Neustart ohne Nutztiere: Naturhof setzt auf Urgetreide und Lebenshofkonzept
Anfang September 2025 entschied sich der 200. Hof in der Schweiz, die «Transfarmation» in Angriff zu nehmen – die Ums...
Der schneebedeckte Boden knuspert unter den Schuhen an diesem Wintermorgen Mitte Januar. Die aufgehende Sonne bescheint sanft die Schafe, die in Niedermuhlern auf dem Längenberg BE weiden.
Emsig knabbern sie die Grashalme ab, die aus der feinen Schneedecke herauswachsen. Manchmal scharrt eines mit dem Fuss den Schnee weg, um an das darunterliegende Gras zu gelangen.
«800 Schafe sind es noch», sagt Markus Nyffeler. Die Lämmer hat er im Herbst gekauft – dann, wenn die Schafherden von den Alpen zurück ins Tal kommen. «So ein Schümeli Schnee ist gerade gäbig», findet der erfahrene Hirt.
Markus Nyffeler zieht bereits den 35. Winter als Wanderhirt durch die Gegend. «Schon als Schulbub, habe ich immer Giacomo, dem damaligen Hirten geholfen. Er war Italiener aus Bergamo», erzählt der heute 65-jährige. Da habe es ihm den Ärmel hineingenommen. Vom elterlichen Hof war er den Umgang mit Schafen ohnehin gewohnt.
«Ich mag es, draussen zu sein in der Natur. In einem Büro zu arbeiten, wäre für mich das Schlimmste», sagt der Hirt. Kalt habe er nie. Man müsse sich halt richtig anziehen: Lange Unterhosen, gute Schuhe und eine rechte Jacke gehören für ihn dazu. Zudem bringen ihm Anwohnerinnen und Anwohner ab und zu etwas zu essen oder einen warmen Tee vorbei.
2026 steht international unter dem Motto «Weiden und Hirten». Das Jahr rückt die Bedeutung von Hirten und Weidewirtschaft für Ernährungssicherheit, Biodiversität und nachhaltige Landwirtschaft ins Rampenlicht.
Weidewirtschaft in der Schweiz
Rund 45–50 Wanderherden sind im Winter unterwegs.
Weiden sind essenziell für die Futterversorgung, die Tiergesundheit und die Düngung der Böden.
Wanderhirten wie Markus Nyffeler sorgen dafür, dass Schafe die Wiesen effizient nutzen, Felder nicht überweidet werden und Grasflächen natürlich gedüngt werden.
Weidewirtschaft stärkt die Biodiversität, erhält traditionelle Landschaften und unterstützt den regionalen Kreislauf von Futter und Fleisch.
Warum ist das wichtig?
Die Arbeit der Hirten verbindet Natur, Tierwohl und Kulturerbe. Sie zeigt, wie traditionelle Landwirtschaft heute nachhaltig und ökologisch wertvoll sein kann.
Ist das Hirtenleben nicht einsam? «Ich bin ja nicht allein», sagt Markus Nyffeler. Da seien noch die Schafe und die Hunde. «Ich lafere sowieso nicht gerne viel», fügt er schmunzelnd hinzu.
Normalerweise begleiten ihn zudem zwei Esel. Diese tragen einige Lasten wie Flexinetz, Regenkleider und die Verpflegung für den Hirten mit. Doch jetzt ist es anders.
Bei einem Unfall vor wenigen Wochen hat sich Nyffeler die Schulter ausgerenkt und mehrere Bänder gerissen. «Einer der Esel ist erschrocken und hat mich umgerissen», erzählt er. «Nun kann ich mit dem verletzten Arm die Esel nicht mehr beladen.» Trotzdem arbeitet er weiter. Als Hirt hat man nie frei. Jeden Tag von Mitte November bis Anfangs März zieht er mit seinen Schafen von Weide zu Weide.
Für die meisten Landwirte ist die Wanderherde ein gern gesehener Besuch. Dem Gras tue es gut, wenn es im Winter abgefressen werde, erklärt der Hirt. «Und weil die Schafe während dem Fressen Kot absetzen, ist der Boden gleich gedüngt. Das Gras wächst im Frühling besser auf.»
Normalerweise überweidet Nyffeler mit seiner Herde ausschliesslich Wiesen. Manchmal frage aber ein Baueran, ob die Schafe seine im Herbst gesäten Getreidefelder, meist Roggen oder Gerste, abfressen könnten.
Wanderhirte braucht Bewilligung vom Veterinäramt
Rechtlich gesehen muss ein Wanderhirte jedes Jahr beim kantonalen Veterinäramt eine Bewilligung einholen, um mit einer Herde durch mehrere Gemeinden ziehen zu dürfen. Er muss angeben, in welchem Gebiet er unterwegs ist und wie viele Tiere er dabei hat.
Markus Nyffelers Wandergebiet erstreckt sich zwischen Belp und Thun, mit der Aare als Grenze, bis nach Riggisberg und Schwarzenburg, wo die Bahnlinie die Grenze markiert. In diesem Gebiet folgt die Wanderherde einer bestimmten Route.
Schweizweit sind im Winter rund 45 bis 50 Wanderherden unterwegs, sagt Nyffeler, der im Vorstand des Verbands Schweizerischer Berufsschäfer sitzt.
Hunde sind treue Mitarbeiter
Wenn ein Feld abgefressen ist, geht der Hirt voraus und die 800 Schafe folgen ihm. Auf der neuen Weide schauen Jim und Greg, die beiden Hunde, dass die Schafe nicht über die Feldgrenze hinausgehen.
