«Wildfire Flowers»: Rosen aus Kenia für Europas Märkte

Die Blumenfarm «Wildfire Flowers» liegt in der Region Naivasha in Kenia, rund 90 Kilometer nordwestlich von Nairobi. Gegründet wurde sie vor 26 Jahren vom Österreicher Peter Szapary. Er setzt bewusst auf Qualität und Nachhaltigkeit statt auf Massenproduktion und liefert unter anderem Blumen in die Schweiz.
Zuletzt aktualisiert am 3. Februar 2026
von Kirsten Müller
7 Minuten Lesedauer
2025 International Blumenproduktion In Kenia Wildfire Flowers Gewaechshaus Kmu
Typische Jahreserträge liegen grob bei etwa 25 bis 40 Stielen pro Pflanze und Jahr – je nach System: Beispielsweise 230 bis 300 Stiele pro Quadratmeter bei etwa 8 bis 9 Pflanzen pro Quadratmeter. (kmu)

Sein Weg nach Kenia begann nicht mit Blumen, sondern mit Zahlen. Unternehmensberater in Wien, landwirtschaftliche Wurzeln, dann ein Sabbatical – vor 30 Jahren. Er wollte Kenia mit dem Rucksack erkunden. «Durch einen Zufall sollte ich einen Projektbericht über eine Blumenfarm in Naivasha schreiben», erzählt Peter Szapary. Dabei entdeckte er seine Begeisterung für das Thema. «Kurz darauf konnte ich Land kaufen – und wir legten einfach los, obwohl ich zuvor noch nie Blumen angebaut hatte», erklärt er weiter. Heute leitet der Autodidakt eine Farm mit 740 Mitarbeitenden und einer Jahresproduktion von über 50 Millionen Stielen.

Der Betrieb entwickelte sich von einem kleinen Outgrower-System zu einer eigenständig produzierenden und vermarktenden Farm. Der Weg dahin war nicht ganz einfach, denn die Blumenbäuerinnen und Blumenanbauer stehen immer wieder in der Kritik: Sei es als Ausbeuter der Arbeiter oder für, sagen wir mal, den robusten Umgang mit Pflanzenschutz. Der 62-jährige Unternehmer Peter Szapary wählt andere Methoden und wehrt sich gegen diese Vorwürfe: «Ich zeige Ihnen meinen Betrieb und bitte Sie, ehrlich zu berichten.»

«Blau und Schwarz bleiben Wunschdenken»

«Wildfire Flowers» ist eine von über 220 kenianischen Blumenfarmen von denen etwa 70 in der strategisch wichtigen Region um den Naivashasee konzentriert sind – in Fläche ausgedrückt sind es 1’200 Hektaren. Diese Region auf knapp 2’000 Meter über Meer zeichnet sich aus durch ihr konstant warmes Klima, die nahe gelegenen Geothermiefelder und grosse Süsswasserreserven. Insgesamt werden geschätzte 280’000 Tonnen Blumen im Wert von über 835 Millionen US-Dollar exportiert. Somit ist Kenia einer der weltweit führenden Exporteure von Schnittblumen. Rosen dominieren dabei mit einem Anteil von knapp 70 Prozent.

Peter Szapary bewirtschaftet eine Fläche von insgesamt 44 Hektaren, davon entfallen 19 Hektaren auf Rosen unter Glas mit einer geplanten Jahresproduktion von rund 37 Millionen Stielen. Auf weiteren 25 Hektaren baut er Sommerblumen an, daneben hauptsächlich Johanniskraut mit rund 17 Millionen Stielen jährlich. Neu im Sortiment ist Gypsophila – Schleierkraut. «Wir gehören nicht zu den grössten Playern und suchen deshalb die Nischen», erklärt Peter Szapary.

Angebaut werden Standard- und Sprayrosen in mehreren Farbvarianten, ebenso wie Johanniskraut, «wobei wir hier die volle Farbpalette bieten und somit ein Alleinstellungsmerkmal haben», so Peter Szapary. Die Farm arbeitet mit europäischen Züchtern zusammen und testet laufend neue Sorten. Ziel ist eine möglichst breite Farbpalette: «Nur Blau und Schwarz bleiben Wunschdenken – eine Gelddrucklizenz, wenn es sie gäbe», sagt Peter Szapary. Konkret sucht er aktuell nach einer orangefarbenen Rose mit etwas grösserem Kopf. «Da sind wir aber nicht die Einzigen», ergänzt er.

