Nutztiere abschaffen? «Dann wird die Ernährung ineffizienter»

Wer Nutztiere abschafft, macht die Nahrungsproduktion ineffizienter, nicht nachhaltiger. Das sagt Stephan Schneider, Professor für Tierernährung.
Zuletzt aktualisiert am 16. Juni 2026
4 Minuten Lesedauer
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Nicht essbare Biomasse soll konsequent genutzt werden, sagt Stephan Schneider. (jin)

Den Rahmen seiner Ausführungen an der Melior-Jubiläumsveranstaltung setzte Stephan Schneider, Professor für Tierernährung an der Hochschule für Umwelt und Wirtschaft in Nürtingen D, gross: Er verweist auf das Konzept der «Planetary Boundaries», neun planetare Grenzen, die erstmals 2009 im Fachmagazin Nature beschrieben wurden. Damals waren bereits drei davon überschritten, darunter Biodiversitätsverlust und reaktive Stickstoffverbindungen wie Methan oder Lachgas.

Bei der jüngsten Aktualisierung gelten sechs der neun Grenzen als überschritten. Dabei sei der Anteil der globalen Landwirtschaft am Biodiversitätsverlust und an Stickstoffüberschüssen weit grösser als ihr Beitrag zum Klimawandel. «Die Klimadebatte wurde aber weltweit politisch viel stärker aufgegriffen», sagt er.

Die Fläche wird knapper, die Biomasse zum Engpass

Das Kernthema von Schneider Vortrag war die Verfügbarkeit pflanzlicher Biomasse. 1970 standen pro Person rund 3'800 Quadratmeter Ackerfläche zur Verfügung. Heute, bei acht Milliarden Menschen, sind es noch rund 1'400 Quadratmeter. Die Fläche sinkt durch Versiegelung, Erosion und Klimawandel weiter. Gleichzeitig werde bis 2050 10 Milliarden Menschen erwartet. 

Bei der pflanzlichen Produktion entsteht zwangsläufig ein Vielfaches an nicht essbarer Biomasse wie z.B. Stroh in der Weizenproduktion oder die Blätter bei den Zuckerrüben. In Deutschland werden laut einer von Schneider zitierten Studie nur 20 Prozent der jährlich produzierten Trockenmasse direkt für die menschliche Ernährung genutzt.

«In der Schweiz wird dieser Wert noch höher liegen, weil der Grünlandanteil grösser ist», vermutet er. Rund 70 Prozent der Schweizer Landwirtschaftsfläche sind Grünland, also Biomasse, die Menschen nicht direkt verwerten können.

Nutztiere könnten diese nicht essbare Biomasse in Nahrungsmittel transformieren, argumentiert Schneider. Alternativen wie Biogas oder Grasproteinextraktion seien zwar möglich, aber in ihrer Kapazität begrenzt oder ineffizient.

Gemäss Schneider liefern vier Kilo Weizen rund 100 Gramm Protein. In der Fruchtfolge entstehen vier Kilogramm nicht essbare Biomasse. Werden daraus über Milchkühe nochmals drei Kilogramm Milch gewonnen, verdoppelt sich die verfügbare Proteinmenge ohne zusätzliche Ackerfläche. «Es ist also absolut sinnvoll, im Kreislauf zu denken und die Futtermittel darin komplett zu rezyklieren», so Schneider.

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Die Haltung von Nutztieren hält Schneider für sinnvoll. Fleisch, Milch und Eier der Veredelungswirtschaft auf der Basis von Nahrungskonkurrenz zum Menschen und Landnutzungsänderung werde aber zu Ende gehen müssen. (jin)

Schneider hält Methan-Einfluss durch Tiere für überschätzt

Auf die Klimafrage geht Schneider differenziert ein. Die gängige Berechnungsmethode GWP100 hält er für biogenes Methan aus Wiederkäuern für problematisch: Anders als CO₂ wird Methan nach etwa zehn bis zwölf Jahren abgebaut und geht in den biogenen Kohlenstoffkreislauf über. Bei konstanten Tierbeständen entsteht kein zusätzlicher Erwärmungseffekt. «Kühe sind keine Klimakiller», sagt Schneider und präzisiert: «Methan ist ein starkes Klimagas, keine Frage. Aber der biogene Anteil wird mit GWP100 um mindestens den Faktor zwei überschätzt.»

Für zwei deutsche Pilotbetriebe zeigen seine Forschungsdaten, dass sich Treibhausgasemissionen durch Massnahmen in den Bereichen Futtermittelproduktion, Fermentation und Güllemanagement um 30 bis 40 Prozent senken lassen.

Wiederkäuer mit Zukunft

Die Abschaffung der Wiederkäuer würde die pflanzliche Nahrungsmittelproduktion nicht stärken, sondern schwächen, so Schneider. Sie würden benötigt, um die Nährstoffkreisläufe zu schliessen und die nicht direkt essbare Biomasse zu verwerten.

Sein Fazit: Die Frage lautet nicht «Tiere oder keine Tiere», sondern «welche Tiere mit welchem Futter». Eine Kreislaufwirtschaft, die nicht essbare Biomasse konsequent nutzt, sei effizienter als eine vegane Landwirtschaft, bei der Nebenprodukte ungenutzt bleiben. «Teller, Trog und erst dann der Tank.» Weltweit lauf es aktuell aber anders, sagt Schneider mit Blick auf die Agrodieselproduktion in Brasilien und den USA: «Aber längerfristig wird das so nicht funktionieren.»

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