Mehr als nur Bretter: Warum Schweizer Holz ein Zukunftsrohstoff ist

Rund ein Drittel der Schweiz ist bewaldet – und Holz ist dabei weit mehr als Kulisse. Die Integrale Wald- und Holzstrategie 2050, aber auch die Schweizer Berghilfe wollen Holz als Rohstoff, Klimafaktor, Energieträger und Arbeitgeber stärken. Der rote Faden: Wertschöpfung entsteht dort, wo Holz nicht nur geerntet, sondern intelligent genutzt, verarbeitet und weitergedacht wird – und wo die Kette vom Wald bis zum Produkt funktioniert.
Zuletzt aktualisiert am 17. Februar 2026
von Renate Hodel
8 Minuten Lesedauer
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Die neue Werkhalle der Holzbaufirma Müller in Wengen bietet viel Platz: Dank ihr entfällt umständliches Umschichten und langwieriges Manövrieren mit den Transportern. (Yannick Andrea/Schweizer Berghilfe)

Rund 30 Prozent der Landesfläche in der Schweiz sind bewaldet – und zwei Drittel davon liegen im Berggebiet. Und gerade im Berggebiet prägt der Wald Landschaft, Alltag und Wirtschaft. So will auch die Schweizer Berghilfe dieses Jahr mit dem Schwerpunktthema «Vom Wald zum Produkt» greifbar machen, dass Holz nicht nur Kulisse, sondern Rohstoff, Klimafaktor, Energieträger, Schutzschild gegen Naturgefahren und Grundlage für zehntausende Arbeitsplätze ist und Wertschöpfung dort entsteht, wo Holz nicht nur geerntet, sondern klug genutzt, verarbeitet und weitergedacht wird. Und: Holz kann in den kommenden Jahren noch viel stärker zu einem Schweizer Erfolgsmodell werden – wenn Politik und Branche nun konsequent umsetzen, was mit der neuen Integralen Wald- und Holzstrategie 2050 angestossen wurde.

Holz kann viel – wenn man es strategisch nutzt

Der Bundesrat fasst die Bedeutung des Waldes bewusst breit: Schutz vor Naturgefahren, Rohstoff für Bau- und Energiebranche, CO₂-Speicher, Lebensraum für Tiere und Pflanzen, Naherholung. Gleichzeitig steht der Wald unter Druck – durch Extremwetter, Schädlinge und Krankheiten. Die im Dezember 2025 vom Bundesrat gutgeheissene Integrale Wald- und Holzstrategie 2050 soll Schutz- und Nutzungsaspekte zusammenführen und die strategische Richtung für die kommenden Jahre setzen. Explizit hält der Bund fest, dass nachhaltige Holznutzung Teil der Lösung ist – sie trägt zur Waldpflege und zur Sicherung der Waldfunktionen bei.

Diese breite Perspektive ist zentral. Wer Holz nutzt, muss den Wald pflegen, damit er gesund bleibt – und wer den Wald pflegen will, braucht funktionierende Holzabsatzmärkte.

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Die Sägerei Kälin verarbeitet seit vier Generationen regional geerntetes Holz rund um den Sihlsee. (Alexandra Rozkosny/Schweizer Berghilfe)

«Mehr Holz tut gut»: Klimanutzen und Wertschöpfung gehören zusammen

Sandra Burlet, Direktorin der Dachorganisation der Schweizer Wald- und Holzwirtschaft Lignum, brachte es an einer Medienkonferenz der Schweizer Berghilfe auf den Punkt: «Mehr Holz tut gut und die Schweiz tut gut daran, auf eine aktive Holzwirtschaft und Nutzung zu setzen.» Holz wachse ohne Fremdenergie, binde CO₂ und speichere dieses in Produkten weiter. Gleichzeitig könne Holz im Bau emissionsintensive Materialien ersetzen und so die Klimabilanz der Bauwirtschaft verbessern.

