausgeprägten Geruchsinns auf», sagt Siegfried Keller.

Vom Mikrowinzling bis zum Riesen

Schlupfwespen sind Parasitoiden und keine Parasiten. Der Unterschied: Im Gegensatz zu den Parasiten, die ihren Wirt lediglich schädigen, in der Regel aber am Leben lassen, ist der Befall durch Parasitoiden immer tödlich für den Wirt. In diesem Fall ist das für die Land- und Forstwirtschaft, den Gartenbau und die Lebensmittelvorratshaltung von grossem Vorteil. Gemäss den Ausführungen von Siegfried Keller liebt die Schlupfwespe für ihr Gelege vor allem Eier, Larven und Puppen von Schadinsekten, aber auch erwachsene Exemplare sind nicht sicher vor ihren Attacken. Auf parasitoide Weise ernähren sich nur die Larven der Schlupfwespen. Adulte Tiere hingegen leben von Nektar, Pollen und Honigtau. Ihre Lebenszeit ist kurz, sie dauert nur vier bis fünf Wochen.

Die kleinste Schlupfwespenart misst gerade mal 0,14 Millimeter und ist nur mit dem Mikroskop aufspürbar. Die grösste Art – die Riesenschlupfwespe – ist mit einer Länge von 70 Millimetern im Vergleich dazu ein Gigant. Die Hälfte ihrer Körperlänge sei dem Legebohrer geschuldet, sagt Siegfried Keller. Die Riesenschlupfwespe ist auf Holzwespen spezialisiert, sie kann mit ihrem Legebohrer tief ins Holz eindringen und so ihre Eier auf die Larven der Holzwespe ablegen. Andere Schlupfwespenarten konzentrieren sich auf Pflanzen: «Sie stechen mit dem Legebohrer in die Pflanzenstiele, müssen bei der Eiablage aber sehr schnell sein, weil sich die Stiele nach dem Einstich rasch wieder verschliessen und dadurch den Legebohrer einklemmen können», erklärt der Entomologe.

Schadinsekten werden nicht resistent gegen Nutzinsekten

Der Klimawandel begünstigt in der Landwirtschaft, vor allem beim Pflanzenbau, die Ausbreitung von Schadinsekten – dagegen kommen Pestizide zum Einsatz. Allmählich werden die Schädlinge jedoch dagegen resistent, vor allem wenn die chemischen Bekämpfungsmittel einseitig angewendet werden. Zudem verursachen Pestizide grosse Umweltschäden. Ganz anders die Wirkung von Nutzinsekten: Die Schädlinge können gegen sie keine Resistenz entwickeln. Nützlinge verursachen zudem auch keine Umweltschäden. Im Gegenteil, sie bereichern die Biodiversität.

Siegfried Keller merkt an, dass Schlupfwespen nicht nur effizient in der Landwirtschaft gegen Schädlinge wirkten, sondern auch im Gartenbau in Gewächshäusern und bei der Lagerung von Lebensmitteln. Er sagt, dass Schlupfwespen beziehungsweise deren Eier im Fachhandel erhältlich seien. Angeboten würden sie in Packungen mit Larven von Schädlingen, in welchen sich bereits die Eier der Schlupfwespen befänden.

Spezielle Schlupfwespen für spezielle Schädlinge

Beim Fachhandel heisst es, dass für die biologische und natürliche Schädlingsbekämpfung spezielle Schlupfwespenarten wie die «Encarsia formosa» gezüchtet würden, die vor allem gegen die Weisse Fliege, ein Schädling im Gemüsebau, wirksam sei. Auch zur Bekämpfung von Larven der Kohlweissfliege, der Blattlaus und von Eiern des Maiszünslers gibt es spezielle Schlupfwespenzüchtungen. Die Eier der Schlupfwespen sollten möglichst frühzeitig bei von Schädlingen betroffenen Pflanzen ausgebracht werden, um einen grösseren Befall zu verhindern. Es wird empfohlen, 10 bis 50 Eier pro Quadratmeter auszubringen.

Die Wissenschaft schätze, so Siefried Keller in seinem Ausblick auf die Zukunft der Schlupfwespe, dass es in Zukunft zwischen einer halben und einer Million Hautflüglerarten geben werde und davon etwa 90 Prozent Schlupfwespenarten sein würden. Vor allem ihre Kleinheit begünstige eine derartige Expansion. Ein weiterer Grund sei die Lebensweise. Diese Insekten ernährten sich ausschliesslich von anderen Insekten. Zudem seien viele Wespen, die eigentlich in die Gruppe der Schlupfwespen gehörten, noch gar nicht wissenschaftlich erfasst. Wegen ihrer Kleinheit würden sie buchstäblich durch die Maschen fallen und seien heute noch schlecht erforscht.