Der Weg in die Schweiz

Der Weg der Rose vom Gewächshaus in Kenia bis in die Schweiz ist eine logistische Meisterleistung. Im Idealfall liegen zwischen Ernte und Ladentheke zirka fünf Tage. So hat sich der Detailhändler Coop verpflichtet, ausschliesslich Fairtrade-zertifizierte Rosen anzubieten. Hier kommt «Wildfire Flowers» ins Spiel, welches das Label seit 2012 besitzt. Die Rückverfolgbarkeit ist bei Fairtrade-Rosen gewährleistet.

Sobald sich die Blüten öffnen, ernten Fachkräfte mehrmals täglich. Sie prüfen die Qualität und die Pflanzengesundheit direkt vor Ort. Spätestens 30 Minuten nach dem Schnitt werden die Rosen im Kühlraum hydriert. Die optimale Lagertemperatur beträgt zwischen 3 und 4° C. Die Kühlung verlangsamt den Stoffwechsel der Pflanzen und verlängert so ihre Lebensdauer erheblich. Die Rosen werden in der Pack- und Sortierhalle sortiert und gebündelt. Am gleichen Tag gehen sie in speziellen Boxen auf die Reise, in Peter Szaparys Fall nach Nairobi zum Flughafen.

Weil ihm der Footprint wichtig sei, habe er versucht, die Rosen per Schiff zu transportieren. Die Krise am Suezkanal hat dem Vorhaben ein jähes Ende gesetzt. In Zürich gelandet werden die Rosen bezüglich Temperatur und Unversehrtheit geprüft. Von da aus geht es nach einem weiteren Verarbeitungsprozess in die Filialen. Schnittblumen gehören zur Kategorie der Frischwaren und werden entsprechend mit Sorgfalt behandelt. Ganz wichtig: Die Kühlkette darf nie unterbrochen werden. Am Valentinstag verkauft Coop beispielsweise rund 50 Prozent mehr Rosen als an einem normalen Tag.

Übrigens: Es finde eine tägliche Qualitätskontrolle vor Ort statt, betont der Unternehmer. Die Transportkette wird realitätsnah simuliert, indem Ware wie im kommerziellen Export verpackt, nach Europa versandt und dort mehrere Tage in Kühlung gelagert wird. Anschliessend erfolgt eine mehrtägige Haltbarkeitsprüfung. «So können wir gegebenenfalls bei Reklamationen genau nachvollziehen, wo die Lücke ist», erklärt Peter Szapary.

2025 International Blumenproduktion In Kenia Wildfire Flowers Peter Szapary Mitarbeitende Vincent Mokaya Winnie Njonge Kmu
Der Österreicher Peter Szapary mit seiner engsten Mitarbeiterin Winnie Njonge und Mitarbeiter Vincent Mokaya. (kmu)

Wichtigster Absatzmarkt ist Grossbritannien

Rund 95 Prozent der Produktion werden direkt an Kunden verkauft. Zu den Abnehmern zählen Gross- und Zwischenhändler sowie Lebensmitteleinzelhändler in Deutschland, Finnland, Norwegen, Frankreich, Grossbritannien und der Schweiz. Weitere Märkte sind Asien mit Japan und der stark wachsende Markt im Mittleren Osten. In der Schweiz beliefert «Wildfire Flowers» seit vielen Jahren Coop über einen Zwischenhändler.

Ein Teil der Vermarktung läuft über die firmeneigene Handelsgesellschaft «The Flower Hub», die Peter Szapary vor 20 Jahren mit zwei Partnern gründete. «Wildfire Flowers» liefert rund 30 Prozent seiner Jahresproduktion an «The Flower Hub», zusätzlich kauft «The Flower Hub» bei etwa 80 weiteren Betrieben in Kenia ein.

Der wichtigste Absatzmarkt ist Grossbritannien, mit der Supermarktkette Morrisons als grösstem Kunden. Daneben setzt «The Flower Hub» gezielt auf Nischen- und Wachstumsmärkte, unter anderem in Südafrika, Australien, Japan, im Nahen Osten und in Nordeuropa.

Mitarbeiterkomitee verwaltet Gelder

Der Betrieb beschäftigt wie gesagt rund 740 Mitarbeitende, davon sind 56 Prozent Frauen. Rund 70 Prozent sind gewerkschaftlich organisiert. Die jährliche Fluktuation liegt unter 1 Prozent. Darauf ist Peter Szapary besonders stolz.