Denn Klimanutzen entsteht nicht nur im Wald, sondern vor allem in der Kette – vom Einschlag über Sägereien und Holzindustrie bis zu Holzbau und Schreinerei. Sandra Burlet erinnerte daran, dass Schweizer Sägereien «fast ausschliesslich inländisches Holz» verarbeiten – der Schweizer Holzanteil liege dort bei über 97 Prozent. Und sie machte klar, wo die grösste Wertschöpfung passiert: beim Bauen und Ausbauen mit Holz.

In der Schweiz wächst im Wald jährlich viel Holz nach – genannt wurden rund 10 Millionen Kubikmeter. Nachhaltig genutzt werden könnte deutlich mehr, als heute tatsächlich genutzt wird: Im Raum stehen rund 8 Millionen Kubikmeter als möglich, während aktuell eher etwa 5 Millionen pro Jahr genutzt werden. Die Branche verfolgt deshalb seit Jahren das Ziel, die Nutzung um 1 Million Kubikmeter zu steigern – ein Ziel, das in der Strategie beziehungsweise im Umfeld der strategischen Diskussion ebenfalls mitschwingt.

Drei Projekte – drei Lektionen, die weit über das Berggebiet hinausreichen

Die Schweizer Berghilfe stellte drei Beispiele vor, die zeigen, wie unterschiedlich Holz «wirken» kann – als Energie, als Baukompetenz, als Hightech-Nischenprodukt.

 

Vom Restholz zur Wärme bei der Sägerei Kälin in Euthal im Kanton Schwyz: Die Sägerei Kälin verarbeitet rund 4’000 Kubikmeter Rundholz pro Jahr, viel davon regional. Aus Restholz wurde nun ein neues Geschäftsmodell: eine Fernwärmeanlage. Co-Geschäftsführer Simon Kälin schilderte, wie sein kleiner Betrieb dieses trotz Finanzierungshürden und langer Planung aufbaute. Heute sind Dutzende Häuser angeschlossen. Die Anlage spart bereits Heizöl ein, und im Vollausbau sollen es 80’000 bis 100’000 Liter sein.

Die Lektion: Holz kann Energie ersetzen – besonders sinnvoll, wenn Wertschöpfung und Versorgung lokal sind und wenn Reststoffe genutzt werden, die stofflich nicht mehr passen.

 

Holzbau mit Logistik im Blut bei Müller Holzbau in Wengen im Kanton Bern: Müller Holzbau zeigt, was «Bauen im Berggebiet» praktisch bedeutet – Material kommt entweder per Bahn, oft auch per Helikopter. Bauen wird dadurch rund ein Viertel teurer als im Tal unten. Die Werkhalle ist darum nicht einfach eine schöne Investition, sondern eine Voraussetzung, um effizient zu bleiben und Ausbildungsplätze zu sichern.

Die Lektion: Wer Holzbau will, muss Strukturen ermöglichen – von Infrastruktur bis Berufsbildung. Gerade in peripheren Regionen ist ein Holzbaubetrieb nicht nur Lieferant, sondern Arbeitgeber, Ausbildner und regionaler Stabilitätsfaktor.

 

Holz als Hightech im Ski bei Timbaer in Appenzell im Kanton Appenzell Innerhoden: Timbaer begann als Abschlussarbeit, wurde zur Firma und setzt auf einen patentierten Holzkern im Ski. Der nächste Schritt für Dano Waldburger und Andreas Dobler wurde dann mit einer Investition in spezialisierte CNC-Technologie möglich. Entscheidend ist bei Timbaer auch das Marketing, denn Vorbild ist das Sportkleidungsunternehmen On: «Niemand ging davon aus, dass eine so junge Firma eine Innovation wie diesen patentierten Holzkern auf den grossen internationalen Skimarkt bringen kann – aber genau das ist auch unser Antrieb: 2005 stellte sich Nike auch die Frage, wer denn schon On sei und das motiviert uns, in den nächsten 30 Jahre an denselben Punkt zu kommen und dann auch niemand mehr fragen muss, wer Timbaer ist», so Dano Waldburger.