Sobald sich einzelne Tiere zu weit vorwagen, sprinten die Hunde pfeilschnell los und umrunden die Herde. Mit Pfeife und Rufen gibt der Hirt ihnen Kommandos. Sind die Schafe wieder am richtigen Ort sind, kehren die Hunde zurück. Garo, der dritte Hütehund, darf an diesem Morgen Pause machen.
«Ohne die Hunde wäre das nicht möglich», sagt Nyffeler.
Der Tagesablauf sieht so aus: Um 8 Uhr morgens entfernt der Hirt den Nachtzaun und zieht mit den Schafen auf Futtersuche. Finden sie genügend Futter und werden satt, machen sie am Mittag eine Pause. Dann liegen sie und sind am Wiederkäuen.
Währenddessen geht der Hirt auf Erkundung. «Die Futtersuche und das Wetter sind meine grössten Herausforderungen», sagt Markus Nyffeler. Bereits im Voraus schaut er, wo sich unter dem Schnee gutes Gras befindet, und plant entsprechend die weitere Route.
Nach der Siesta geht es weiter bis abends um 19 Uhr. Dann treibt der Hirte die Herde zusammen, bringt sie an einen windgeschützten Nachtplatz und zäunt sie ein. Anschliessend geht er selbst nach Hause schlafen.
Ob das wegen des Wolfes nicht gefährlich sei, frage ich. Markus Nyffeler antwortet, wenn einer in der Gegend wäre, sei es riskanter. Das letzte Mal sei vor drei Jahren ein Wolf hier unterwegs gewesen. Ein Wanderer habe beobachtet, wie das Tier um den Nachtpferch mit den Schafen herumgeschlichen sei. «Meine Schafe waren jedoch ganz ruhig und bewegten sich nicht, weil sie an die Hunde gewöhnt sind. Wahrscheinlich ist der Wolf deshalb weitergezogen». In derselben Nacht habe er allerdings einige hundert Meter weiter zwei Schafe auf einer Weide gerissen.
Im Sommer auf der Alp wird Nyffelers Herde zusätzlich zu den Hütehunden von sechs Herdenschutzhunden begleitet. Diese bewachen die Schafe Tag und Nacht vor Raubtieren. Im Winter kann Nyffeler die Herdenschutzhunde jedoch nicht mit der Wanderherde mitnehmen. Das wäre zu gefährlich, weil sie zu wenig auf den Hirten hören und die Schafe ohne Zaun herumziehen. Daher bleiben sie zu Hause im Stall bei den Mutterschafen.
Ein grosser Vorteil der Weidehaltung im Sommer und Winter ist, dass die Schafe das Gras selbst holen und weniger Futter konserviert werden muss. «Seit der Wolf da ist, mästen jedoch viele Bauern die Lämmer im Stall aus. Sie gehen nur noch mit den Mutterschafen auf die Alp und füttern die Lämmer zuhause, auch mit Silage und Kraftfutter.
«Der Lohn eines Hirten ist eigentlich die Gewichtszunahme der Lämmer», erklärt Markus Nyffeler. Pro Lamm bezahlt er im Herbst 150 bis 200 Franken. Werden sie später, mit rund 45 kg geschlachtet, erhält er 280 bis 300 Franken pro Tier. Hat ein Hirt keine eigenen Schafe, ist er als Hirt von den Schafbesitzern angestellt und erhält einen Lohn von 150 bis 200 Franken am Tag, netto.
Während des Winters verkauft Markus Nyffeler alle 3 Wochen 100 bis 200 schlachtreife Lämmer an die Grossmetzgerei Bell AG. Das Fleisch wird anschliessend bei Coop und Prodega zum Verkauf angeboten. Aber Achtung, nur 40% des Lammfleisches stammt aus der Schweiz. 60% werden importiert, meist aus Neuseeland, Grossbritannien und Australien.
Hirtinnen und Hirten verbringen die meiste Zeit draussen bei den Tieren und arbeiten sieben Tage die Woche bei jedem Wetter. Die Verantwortung für das Wohlergehen der Tiere kann auch psychisch belastend sein.
«Wie man die Herde richtig führt und spürt, lernt man nicht so schnell», sagt Markus Nyffeler. Daher gibt es eine schweizerische Schafhirtenausbildung. Diese besteht aus sechs Modulen mit Theorieblöcken, Stallpraktikum, Alppraktikum und einer Prüfung. Mindestens zwei Monate auf der Alp müssen die Praktikantinnen und Praktikanten absolvieren.
«Besser wäre es, ein bis zwei Saisons mit einem erfahrenen Schäfer mitzugehen. Aber leider brechen viele, die die Ausbildung beginnen, diese vorzeitig ab.» Gute Leute zu finden, die die Schafe auf den Alpen betreuen, sei zu einer grossen Herausforderung geworden.
Für Markus Nyffeler gibt es nichts Schöneres, als Schafe zu hüten. Obwohl er seit einem Monat offiziell pensioniert ist und den Landwirtschaftsbetrieb seinem Nachfolger übergeben hat, denkt er noch lange nicht ans Aufhören: «Ich sitze nun sicher nicht auf dem Ofenbänkli». Er wolle weiterhin hirten, solange er mag.
Lieber geniesst er die Ruhe, begleitet von feinem Bimmeln der Glocken. Nur drei seiner 800 Schafe tragen ein Glöggli, es sind die Schafe seiner Grosskinder. Bald ist Mittagszeit. Einige Schafe haben sich bereits hingelegt und geniessen die Sonne.
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