Eine neue Generation von Bäuerinnen und Bauern: Die Schweiz reformiert die landwirtschaftliche Ausbildung

Ab 2026 werden Lernende in der Landwirtschaft eine grundlegend überarbeitete Ausbildung absolvieren. Sie wird flexibler, stärker an den Realitäten auf dem Betrieb orientiert – und führt die neue Fachrichtung «Alp- und Berglandwirtschaft» ein.
Zuletzt aktualisiert am 9. Januar 2026
von Pascale Bieri / AGIR
5 Minuten Lesedauer
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Ein optionales viertes Lehrjahr und eine neue Fachrichtung: Die landwirtschaftliche Ausbildung wird umgestaltet. (jin)

Die Schweiz modernisiert eines ihrer ältesten Berufsfelder. Ab dem Ausbildungsstart 2026 werden junge Menschen, die das eidgenössische Fähigkeitszeugnis (EFZ) als Landwirtin oder Landwirt anstreben, nicht mehr denselben Weg wie heute einschlagen: Der Lehrgang wird neu zwei gemeinsame Jahre umfassen sowie ein drittes Jahr, in welchem eine Fachrichtung gewählt wird. Im Rahmen eines optionalen vierten Jahres kann eine zweite Fachrichtung belegt werden. Ziel dieser Revision ist es, besser auf die Vielfalt des Landes und die rasante Entwicklung der Landwirtschaft eingehen zu können. 

«Die Schweizer Landwirtschaft ist äusserst vielfältig», heisst es von der Organisation der Arbeitswelt der Berufe des Berufsfelds Landwirtschaft (OdA AgriAliForm). «Zwischen einem Landwirt im Waadtländer Mittelland, der hundert Hektaren Getreide anbaut, und einem Landwirt im Toggenburg, der zehn Kühe in einem Alpental hält, liegen Welten – auch wenn es sich um denselben Beruf handelt und so braucht es eine Ausbildung, die diese Vielfalt widerspiegelt», so die Dachorganisation der landwirtschaftlichen Berufsbildung.

«Die Ausbildung zielt nicht mehr nur darauf ab, technisches Knowhow zu vermitteln, sondern junge Menschen auf die komplette Führung eines landwirtschaftlichen Betriebs vorzubereiten.»
OdA AgriAliForm
Organisation der Arbeitswelt der Berufe des Berufsfelds Landwirtschaft

Flexibleres System 

Die Revision, die im Frühjahr 2025 vom Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) verabschiedet wurde, sieht die sechs Fachrichtungen Ackerbau, Rindviehhaltung, Schweinehaltung, Geflügelhaltung, biologischer Pflanzenbau sowie Alp- und Berglandwirtschaft vor. In den ersten beiden Jahren des gemeinsamen Grundstudiums wird weiterhin eine allgemeine Ausbildung angeboten – Pflanzenbau, Tierhaltung, Mechanisierung, Grundlagen der Betriebswirtschaft, Umwelt –, bevor im dritten Jahr eine Spezialisierung folgt. Ein optionales viertes Jahr ermöglicht es, eine zweite Fachrichtung zu ergänzen. So können beispielsweise die Fachrichtungen Rindviehhaltung und Alp- und Berglandwirtschaft kombiniert werden.

«Wir wollten ein einziges landwirtschaftliches EFZ beibehalten, aber Ausbildungswege anbieten, die an die lokalen Gegebenheiten angepasst sind», so die OdA AgriAliForm. Das neue System ermögliche mehr Auswahl und Anpassung, während gleichzeitig eine gemeinsame Grundlage an allgemeinen Kompetenzen für alle Landwirte erhalten bleibe. «Die Spezialisierung ermöglicht es dann, den eigenen Ausbildungsweg zu optimieren, unabhängig davon, ob man bereits ein konkretes Projekt hat oder dieses erst während der Ausbildung entdeckt», heisst es weiter. 

Neue Kompetenzen für einen Beruf im Wandel 

Über die Struktur hinaus verändert sich auch der Inhalt der Ausbildung grundlegend. Die Revision legt einen stärkeren Schwerpunkt auf Nachhaltigkeit, Betriebswirtschaft, Kommunikation und digitale Technologien. Die Lernenden sollen nicht nur mit der Mähmaschine umgehen können, sondern ebenso mit Instrumenten des Daten- und Betriebsmanagements.

Die Fachbewilligung für Pflanzenschutzmittel (FaBe PSM), die ab dem 1. Januar 2026 für den Kauf oder die Verwendung von Pflanzenschutzmitteln unerlässlich ist, wird ebenfalls in den Lehrplan aufgenommen. «Die Ausbildung zielt nicht mehr nur darauf ab, technisches Knowhow zu vermitteln, sondern junge Menschen auf die komplette Führung eines landwirtschaftlichen Betriebs vorzubereiten», so die OdA AgriAliForm.

