Mehr Wilddruck, weniger junge Bäume: Bern will Wald und Wild bis 2040 ins Gleichgewicht bringen

Der Kanton Bern zieht eine kritische Bilanz: Steigender Wildeinfluss erschwert die natürliche Waldverjüngung, während unter anderem die Rothirschbestände trotz höherer Abschüsse weiter zunehmen. Mit der neuen Strategie «Wald-Wild-Lebensraum 2040» will der Kanton den Trend mit klaren Zielwerten, gezielter Jagdsteuerung, angepasster Waldbewirtschaftung und gemeinsamer Finanzierung von Schutzmassnahmen langfristig korrigieren.
Zuletzt aktualisiert am 15. Januar 2026
von Renate Hodel
6 Minuten Lesedauer
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Die natürliche Waldverjüngung in den Berner Wäldern ist mancherorts stark unter Druck – so kann der Wald seine Funktionen zukünftig nicht merh erfüllen. (rho)

Der Druck von Wildtieren auf die Waldverjüngung im Kanton Bern nimmt weiter zu. Das zeigt das Wildeinflussgutachten 2025: Nur noch 41 Prozent der Waldfläche gelten als «tragbar», ebenfalls 41 Prozent als «kritisch» – und 18 Prozent als «untragbar». Damit wird die natürliche Verjüngung vielerorts zur Herausforderung – ausgerechnet in einer Phase, in der der Wald wegen Trockenheit, Stürmen und Klimawandel widerstandsfähiger und artenreicher werden müsste. Mit der neuen Strategie «Wald-Wild-Lebensraum 2040» will der Kanton nun den Berner Wald sanieren und für die Zukunft rüsten.

Wildeinflussgutachten 2025: «Markante Verschiebung» Richtung kritisch

Für das Amt für Wald und Naturgefahren des Kantons Bern ist das Gutachten mehr als eine Bestandesaufnahme: Es ist Grundlage für Jagdplanung, waldbauliche Entscheide und die Umsetzung der neuen Strategie. «Für uns ist das Wildeinflussgutachten eine wichtige, vertrauenswürdige und nachvollziehbare Grundlage», betonte Isabel Ballmer, wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Amt für Wald und Naturgefahren. Erhoben wird der Zustand auf rund 700 Referenzflächen im Wald, die typisch für die jeweilige Gegend sind.

Isabel Ballmer erklärt auch, was die Kategorien im Alltag bedeuten: «Tragbar» heisst, dass die Verjüngungsziele mit standortgerechten Baumarten erreichbar sind, «kritisch» bedeutet eine unsichere Entwicklung und bei «untragbar» sei eine Entmischung der Baumarten sichtbar – im Extremfall komme «gar keine Baumart mehr auf».

Die Zahlen zeigen einen deutlichen Trend: 2015 waren kantonsweit noch 63 Prozent tragbar, 2023 waren es 52 Prozent und 2025 waren es nun noch 41 Prozent. Gleichzeitig stieg der Anteil kritischer Flächen von 27 Prozent im Jahr 2015 über 31 Prozent im Jahr 2023 auf 41 Prozent im Jahr 2025. Der Anteil untragbarer Flächen hat sich in 10 Jahren fast vordoppelt – von 10 Prozent im Jahr 2015 bis auf 18 Prozent im Jahr 2025.

Regional bleibt das Bild sehr unterschiedlich: Im Mittelland nehmen vor allem kritische Flächen zu, in den Alpen wachsen insbesondere die untragbaren Flächen. Isabel Ballmer verwies darauf, dass seit 2023 die Baumartenvielfalt im Gutachten stärker gewichtet wird – eine bewusst strengere Beurteilung, «wenn man einen resilienten, einen widerstandsfähigen Wald haben möchte».

Auch Michel Brügger, Leiter Waldabteilung Alpen und Co-Projektleiter der Wald-Wild-Lebensraum-Strategie, ordnete ein: «Die Situation hat sich leider nicht verbessert – im Gegenteil, es gibt eine weitere Verschärfung der Situation mit regionalen Unterschieden.» Gerade mit Blick auf den Klimawandel sei die drohende Entmischung problematisch – und ein Grund, «strategisch vorzugehen» statt kurzfristige Wunder zu erwarten.

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Die Ämter für Wald und Naturgefahren und für Landwirtschaft und Natur wollen die Wald-Wild-Lebensraum-Strategie gemeinsam angehen: Marc Balsiger, Michel Brügger, Nicole Imesch, Isabel Ballmer und Michael Gysi. (rho)

Mehr Abschüsse – und trotzdem steigende Bestände beim Rothirsch

Ein Hebel der Strategie ist die gezielte Jagdsteuerung, besonders beim Rothirsch. 2025 wurden im Kanton Bern 1’323 Rothirsche erlegt – rund ein Viertel mehr als 2023. Die jagdplanerischen Ziele seien «grossmehrheitlich erreicht» worden.

Jagdinspektorin Nicole Imesch nannte die Resultate «wirklich sehr erfreulich» und lobte die Jägerschaft ausdrücklich: «Es ist eine grosse Leistung, so viele Rothirsche zu erlegen, denn es ist eine anspruchsvolle Rothirschjagd.» Damit die Strecke steigt, wurden verschiedene Massnahmen umgesetzt – etwa eine Sonderjagd in Wildräumen, in denen die Ziele nach der Hauptjagd und Nachjagd nicht erreicht wurden. 2025 wurde diese um eine Woche verschoben, weil die Bedingungen günstiger waren und die Tiere bereits in den Wintereinstand gezogen waren.

