Robust, aber nicht unkompliziert: Topinambur vom Hof Wynistorf

Topinambur ist eine widerstandsfähige Kultur, die stabile Erträge liefert. Für die Familie Wynistorf bedeutet der Anbau dennoch viel Experimentierfreude – von der Fruchtfolge bis zur passenden Erntetechnik.
Zuletzt aktualisiert am 30. Januar 2026
von Elin Wittwer
5 Minuten Lesedauer
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Die Familie Wynistorf baut seit rund 40 Jahren Topinambur an. 2019 übernahm Thomas Wynistorf zusammen mit seiner Frau Stefanie Wynistorf seinen elterlichen Betrieb in Rüedisbach nahe Herzogenbuchsee im Kanton Bern. Auf rund zwölf Hektar halten sie etwa zwölf Mutterkühe, produzieren Fleisch unter dem Label «Natura-Beef» und bauen Dinkel für Biofarm sowie Weizen zur Weiterverarbeitung als Futtermittel an. Zudem halten sie von Frühling bis Herbst Freilandschweine. Mit den Nachbarn bilden sie eine Betriebsgemeinschaft: Die fünf bis sechs Rinder der Rasse Galloway von den Nachbarn sind im Winter bei der Familie Wynistorf untergebracht. Daneben betreibt Thomas Wynistorf eine Sanitär- und Heizungsfirma.

Überschaubarer Schweizer Anbau

«Im Sommer gibt es auf dem Hof viel zu tun, im Winter hingegen sind es vor allem Stallarbeiten, die anfallen – da ist es auch praktisch, wenn eine Kultur im Winter geerntet werden kann», meint Stefanie Wynistorf.

Topinambur gehört zur botanischen Familie der Korbblütler und zählt zur selben Gattung wie die Sonnenblume. Die mehrjährige krautige Pflanze kann bis zu drei Meter hoch werden. Topinambur stammt ursprünglich aus Nord- und Mittelamerika und gelangte zu Beginn des 17. Jahrhunderts nach Europa. Im 19. Jahrhundert galt sie als wichtiges Nahrungs- und Futtermittel, wurde aber schliesslich von der ertragreicheren Kartoffel verdrängt.

216 Tonnen Schweizer Topinamburen 2024 erfasste die Schweizerische Zentralstelle für Gemüsebau und Spezialkulturen SZG im Jahr 2024, während 465 Tonnen aus dem Ausland importiert wurden. Die SZG erfasste zudem etwas mehr als sechs Hektaren Anbaufläche, wobei die Hälfte davon im biologischen Anbau erfolgte.

Dankbare Kultur – herausfordernde Fruchtfolge

Auf dem Betrieb in Rüedisbach wurden die Knollen im April mit einer Kartoffelsetzmaschine gesetzt. Das Saatgut stammt jeweils aus der eigenen Ernte, erklärt Stefanie Wynistorf. Das ist praktisch, denn so müssen sie kein Saatgut anderswo besorgen. Auf dem Betrieb werden zwei verschiedene Sorten Topinambur gepflanzt, davon ist die Sorte «Grütt» von ProSpecieRara anerkannt. Die Pflanze selbst gilt als robust und wenig anfällig für Krankheiten oder Schädlinge. Topinambur ist in dieser Hinsicht eine sehr dankbare Kultur und zeigt eine hohe Ertragsstabilität.

Doch genau diese Widerstandsfähigkeit ist auch der grösste Nachteil der Kultur, wie Stefanie Wynistorf bestätigt: «Die Fruchtfolge ist herausfordernder.» Topinambur darf nur ein Jahr auf demselben Feld wachsen, da er sich sonst in den Folgejahren unkontrolliert ausbreitet. «Wir setzen die Topinamburknollen auf einem Feld, ernten sie und müssen dann drei Jahre lang Gras auf ebendiesem Feld wachsen lassen, das regelmässig gemäht und siliert werden muss», so Stefanie Wynistorf weiter.

«Durch das regelmässige Mähen werden die Topinamburen weitgehend eliminiert», erklärt sie und ergänzt: «Sobald wir jedoch Pflanzen auf einem benachbarten Feld entdecken, entfernen wir sie – bis anhin hatten wir so zum Glück keine Probleme.»

