Spritzmittelproblematik beschäftigt Kartoffelbauern

Von Jahr zu Jahr verlieren Bauern wirksame Pflanzenschutzmittel, um ihre Kulturen zu schützen. Das stellt den Kartoffelanbau vor Herausforderungen. Ein Beispiel aus der Praxis zeigt die Konsequenzen: Teurere Lebensmittel oder mehr Importe. Die Branche forscht intensiv und züchtet resistente Sorten.
Zuletzt aktualisiert am 5. März 2026
von Jasmine Baumann
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2017 Kartoffelkäfer Schädling Lid

Der Wegfall von Pflanzenschutzmitteln beschäftigt die gesamte Schweizer Landwirtschaft. Viele Mittel verlieren ihre Zulassung und nur wenige neue Mittel kommen auf den Markt. Die Bauern können somit viele Kulturen wie Getreide, Raps, Zuckerrüben, und auch Gemüse nicht mehr genügend vor Krankheiten und Schädlingen schützen. Dies führt zu höherem Arbeits- und Kostenaufwand sowie möglichen Einbussen beim Ertrag und in der Qualität.

«Der Pflanzenschutz bereitet uns Sorge», sagte Niklaus Ramseyer, Präsident der Vereinigung Schweizerischer Kartoffelproduzenten, an der Versammlung von letzter Woche. Der Verband engagiert sich für die Zulassung von Pflanzenschutzmitteln, die Forschung und fördert robuste Sorten.

«Kartoffeln sind extrem anfällig»

Was der Verlust der Pflanzenschutzmittel in der Praxis bedeutet, erklärt Landwirt und Agronom Thomas Steiner auf Anfrage. Seine Familie baut seit vielen Jahren Kartoffeln an.

«Kartoffeln sind extrem anfällig für die Kraut- und Knollenfäule, eine Pilzkrankheit. Ohne Fungizide kann ein ganzes Kartoffelfeld innerhalb weniger Tage komplett absterben», sagt er. Landwirte gehen mit hohen Investitionen in Vorleistung. Sie müssen Saatgut kaufen, Dünger und Pflanzenschutzmittel. Auch Kosten für Maschinen kommen dazu.

Thomas Steiner vergleicht in der untenstehenden Tabelle den konventionellen Anbau mit Pflanzenschutzmitteln, wie er aktuell auf seinem Hof aussieht, mit dem Anbau ohne Pflanzenschutzmittel (also auch ohne Bio-Spritzmittel wie Kupfer).

Die Rechnung zeigt auf, dass beim Anbau ohne Pflanzenschutzmittel vor allem beim Ertrag mit grossen Einbussen zu rechnen wäre, oder gar mit einem Totalausfall. Auch beim konventionellen Anbau wird der Landwirt nicht reich an seinen Kartoffeln. Thomas Steiner sagt dazu: «Bei der Kartoffel ist das wirtschaftliche Risiko enorm. Ohne Schutz decken die Erlöse oft nicht einmal die Kosten für das teure Pflanzgut und den Dünger.»

Dies erkläre auch, warum die Anbaubereitschaft für Kartoffeln unter den Bauern nicht mehr so gross sei.

Produktionsrisiko und Qualitätsverluste führen zu teureren Lebensmitteln

Doch nicht nur bei den Kartoffeln würde ein Verzicht oder Wegfall von Pflanzenschutzmitteln zu Problemen führen. Thomas Steiner erklärt es zusätzlich am Beispiel vom Brotweizen. Ohne Herbizide und Fungizide sinkt der Ertrag realistisch um 30 bis 40 Prozent. Zudem entsteht in diesem Fall ein Qualitätsproblem. Ohne Schutz gegen Ährenfusarium steigen die Mykotoxinwerte (Pilzgifte). Der Weizen verliert den Status als «Brotweizen» und kann nur noch als minderwertiges Futter verkauft werden, oder ist gar nicht mehr verkehrsfähig.

Der wirtschaftliche Schaden lasse sich in drei Punkten zusammenfassen:

  1. Produktionsrisiko: Wir verlieren die Versicherung gegen Wetterextreme (feuchte Jahre = Pilzdruck).
  2. Qualitätsverlust: Wir produzieren zum Teil nur noch Tierfutter statt Lebensmittel für den Menschen.
  3. Fixkostenfalle: Die Kosten für Pacht, Maschinen und Saatgut bleiben gleich, während der Ertrag massiv einbricht.

