Sandra Contzen: Vielfalt beginnt in den Köpfen

Vielfältige Betriebe sind resilienter. Diese Vielfalt beginnt in den Köpfen und bei der Vorstellung, was alles möglich ist. Quereinsteigende fördern die Vielfalt, weil sie andere Hintergründe mitbringen. «Sie müssen deshalb grössere Chancen haben, einen Betrieb zu übernehmen», findet Agrarsoziologin Sandra Contzen im Agrarpolitik-Podcast.
Zuletzt aktualisiert am 9. März 2026
von Edith Nüssli
4 Minuten Lesedauer
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Sandra Contzen ist Agrarsoziologin an der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften in Zollikofen. (zvg)

«Betriebe können am besten auf Herausforderungen reagieren, wenn sie vielfältig sind», sagt Sandra Contzen, Dozentin für Agrarsoziologie an der Berner Fachhochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften. Deshalb regt sie die Studierenden schon in der Einführungswoche an, atypische Landwirtschaftsbetriebe zu entwickeln. Typisch ist laut der Agrarsoziologin noch immer ein Familienbetrieb mit traditioneller Rollenaufteilung. «Was sich die Studierenden alles vorstellen können, ist spannend und fördert die Offenheit», erzählt sie.

Zur Person

Sandra Contzen ist Agrarsoziologin. Sie forscht und lehrt an der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften HAFL der Berner Fachhochschul in Zollikofen im Kanton Bern.

Innovation kommt von aussen

«Dass der Betrieb in der Familie bleibt, ist noch immer die grösste Realität», beobachtet Sandra Contzen. Den Betrieb in der Familie zu behalten, sei typisch für alle Familienbetriebe – auch ausserhalb der Landwirtschaft. Die Frage sei, wie so Innovation, Anpassung und neue Dynamik entstehen könnten. «In der Landwirtschaft aufzuwachsen, ist sehr prägend, wenn man sich nicht bewusst mal wegbewegt», stellt die Agrarsoziologin fest. Innovation komme aber nicht, wenn man immer am gleichen Ort sei und immer das Gleiche mache. Die Impulse kämen von aussen. «Menschen, die nicht in der Landwirtschaft aufgewachsen sind, bringen andere Hintergründe mit», betont sie.

Neue Ideen bringen Reibungspunkte und Potential für Weiterentwicklung

Menschen und Ideen von aussen würden auch Konfliktpotential bergen. Dieses sei grösser, wenn die abtretende Generation auf dem Hof wohnen bleibe. «Viele ziehen bewusst weg, weil sie die Situation selbst nicht gut erlebt hätten», weiss die Dozentin. Reibungspunkte seien jedoch nicht zwingend negativ. «Wenn man lernt, positiv mit Konflikten umzugehen und sie gut zu lösen, entwickelt man sich gemeinsam weiter», betont sie.

Zwischen Chancen und Grenzen

Staffel 18 von «Agrarpolitik – der Podcast» rückt die Vielfalt der Schweizer Land- und Ernährungswirtschaft in den Fokus. Die Staffel beleuchtet Potentiale und Grenzen vielfältiger Landwirtschaft – aus Sicht von Unternehmen, Verwaltung und Politik.

Diese Folgen sind erschienen:

Quereinsteiger müssen grössere Chancen haben

Sandra Contzen stellt auch fest, dass immer mehr Menschen einen Hof ausserfamiliär übernehmen wollten. Das seien zum einen Kinder von Bauernfamilien, die den elterlichen Hof nicht übernehmen könnten, und zum anderen Menschen mit anderen Hintergründen, so genannte Quereinsteigende. «Quereinsteigende müssten grössere Chancen haben, einen Betrieb zu übernehmen», findet die Dozentin. Dazu zitiert sie aus einem Seminar: «Jemand ausserhalb der Familie hat vielleicht mehr Lust und Wille, gut Landwirtschaft zu betreiben, als ein Sohn, der zwangsläufig übernimmt, aber gar nicht so Bock hat.»

Agrarpolitik – der Podcast

«Agrarpolitik – der Podcast» zeigt Entwicklungen, Lösungswege und Handlungsachsen der Schweizer Agrarpolitik. Moderiert werden die Sendungen von Andreas Wyss, die Produktion verantwortet Hansjürg Jäger. Der Podcast ist auf allen gängigen Plattformen verfügbar und kann als Newsletter abonniert werden. Mehr unter www.agrarpolitik-podcast.ch.

Ohne Veränderung in Köpfen und Bodenrecht geht Vielfalt verloren

Damit die Zahl der ausserfamiliären Hofübernahmen steige, brauche es einen Wechsel in den Köpfen der Menschen und politische Massnahmen. Sonst gehe ein Teil der Vielfalt verloren. «Zum einen müssten sich die Vorstellungen von Hofnachfolge ändern», sagt Sandra Contzen. Denn 30 Prozent der Betriebe hätten keine innerfamiliäre Nachfolge. Zum anderen müssten die Hürden für die ausserfamiliäre Hofübernahme sinken, zum Beispiel durch andere Finanzierungsmodelle, wie sie andere Länder schon kennten.

«Das Bodenrecht puscht die innerfamiliäre Übernahme», bemerkt sie. Auch sei der Druck da, den Betrieb in der Familie zu halten. «Das spielt unbewusst», betont sie. Das Bodenrecht sei extrem relevant, um das Landwirtschaftsland in den Händen von Selbstbewirtschaftenden zu behalten. «Das müssen jedoch nicht Leute aus der Landwirtschaft oder der Familie sein», findet die Dozentin. Denn man müsse nicht aus der Landwirtschaft sein, um erfolgreich einen Betrieb zu führen. «Die Fähigkeit wird nicht mit der Muttermilch aufgenommen», betont sie.