Die Lektion: Holz ist nicht nur Tradition. Holz kann Innovation sein – wenn Knowhow, Technologie und Mut zusammenkommen, um eine Nische konsequent aufzubauen.

Mehr Nutzung – aber bitte organisiert

Denn mit der Integralen Wald- und Holzstrategie 2050 liegt nun auch der politische Rahmen auf dem Tisch. Die Umsetzung gelingt aber nur mit enger Zusammenarbeit zwischen Bund, Kantonen und allen wichtigen Akteuren – von Waldeigentümerschaften über Holzwirtschaft und Holzbau bis zu Umwelt, Forschung und Bildung.

Gerade bei schwieriger zugänglichen Gebieten ist die Holzernte aber oft aufwändiger und teurer. Lignum begrüsst darum die Strategie, spricht in diesem Zusammenhang aber auch von der Notwendigkeit gezielter Investitionen, etwa in zusätzliche Walderschliessung, besonders im voralpinen und alpinen Raum, um Holz überhaupt mobilisieren zu können. Es brauche investitionsfreundliche Rahmenbedingungen für die Holzverarbeitung über Kaskadennutzung und Klimaleistung bis zu nachhaltigem Bauen mit Holz und leistungsfähigen Strukturen in der Waldwirtschaft.

Der Markt sendet Signale

Auch die Marktlage zeigt, dass Holz gefragt ist. Laut Holzmarktkommission melden Schweizer Sägewerke eine hohe Nachfrage, die Preistendenz beim Rundholz sei «tendenziell steigend». Besonders bei Nadelholz – Fichte und Tanne – übersteige die Nachfrage das Angebot, und Energieholz sei saisonbedingt stark nachgefragt. Gleichzeitig wird sichtbar, wie schnell Sortimentsgrenzen verschwimmen können: Wenn die Preisdifferenz klein ist, wird potenzielles Industrieholz teilweise als Energieholz verwertet.

Das ist ein wichtiges Detail für die Diskussion um «mehr Nutzung»: Mehr Holz aus dem Wald ist nicht automatisch mehr Wertschöpfung. Entscheidend ist, wo das Holz landet – in langlebigen Produkten wie Bau, Ausbau und Möbel oder im Heizkessel. Holzenergie kann zwar fossile Heizungen ersetzen –wenn aber hochwertiges Rundholz in den Ofen wandert, verschenkt man Potential. Genau deshalb betonen sowohl Strategie wie auch die Branche Themen wie Kaskadennutzung: Holz sollte möglichst zuerst stofflich, später energetisch genutzt werden.

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In Appenzell entstehen unter dem Namen Timbaer ganz besondere Ski: Dano Waldburger zeigt den patentierten Holzkern, Andreas Dobler einen fertigen Ski. (Yannick Andrea/Schweizer Berghilfe)

Stolz darf sein – aber er muss sich auch tragen

An der Medienkonferenz der Schweizer Berghilfe klang neben der Begeisterung für Holz auch Realismus mit. Schweizer Holz und Schweizer Verarbeitung sind nicht automatisch konkurrenzfähig, besonders nicht in Regionen mit schwieriger Topografie und kleinen Betriebsstrukturen.

Die Holzwirtschaft sei im Berggebiet nach Landwirtschaft und Tourismus die drittgrösste Arbeitgeberin, ordnete Kurt Zgraggen, Geschäftsführer der Schweizer Berghilfe, ein. Prägend sei aber die Struktur: 99 Prozent der Betriebe seien Kleinunternehmen, viele davon mit weniger als zehn Arbeitsplätzen. Gerade dort seien Investitionen in Werkhallen, Maschinen oder neue Geschäftsfelder schwierig – und genau hier setzt die Berghilfe als «Finanzierungspartner» an. In den letzten zehn Jahren habe sie in der Holzwirtschaft im Berggebiet knapp 13 Millionen Franken in rund 190 Betriebe investiert.