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Der Klimawandel verschärft zunehmend die Probleme der Alp- und Berglandwirtschaft. (ssi)

Starkes Signal zugunsten der Berggebiete 

Eine der wichtigsten Neuerungen ist die neue Fachrichtung «Alp- und Berglandwirtschaft». Die Idee entstand aus einem langen Konsultationsprozess mit Workshops, an denen Schulen, Lehrmeisterinnen und Lehrmeistern sowie Berufsverbände beteiligt waren. «Anfangs hatten wir eine Fachrichtung ins Auge gefasst, die sich auf kleine Wiederkäuer konzentrierte», heisst es von der OdA AgriAliForm, «aber die Idee entwickelte sich hin zu einem breiteren Ansatz, der die Realität der Berggebiete insgesamt umfasst».

Die Fachrichtung richtet sich in erster Linie an junge Menschen aus Bergregionen, steht aber allen offen. Sie könnte auch für Lehrlinge aus dem Flachland interessant sein, deren Familien eine Alp bewirtschaften. «Diese Fachrichtung berücksichtigt auch die Tatsache, dass ein Grossteil der Betriebe in Höhenlagen in Teilzeit betrieben werden und sich oft diversifizieren müssen», so die OdA AgriAliForm. Zu den behandelten Themen gehören die Bewirtschaftung von Alpweiden, Produktverarbeitung, Direktvermarktung oder auch Agrotourismus – Bereiche, die für das wirtschaftliche Überleben der Berggebiete zentral sind.

«Das Ziel dieser neuen Fachrichtung ist es nicht, eine Bergfolklore wiederzubeleben, sondern eine Weiterentwicklung des Berufs widerzuspiegeln.»
OdA AgriAliForm
Organisation der Arbeitswelt der Berufe des Berufsfelds Landwirtschaft

Begrenztes Angebot, aber von symbolischer Bedeutung 

Nicht alle Schulen werden diese Fachrichtung anbieten können, aus Gründen der finanziellen Ressourcen und der Anzahl Lernender. «In der Westschweiz beispielsweise gehen wir davon aus, dass wahrscheinlich nur ein bis zwei Schulen die Fachrichtung anbieten werden: Es wäre nicht sinnvoll, drei Lernende an drei verschiedenen Standorten auszubilden», stellt die Dachorganisation der landwirtschaftlichen Berufsbildung fest. Das Schweizer Bildungssystem bietet jedoch eine grosse Durchlässigkeit: Auszubildende können ihr drittes Lehrjahr bei Bedarf in einem anderen Kanton absolvieren.

Die neue Fachrichtung hat auch eine hohe symbolische Bedeutung, da sie einen Bereich stärkt, der oft als fragil gilt. «In einigen Tälern des Tessins sieht man, was passiert, wenn die Landwirtschaft verschwindet: keine Wirtschaftstätigkeit mehr, keine Einwohner mehr – das Schaffen einer spezifischen Ausbildung ist eine Anerkennung der wichtigen Rolle dieser Gebiete».

Klimawandel verändert Alpwirtschaft 

Diese Anerkennung löst jedoch nicht die Schwierigkeiten der Alp- und Berglandwirtschaft wie geringere Einkommen, härtere Bedingungen oder Anpassung an den Klimawandel. «Die Klimaerwärmung verschärft die Probleme in den Alpen. Sie wirkt sich auf Wasserverfügbarkeit, Vegetation und Sömmerungszeit aus», so die OdA AgriAliForm. Diese Veränderungen erfordern eine ständige Anpassung, sowohl in technischer als auch in sozialer Hinsicht.

Auch die Perspektiven am Arbeitsmarkt verändern sich. Alpgenossenschaften suchen Pächterinnen und Pächter oder Mitarbeitende für die Sommersaison, während einige Familienbetriebe Schwierigkeiten haben, eine Nachfolge zu finden. «Für junge Menschen ohne Familienbetrieb kann dieser Weg Perspektiven für eine Anstellung oder die Übernahme eines Betriebs eröffnen.»

Eine moderne Bergwelt 

Die Alpwirtschaft hat jedoch nichts mit der romantisierten Welt von Heidi zu tun. «Das Ziel dieser neuen Fachrichtung ist es nicht, eine Bergfolklore wiederzubeleben, sondern eine Weiterentwicklung des Berufs widerzuspiegeln», heisst es von der OdA AgriAliForm. «Es ist kein Schritt zurück, sondern eine Anpassung an die heutigen Realitäten in den Bergen, die durch Arbeitskräftemangel, Klimabedingungen, den zunehmenden Druck durch Grossraubtiere und das allmähliche Aufkommen neuer Technologien gekennzeichnet sind», heisst es weiter. In bestimmten Gebieten gebe es zwar noch keine 5G-Abdeckung, aber die Technologie entwickle sich. «Drohnen können bereits bestimmte mechanische Arbeiten in schwierigem Gelände ersetzen», so die OdA AgriAliForm.

Mit anderen Worten: Die Ausbildung junger Menschen, die traditionelles Know-how, Innovation und nachhaltiges Management miteinander verbinden können, wird zu einer Notwendigkeit, dass die Berggebiete lebendig bleiben.