Zentral ist zudem die Fokussierung auf reproduzierende Kategorien: In der ersten Jagdwoche dürfen nur weibliche Tiere bejagt werden – der Anteil weiblicher Tiere an der Gesamtstrecke stieg in zwei Jahren um 11 Prozentpunkte auf 63 Prozent. Gleichzeitig müsse die Tierethik beachtet werden, etwa bei führenden Tieren.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt bei Gebieten rund um eidgenössische Jagdbanngebiete: Dort konzentrieren sich die Tiere, weil sie die Grenzen kennen und jagdlich schwer erreichbar sind. Im Umfeld des Jagdbanngebiets Schwarzhorn wurden deshalb in den letzten zwei Jahren gezielt, stark eingeschränkte Eingriffe durchgeführt: Am Schwarzhorn seien 20 Stände definiert worden, für die sich die Jägerinnen und Jäger anmelden müssten, schildert Nicole Imesch die Organisation. «So wissen wir immer genau, wer wo ansitzt», erläuterte sie. In den letzten beiden Jahren seien dort jeweils 80 Tiere freigegeben worden – erlegt wurden jeweils rund 70 Tiere.

Trotzdem bleibt die Bestandsentwicklung eine Herausforderung: Nicole Imesch verwies darauf, dass die kantonsweite Tendenz weiterhin «aufwärts» zeige – teils, weil Senkungsziele in gewissen Wildräumen noch nicht erreicht sind, teils auch wegen der weiteren Ausbreitung des Rothirschs. «Im Jura hat es noch relativ wenig Rothirsche, dort ist er noch in der Ausbreitungsphase und auch im Mittelland ist er noch in der Ausbreitungsphase, was auch dazu führt, dass diese Steigerung vom Bestand über den Gesamtkanton gesehen weiterhin anhält», erklärte die Jagdinspektorin.

Strategie «Wald-Wild-Lebensraum 2040» mit vier Handlungsfeldern und klaren Zielwerten

Mit der Wald-Wild-Lebensraum-Strategie 2040 wollen das Amt für Wald und Naturgefahren und das Amt für Landwirtschaft und Natur des Kantons Bern die Massnahmen in Jagd, Waldbewirtschaftung, Wildschadenverhütung und Kommunikation bündeln. Ausgelöst wurde der Prozess politisch durch die Motion Riem, erarbeitet wurde die Strategie gemeinsam mit einer Begleitgruppe aus Jagd, Waldbesitz, Landwirtschaft und Naturschutz.

Die Strategie setzt bewusst auf einen langen Atem: Der Zeithorizont beträgt 15 Jahre bis 2040, weil Waldentwicklung und die Wirkung von Massnahmen Zeit brauchen. Marc Balsiger, Vorsteher des Amts für Wald und Naturgefahren, sagte dazu: Der Horizont sei «nicht zufällig recht weit hinausgepflanzt», da es nicht realistisch sei, in deutlich kürzerer Zeit spürbare Effekte zu erwarten.

Kernstück sind messbare Zielwerte aus dem Wildeinflussgutachten – pro Wildraum, also nicht nur als Kantonsdurchschnitt: Bis 2040 sollen mindestens 65 Prozent der Waldfläche je Wildraum einen tragbaren Wildeinfluss aufweisen, maximal 10 Prozent sollen untragbar sein. Marc Balsiger machte den Sprung zur Gegenwart ausdrücklich: Mit den 2025er-Werten würde das heissen, «bei den untragbaren Flächen eine Reduktion von 18 Prozent auf 10 Prozent» und bei den tragbaren «eine Verbesserung von 41 Prozent auf 65 Prozent im Minimum».

Die vier Handlungsfelder sind:

  • Jagd: gezielte Regulation, neu organisierte Jagdplanung – mehr weibliche Tiere in der Strecke
  • Waldbewirtschaftung: naturnah und flächendeckender, Förderung der natürlichen, vielfältigen Verjüngung – trotz fehlender Bewirtschaftungspflicht setzt der Kanton auf Anreize und Beratung
  • Wildschadenverhütung: Lebensraumqualität, Ruhe und Vernetzung im Wald und im Offenland – punktuell Schutz von Jungbäumen als Übergang
  • Kommunikation: gemeinsames Verständnis schaffen, Massnahmen gemeinsam tragen

Michael Gysi, Vorsteher des Amts für Landwirtschaft und Natur, betonte dabei den gemeinsamen Auftritt der Ämter als Signal: «Wir kommunizieren gemeinsam – das ist ein Novum im Kanton Bern – unter anderem mit offenen Zahlen zu Wildeinfluss und Jagderfolg.»

Noch fehlen finanzielle Mittel

Gerade weil Waldbewirtschaftung in schwierigen Lagen oder bei schwankenden Holzpreisen oft wenig rentiert, ist das Ganze auch eine Kostenfrage. Marc Balsiger verwies auf bestehende Förderprogramme, vor allem im Schutzwald. Gleichzeitig wies Michel Brügger darauf hin, dass Schutzmassnahmen dort teuer werden, wo natürliche Verjüngung ohne Schutz derzeit nicht möglich ist. Der Kanton wolle hier unterstützen: «Das soll nicht Sache der Waldbesitzenden sein, dass sie diese Kosten selbst tragen müssen», sagte er – und sprach von politischen Prozessen, um die entsprechenden zusätzlichen Mittel bereitzustellen.

Unterm Strich bleibt die Botschaft klar: Der Kanton Bern sieht den steigenden Wildeinfluss als Handlungsauftrag – und setzt mit der Wald-Wild-Lebensraum-Strategie auf ein langfristiges, messbares Programm, das Jagd, Waldpflege, Lebensraumgestaltung und Zusammenarbeit gleichzeitig in Bewegung bringen soll.