«Holz ist ein lokaler Rohstoff, der Wertschöpfung im Tal aber vor allem auch im Berggebiet fördert und er birgt viel Innovationskraft – damit wird die inländische Wettbewerbsfähigkeit gefördert, die nach aussen in unsere umliegenden Länder und vielleicht sogar global ausstrahlt», betonte brachte Eva Jaisli, Präsidentin der Schweizer Berghilfe. Unabhängigkeit bei Rohstoffen sowie die Sicherstellung von Beschäftigungs- und Ausbildungsmöglichkeiten sei ein ausserordentlich wertvolles Gut. «Es gibt gute Gründe, stolz zu sein auf die Holzwirtschaft», sagte sie.

Holz braucht Fachkräfte und Kooperation

Am diesjährigen «Brünig Forum – Wald Holz Wirtschaft», dem Netzwerkforum, das die Wald- und Holzwirtschaft der Zentralschweiz und des Kantons Bern verbindet und das ebenfalls Ende Januar stattfand, rückte ein Punkt ins Zentrum, der in vielen Strategiepapieren zwar vorkommt, aber in der Praxis oft harzt: Menschen. Der Fachkräftemangel sei regional unterschiedlich, aber «überall spürbar» – mit Ursachen von Belastung über tiefe Löhne bis zu mangelnden Perspektiven. Und: Wer Nachwuchs gewinnen will, muss sichtbar sein, einfach kommunizieren und dort auftreten, wo Jugendliche unterwegs sind.

Das Forum betonte ausserdem Kooperation als Schlüssel: Weniger Inseln, mehr abgestimmte Kette. Denn Holz ist ein Rohstoff, bei dem «die Kette» alles ist. Wenn ein Glied fehlt – Erschliessung, Erntekapazität, Transport, Sägekapazität, Trocknung, Vorfertigung, Planungskompetenz – wird das Produkt am Ende entweder teurer oder es wird ausweichen müssen. Kooperation soll darum nicht nur Parole sein, sondern zentrale Arbeitsweise für die Zukunft. Denn Nachwuchsgewinnung, Innovation, Wettbewerbsfähigkeit und Akzeptanz für den Holzbau entstehen dort, wo Akteure ihre Stärken verbinden – vom Wald bis zur Architektur.

Holz geht uns alle an

Die Berghilfe setzt den Fokus auf das Berggebiet, aber die zentrale Botschaft kann man nicht im Bergwald lassen. Denn ob Schweizer Holz eine echte Zukunftsrolle bekommt, entscheidet sich ebenso:

  • In Städten: Holzbau, Aufstockungen, Sanierungen, öffentliche Bauten
  • Im Mittelland: Verarbeitung, Logistik, Bauwirtschaft, Nachfrage
  • In der Beschaffung: Wer schreibt wie aus? Wer priorisiert heimische Produkte?
  • In der Ausbildung: Wird Holz als Beruf und Hightechwerkstoff sichtbar?
  • In der Zusammenarbeit entlang der Kette

Dabei stellt sich auch die Grundsatzfrage, ob wir Holz als «Koppelprodukt» nebenbei wollen – oder als strategischen Rohstoff, der Klima, Versorgungssicherheit, regionale Arbeitsplätze und Baukultur verbindet.

Die gute Nachricht ist, dass die Schweiz Wald, Knowhow und eine leistungsfähige Kette hat. Sie hat ein strenges Waldgesetz als Grundlage und nun mit der Integralen Wald- und Holzstrategie 2050 einen gemeinsamen Rahmen. Und sie hat Menschen, die zeigen, was möglich ist – vom Fernwärmenetz aus Restholz bis zur Werkhalle, die Logistikprobleme entschärft, oder zum Ski, dessen «Herz aus Holz» ein Weltmarktprodukt werden will.

Stolz auf die Schweizer Holzwirtschaft ist deshalb nicht nur erlaubt – er ist sinnvoll. Vorausgesetzt, er wird jetzt in Umsetzung übersetzt: mit Fachkräften, Kooperation, Investitionen und einer Wertschöpfung, die Schweizer Holz möglichst oft zu Schweizer Produkten macht.