Die Farm ist vollständig Fairtrade-zertifiziert. Fairtrade-Prämien werden von einem Mitarbeiterkomitee verwaltet und in Bildungs- und Sozialprojekte investiert, darunter Schulen, Klassenzimmer, Biogasanlagen, medizinische Einrichtungen und Stipendienprogramme. Das jährlichen Fondsvolumen liegt bei rund 15 Millionen Kenianischen Schilling, was etwa 110’000 Euro entspricht. Das schätzen die Mitarbeiter sehr.

Zertifizierungen und Klimabilanz

Der Betrieb ist unter anderem nach GlobalG.A.P., MPS, Kenya Flower Council und Fairtrade zertifiziert. Die Farm arbeitet klimaneutral. Der Strom stammt überwiegend aus erneuerbaren Energien wie Geothermie, Wasserkraft und Solar von der eigenen Solaranlage. Zusätzlich werden CO₂-Bilanzen erstellt und Restemissionen kompensiert.

Zur Erhaltung und Verbesserung der Bodenfruchtbarkeit setzt «Wildfire Flowers» auf regenerative Bewirtschaftungssysteme. Dazu zählen Zwischenfruchtanbau, reduzierte Bodenbearbeitung, Weidesysteme mit Rindern und Ziegen, Kompost- und Wurmkompostanwendung sowie der Einsatz von Pflanzenkohle. Erste Versuchsflächen zeigen innerhalb von acht Monaten messbare Zuwächse an organischer Bodensubstanz.

  • Regenerative Produktionswirtschaft liegt Peter Szapary am Herzen: Eine Wurmkompostanlage zerkleinert Pflanzenreste und Kartons. (kmu)
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Nischen statt Massenware

«Wir sind ein Familienunternehmen und mein Management sowie unsere Mitarbeitenden sind auch in gewisser Weise Familienmitglieder – wir müssen einfach versuchen, zwischen den grossen Jungs zu navigieren und andere Dinge tun», so Peter Szaparys Philosophie.

Steigende Produktionskosten bei stagnierenden Preisen setzten die Farm unter Druck, sagt er. Die Inputkosten für Düngemittel, Chemikalien und Maschinen wüchsen kontinuierlich. Die Luftfrachtkosten seien in den vergangenen Jahren immens gestiegen. Begrenzte Frachtkapazitäten und hohe Kosten bleiben eine der grössten Herausforderungen. Hinzu kommt das anspruchsvolle Schädlingsmanagement: Strenge EU-Pflanzengesundheitsvorschriften führen zu kostspieligen Compliance-Massnahmen. «In den vergangenen fünf Jahren sind die Kosten um 40 Prozent gestiegen, die Verkaufserlöse jedoch nicht», bringt es Peter Szapary auf den Punkt. 7,9 Rappen erhält seine Firma ab Nairobi für eine Rose mit 40 Zentimeter Länge.

Nischenmärkte, Effizienz und bewusster Konsum

Als Reaktion werden das Sortiment verbreitert und die Vermarktung auf mehr Nischenmärkte ausgerichtet. Ziel ist eine höhere Wertschöpfung durch differenzierte Produkte statt Massenware. Weiter arbeitet das Unternehmen an der Diversifizierung in neue Märkte wie Australien und Mittlerer Osten sowie die Vereinigten Arabischen Emirate. Peter Szapary investiert kontinuierlich in erneuerbare Energien wie beschrieben, um noch effizienter im Wasser- und Stromverbrauch zu werden.

Das Beispiel von «Wildfire Flowers» zeigt, dass klimaneutrale Rosenproduktion in Kenia möglich ist, wenn unternehmerische Verantwortung, soziale Fairness und technische Innovation konsequent zusammengedacht werden. Zugleich wird deutlich, wie fragil dieses Modell bleibt: Steigende Produktions- und Transportkosten sowie strenge Marktanforderungen setzen die wirtschaftliche Basis des Betriebs dauerhaft unter Druck.

Die Geschichte macht auch deutlich, dass bewusster Konsum – etwa der Kauf von Fairtrade-Rosen – direkt dazu beitragen kann, solche Betriebe zu stabilisieren und nachhaltige Wertschöpfungsketten zwischen Kenia und Europa zu stärken.

 

 

Die Autorin Kirsten Müller, Präsidentin des Verbandes der Schweizer Agrarjournalisten, besuchte Peter Szapary auf seiner Rosenfarm im Rahmen des Internationalen Agrarjournalisten-Kongresses IFAJ im Oktober 2025, der erstmalig in einem ostafrikanischen Land stattfand.