Waldverjüngung unter Druck: Wenn zu viel Wild den Schweizer Schutzwald bremst

Was der Kanton Bern mit dem Wildeinflussgutachten 2025 sichtbar macht, ist kein Einzelfall: In vielen Regionen der Schweiz beeinträchtigen zu hohe Schalenwildbestände die natürliche Waldverjüngung – genau dort, wo der Wald wegen Trockenheit, Stürmen, Schädlingen und Bränden ohnehin unter Druck steht.
Zuletzt aktualisiert am 15. Januar 2026
von Renate Hodel
4 Minuten Lesedauer
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Was sich in Bern, Graubünden oder im Tessin zuspitzt, ist Teil eines nationalen Musters: Der Schweizer Wald steht in vielen Regionen gleichzeitig unter Klimastress und unter hohem Verbissdruck durch Schalenwild. Zwar wird der Schweizer Wald überwiegend naturnah bewirtschaftet, doch «gebietsweise zu hohe Wildbestände beeinträchtigen die Naturverjüngung und das natürliche Anpassungspotenzial des Waldes», beschreibt der Waldbericht 2025 herausgegeben von Bundesamt für Umwelt und der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald Schnee und Landschaft. Extremereignisse wie Hitze, Trockenheit, Stürme und Schadorganismen haben den Wald in den letzten zehn Jahren stark belastet – und die Anpassungsfähigkeit an den Klimawandel ist zur grössten Herausforderung geworden.

Diese doppelte Belastung hat Folgen bis in die Wertschöpfungskette: Wo Bäume absterben oder zwangsgenutzt werden müssen, verändern sich Planung, Pflege und Holznutzung.

Ohne Nachwuchs keine Klimaanpassung

Aus Sicht des Bundesamts für Umwelt ist klar, dass wenn der Wald seine Leistungen langfristig sichern soll, muss die Bewirtschaftung angepasst werden. Im Kern geht es darum, gezielt Verjüngung zu ermöglichen und zu pflegen, damit künftig standortgerechte und zukunftstaugliche Baumarten nachkommen. Der Waldbericht betont, dass sich Schutzwälder vielerorts verdichtet haben und dadurch dunkler wurden; in Kombination mit «hohem Wildverbiss» fehle zunehmend die Verjüngung.

Besonders heikel ist die Situation in den Schutzwäldern, die Menschen und Infrastrukturen vor Naturgefahren schützen. Laut dem Waldbericht hat der Anteil an Schutzwald mit sehr wenig Verjüngung – unter 5 Prozent Verjüngungsdeckungsgrad – in den letzten zehn Jahren zugenommen und liegt inzwischen bei 30 Prozent der Schutzwaldfläche. Regional sind die Unterschiede markant: im Jura und Mittelland rund 12 Prozent, in den Voralpen 19 Prozent, in den Alpen 34 Prozent und auf der Alpensüdseite 41 Prozent. Der Bericht nennt als wichtige Ursachen zu wenig Licht in dichter werdenden Beständen – und «unverändert hohen Verbiss der Jungbäume durch Rehe, Hirsche und Gämsen».

Der Bund spricht in diesem Zusammenhang darum von «naturnahem adaptivem Waldbau»: Mit Waldpflege können Waldbesitzende Struktur und Baumartenzusammensetzung mittelfristig beeinflussen – weg von anfälligen, hin zu widerstandsfähigeren Beständen.

Wildverbiss als Bremsklotz – besonders bei «Zukunftsbaumarten»

Genau hier kollidieren Klimaziele und Wilddruck: Viele jener Baumarten, die in einem wärmeren Klima wichtiger werden, wie beispielsweise Eiche, Ahorn, Weisstanne, sind für Reh, Hirsch oder Gämse besonders attraktiv. Das betont auch die Arbeitsgruppe Wald-Wildtiere des Schweizerischen Forstvereins: Die Studien zeigten «ein einheitliches Bild» – der Wildeinfluss sei in vielen Regionen stark, «Tendenz steigend», und besonders betroffen seien «klimaresistentere Baumarten wie Eiche, Ahorn und Weisstanne».

Damit wird die Balance zwischen Wald und Wild nicht nur zur Jagdfrage, sondern zur Anpassungsfrage: Wo Verjüngung ausbleibt, verzögert oder blockiert das die Umwandlung in artenreiche Mischwälder – und gefährdet langfristig auch die Schutzfunktion.

Ein Problem der Vergleichbarkeit: Kantone messen – aber nicht einheitlich

Ein zusätzlicher Knackpunkt ist die Datengrundlage. In ihrem Überblick auf Basis kantonaler Daten von 2020 bis 2024 zeigt der Schweizerische Forstverein in einem Bericht, dass der Wildeinfluss heute auf rund zwei Dritteln der Schweizer Waldfläche gutachterlich beurteilt wird. Je nach Zuordnung kantonaler Klassen liegen 46 bis 50 Prozent der beurteilten Fläche in der besten Stufe und erleben damit keine Beeinträchtigung der natürlichen Verjüngung – das sind aber deutlich weniger als noch 2015 mit damals noch 68 Prozent. Besonders betroffen sind Weisstanne und Laubhölzer – in einzelnen Kantonen wie Glarus, Graubünden oder Wallis waren in Stichprobeninventuren auch die Fichte häufig verbissen.

Gleichzeitig warnt der Bericht des Schweizerischen Forstvereins vor einem Interpretationsproblem: Weil die kantonalen Stufen uneinheitlich definiert sind, bleiben Aussagen zur tatsächlichen Tragweite wie Schutzfunktion, Klimaanpassung oder Wertholzproduktion oft unscharf. Entsprechend wird ein schweizweit koordiniertes Monitoringsystem gefordert, um auch kantonsübergreifend in Wildräumen beurteilen zu können, ob Massnahmen wirken.