«Ohne Pflanzenschutzmittel müssten die Preise für Lebensmittel drastisch steigen (Brotweizen), oder gewisse Lebensmittel würden nicht mehr angebaut (Kartoffeln)», ist das Fazit des Landwirtes.

Kaum Alternativen auf den Märkten

Der Wegfall von chemischen Pflanzenschutzmitteln beschäftigt nicht nur die Kartoffelproduzenten, sondern die gesamte Branche. David Brugger vom Schweizer Bauernverband erklärt, wie prekär die Situation ist. «In der Schweiz, wie auch in Europa werden seit einigen Jahren praktisch keine neuen chemischen Wirkstoffe mehr bewilligt». So werden die verbleibenden Mittel immer mehr und breiter in allen möglichen Kulturen eingesetzt. Dies führe zu einem hohen Risiko von Resistenzen, ähnlich wie wir es von den Antibiotika kennen.

 «Es ist absehbar, dass das System Chemischer Pflanzenschutz im übertragenen Sinne quasi mit Vollgas an die Wand gefahren wird», sagt Brugger.

Für die Produktion und die Konsumenten sei dies eine Katastrophe mit Ankündigung, auf welche wir nicht vorbereitet sind. Es seien kaum Alternativen zu den chemischen Pflanzenschutzmitteln auf die Märkte gekommen, oder diese wirken nicht zuverlässig, sind sehr teuer oder nur sehr aufwändig umsetzbar.

Alternativen werden gesucht

Wie chemischen Pflanzenschutzmitteln reduziert oder ersetzt werden können, wird intensiv untersucht. Für die Unkrautbekämpfung stehen verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung: mechanische Bekämpfung von Hand oder mit Maschinen wie Hackern oder Jät-Robotern. Bei diesen Techniken steigt der CO2-Aussstoss im Vergleich zur chemischen Bekämpfung. Auch das Spot-Spraying oder die Bandspritzung zielen auf eine Reduktion von Herbiziden ab.

Diese modernen Technologien werden bisher im Ackerbau und Gemüsebau nur begrenzt eingesetzt, weil sie teuer sind.

«Für den Schutz vor Insekten und Pilzkrankheiten gibt es bisher kaum Alternativen», sagt Thomas Steiner. Bei Kulturen mit grossem Pilzrisiko seien PSM existenziell, um sie überhaupt anzubauen.

  • Robuste Sorten: Die Forschung und Pflanzenzucht entwickelt mit natürlicher Kreuzungszucht resistente Sorten. Noch einen Schritt weiter geht Crispr-Cas, eine gentechnische Zuchtmethode. Diese ist in der Schweiz noch nicht erlaubt.
  • Biologische Bekämpfungsmethoden: Bei Kartoffeln wird der Pilz Metarhizium getestet. Dieser befällt Drahtwürmer, macht sie krank und tötet sie. Die Wirkung liegt jedoch nur bei 30-40%.
  • RNA-basierte Pflanzenschutzmittel: Sie schalten im Kartoffelkäfer lebenswichtige Genfunktionen still. Diese Wirkstoffe werden in der Schweiz erforscht, sind aber noch nicht für den Anbau zugelassen.
  • Alternative Beizungsmethoden: Mechanische Behandlungen von Saatgut mit Dampf, Elektronen oder Bürsten wirken nur gegen samenbürtige Pilz-Krankheiten, jedoch nicht gegen Insekten.

Neue Studie von Agroscope untersucht Kraut- und Knollenfäule

Mit durchschnittlich sechs bis acht Behandlungen pro Jahr – und über vierzehn im Jahr 2024 – sind Kartoffeln in der Schweiz die Ackerbau-Kultur mit dem höchsten Fungizideinsatz. Neue Stämme der Kraut- und Knollenfäule erschweren den Landwirten die Bekämpfung: sie sind virulenter und genetisch vielfältiger. Daher will nun die Forschungsanstalt Agroscope die Populationsdynamik erfassen und Empfehlungen für die Praxis liefern. Ziel sei es, die Sortenwahl und den Fungizideinsatz zu optimieren und gleichzeitig Kosten und Befallsrisiko zu reduzieren.