Topinambur: Invasive gebietsfremde Art

Beim Anbau von Topinambur im eigenen Garten ist Vorsicht geboten: Da die Rhizome und Knollen der Pflanze diese zu einer sehr konkurrenzstarken und schwer auszurottenden Art machen, wird Topinambur als Neophyt eingestuft. InfoFlora, das nationale Daten- und Informationszentrum der Schweizer Flora, führt Topinambur auf der Liste der invasiven gebietsfremden Arten und beobachtet sie entsprechend.

Sind die Topinamburen einmal im Boden, vermehren sie sich schnell. Es ist deshalb wichtig, Topinambur in einem kontrollierten Bereich wachsen zu lassen und Pflanzen, die sich ausserhalb dieses Bereichs befinden, mitsamt Rhizomen und Knollen zu entfernen. Zudem ist beim Aushub von Böden, welche Knollen enthalten, Vorsicht geboten. Befallene Erde muss sachgemäss verarbeitet oder entsorgt werden, schreibt InfoFlora.

Bedingungen müssen stimmen

«Bei der Ernte ist die grösste Herausforderung, dass man ein gutes Zeitfenster erwischt: Der Boden darf nicht zu fest gefroren und gleichzeitig nicht zu nass sein», erklärt Stefanie Wynistorf. Ideal sind mehrere aufeinanderfolgende Tage mit passenden Bedingungen, um vier bis sechs Tage am Stück ernten zu können.

Bereits Mitte Dezember hat die Familie Wynistorf rund die Hälfte der Knollen aus dem Boden geholt und 20 Holzpaloxen an die Bio-Produzentenorganisation Terraviva im seeländischen Kerzers geliefert. Dort wird der Topinambur gewaschen, sortiert und für den Einzelhandel verpackt. Beim Hofbesuch liegen die restlichen Knollen noch unter einer Schneeschicht. Die braun gewordenen Stängel hat Thomas Wynistorf bereits vor der ersten Ernte mit dem Maishäcksler entfernt, um die Ernte zu erleichtern.

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Wenn die Knollen reif sind, organisiert die Familie Wynistorf Erntehelferinnen und -helfer aus dem Freundes- und Familienkreis. (zvg)

Es bleibt ein Ausprobieren

Wenn die Knollen reif sind, organisiert die Familie Wynistorf Erntehelferinnen und -helfer aus dem Freundes- und Familienkreis. «Die gemeinsam verbrachte Zeit schätze ich jeweils sehr», meint Stefanie Wynistorf. Trotzdem bleibt vieles ein Lernprozess. «Topinambur ist ein Nischenprodukt, was gewisse Vorteile hat – gleichzeitig kann man sich dadurch aber nicht mit anderen Betrieben über die Kultur austauschen», meint die gelernte Pflegefachfrau und fügt an: «So bleibt es ein Ausprobieren, um herauszufinden, was funktioniert und was nicht.»

Seit letztem Jahr nutzt die Familie beispielsweise eine Erntemaschine für Frühkartoffeln, um die Ernte zu optimieren. «Da konnte uns auch niemand sagen, ob das funktionieren wird», erzählt Stefanie Wynistorf. Auf einer Fläche von 70 Aren bis zu einer Hektare bauen sie Topinambur an – 2024 belief sich die Ernte auf rund 20 Tonnen.

Nun ist noch etwa die Hälfte der Topinamburknollen der Familie Wynistorf im Boden. Höchstwahrscheinlich werden die restlichen Knollen im Februar aus der Erde gegraben.

Kalorienarme Sattmacherin

Topinambur bringt Abwechslung in die Winterküche. Die süsslich und nussig schmeckende Knolle ist reich an Proteinen, wertvollen Mineralstoffen, Kohlenhydraten und Vitaminen. Sie enthält den Mehrfachzucker Inulin, einen Ballaststoff, der lange sättigt und den Appetit nachhaltig stillt. Anders als der in Kartoffeln enthaltene Zucker ist Inulin besonders für Menschen mit Diabetes geeignet.

Dank dieser gesunden Eigenschaften erlebte Topinambur zuletzt eine kleine Renaissance und erfährt in der europäischen Küche deshalb seit einigen Jahren wieder mehr Anerkennung. Das Wurzelgemüse kann roh als Salat oder gekocht als Suppe gegessen werden. Auch frittiert, ähnlich wie Pommes Frites, schmeckt die Knolle gut.