Bund, Kantone, Jagd, Waldbesitzer: Wer muss liefern?

Für die Waldeigentümerinnen und Waldeigentümer ist zentral, dass die Verantwortung nicht hin- und hergeschoben wird. Benno Schmid von WaldSchweiz fordert ein Zusammenspiel «aller Ebenen und Akteure» – und sieht die Federführung bei den Kantonen, weil dort «die institutionellen Hebel» liegen. Gleichzeitig verweist WaldSchweiz auf eine laufende Arbeit des Bundes: Der Bund erarbeitet einen Bericht zum Postulat Reichmuth «Zukunftsfähige Wälder sind nur mit gesetzeskonformem Wildverbiss möglich». Aus Sicht von WaldSchweiz soll dieser Bericht «konkrete Massnahmen definieren», die danach auch umgesetzt werden.

Der rechtliche Rahmen ist dabei klar: Kantone müssen Wildbestände so regulieren, dass die natürliche Verjüngung mit standortgerechten Baumarten grundsätzlich ohne Schutzmassnahmen möglich ist – wo das nicht gelingt, sind Massnahmen zur Wildschadenverhütung vorgesehen.

Blick in Kantone zeigen unterschiedliche Rezepte und gleiche Baustellen

Die Generaldirektion für Umwelt des Kantons Waadt beschreibt, wie wiederholte Dürre- und Hitzephasen – vor allem im Juramassiv – zu hoher Mortalität führen und Borkenkäfern günstige Bedingungen bieten. Um Wälder anzupassen, sollen Baumarten gefördert werden, die mit neuen Bedingungen zurechtkommen – doch gerade diese werden von Huftieren gern verbissen. Kantonal zeigen Erhebungen seit 2016 starke, regional unterschiedliche Schäden – im Jura und in Teilen der Voralpen vor allem durch den Hirsch, in der Broye eher durch das Reh. Parallel zur Regulierung setzt der Kanton Waadt auch auf waldbauliche Massnahmen und Ruhegebiete. Im Januar 2026 wurde ausserdem das Konzept «Forêt-Gibier» aktualisiert, inklusive Ziele für 2026 bis 2030.

Tessin – viel Rothirsch, 90 Prozent Schutzwald

Wie kantonal unterschiedlich die Ausgangslagen sind, zeigt das Tessin. Andrea Pedrazzini, Vorsteher der Sektion Wald, schätzt den Rothirschbestand auf rund 7’250 Tiere. Die Präsenz der Tiere wirke sich «negativ auf die natürliche Waldverjüngung aus» und begünstige indirekt invasive Neophyten – weil diese vom Rothirsch weniger bevorzugt werden.

Im Tessin kommt hinzu, dass der Wald gleichzeitig durch Klimaveränderungen wie Trockenperioden und Waldbrände sowie invasive Organismen stark belastet ist. Besonders relevant: Rund 90 Prozent der Tessiner Wälder sind Schutzwälder. Laut Andrea Pedrazzini wurden die Abschüsse in Zusammenarbeit mit Jagd und Fischerei deutlich erhöht; ein neuer kantonaler Waldplan soll 2026 Ziele und Massnahmen festlegen.

Graubünden: Grosse regionale Unterschiede – und der Ruf nach konsequenter Jagd

Auch in Graubünden wird der Wildeinfluss regelmässig beurteilt. Für die kantonale Gesamtsituation hält das Amt für Wald und Naturgefahren des Kantons Graubünden in einer letzten Beurteilung fest: Auf 16 Prozent der Waldfläche wird der Wildeinfluss als «gross» und auf 7 Prozent als «sehr gross» eingestuft – also in Kategorien, in denen mindestens eine Hauptbaumart schalenwildbedingt ausfällt. Auf weiteren 21 Prozent gilt der Wildeinfluss als «erheblich». Gleichzeitig weist der Bericht auf deutliche regionale Unterschiede hin und nennt als mögliche Ursachen für lokale Verbesserungen unter anderem verstärkten Jagddruck oder die Präsenz von Grossraubtieren.

In der Bewertung und den Forderungen wird der Ton deutlich: Der Druck auf weibliche Tiere und Jungtiere müsse hoch bleiben, Sonderjagden seien konsequent durchzuführen – und falls lokale Jägerinnen und Jäger nicht mitziehen, brauche es «eine andere Lösung». Im Bericht heisst es: «Als letzte Möglichkeit muss die Wildhut den geplanten Abschuss tätigen können.» Parallel dazu verfolgt Graubünden seit 2021 ebenfalls eine Lebensraum-Wald-Wild-Strategie: In Fünfjahresschritten soll sich der Waldzustand bis 2035 etappenweise verbessern, damit natürliche Verjüngung wieder möglich wird.

Was daraus folgt

National verdichten sich drei Botschaften:

  • Klimaanpassung braucht Verjüngung
  • Wildmanagement und Waldbau müssen zusammen gedacht werden, weil viele zukunftsfähige Baumarten gleichzeitig besonders verbissgefährdet sind
  • Ohne besser vergleichbare Daten wird es schwierig, Fortschritte glaubwürdig nachzuweisen – darum der Ruf nach einem koordinierten Monitoring

Damit wird «Wald und Wild» zur landesweiten Daueraufgabe: nicht als Konflikt zwischen Jägern und Förstern – sondern als gemeinsames Projekt, damit der Wald seine Schutz- und Nutzfunktionen auch im Klima von morgen erfüllen kann.