Schwammregion Toggenburg: Wassermanagement auf der Alp
Auf den Toggenburger Alpen ist der Alpsommer in vollem Gang. Kühe und Rinder brauchen täglich Wasser, Sennereien benö...
Während Menschen und Tiere Schatten aufsuchen oder sich im Wasser abkühlen können, sind Pflanzen ihrem Standort ausgeliefert. Um sich zu kühlen, verdunsten sie Wasser über ihre Blätter. Doch wenn Hitze und Trockenheit zusammentreffen, stossen sie an ihre Grenzen. «Derzeit trifft bereits eine zweite Hitzewelle auf eine extreme Trockenheit. Wobei die Trockenheit für den Ertragszuwachs der Pflanzen das grössere Problem ist», sagt Samuel Jenni von der Schweizer Zuckerrübenfachstelle.
Dabei zeigt sich schweizweit ein unterschiedliches Bild. Während es im westlichen Mittelland bis in die Genferseeregion seit längerer Zeit sehr trocken ist, haben Teile der Ostschweiz in den vergangenen Wochen ausreichend gewittrige Niederschläge erhalten. Entsprechend unterschiedlich präsentieren sich die Kulturen auf den Feldern.
Besonders auffällig sind im Augenblick die Zuckerrüben. An vielen Orten lassen sie tagsüber ihre Blätter hängen. Was dramatisch aussieht, ist zunächst eine natürliche Schutzreaktion.
«Wenn die Rüben bei mehr als 30 Grad Celsius welken, ist das Eigenschutz», erklärt Jenni. Die Wildform der Zuckerrübe stammt ursprünglich aus dem Mittelmeerraum und verfügt über ein tiefreichendes Wurzelwerk. Auch die heutige Kulturrübe kann noch erstaunlich tief wurzeln. Unter günstigen Bedingungen reichen die Wurzeln bis etwa zwei Meter in den Boden.
Bei anhaltender Trockenheit schalten die Pflanzen gewissermassen auf Sparflamme. Sie reduzieren ihr Wachstum, treiben keine neuen Blätter aus und legen diese sogar ab und sparen dadurch Wasser. Auf leichten Böden seien die ersten Anzeichen bereits deutlich sichtbar. Teilweise liegt das Kraut dort bereits tagsüber und in der Nacht vollständig am Boden.
Anders als Getreide haben Zuckerrüben jedoch einen wichtigen Vorteil: Sie können nach einer Trockenphase wieder neue Blätter bilden. «Die Rübe ist eine zweijährige Kultur», sagt Jenni. «Wenn wieder Regen fällt, kann sie sofort wieder austreiben.» Allerdings kostet die Bildung neuer Blätter Energie und damit auch Ertrag und Zucker.
Die Folgen der Trockenheit zeigen sich bereits. In besonders trockenen Regionen der Westschweiz rechnet Jenni mit Ertragsverlusten von bis zu 30 Prozent gegenüber günstigeren Jahren. In der Ostschweiz seien die Auswirkungen bisher deutlich geringer.
Trotzdem sieht er die Zuckerrüben nicht als die am stärksten betroffene Kultur. «Im Moment können Rüben in einen Schlafmodus gehen und die Hitzewelle ausstehen», sagt er. Andere Kulturen litten teilweise stärker.
Dazu gehören die Kartoffeln. «Die Kartoffeln leiden derzeit stark unter der Hitze und der Trockenheit», sagt Lara Stamler, Geschäftsführerin der Vereinigung Schweizer Kartoffelproduzenten (VSKP).
Besonders problematisch werden längere Perioden mit Temperaturen über 28 Grad Celsius, wenn die Nächte keine ausreichende Abkühlung mehr bringen. «Dann heizen sich die Dämme auf und es kommt zum Vegetationsstopp. Auf den meisten Parzellen wachsen die Kartoffeln derzeit nicht mehr richtig.»
Noch profitieren die Kartoffeln von den guten Pflanzbedingungen im Frühjahr, wodurch sich die Bestände vergleichsweise robust zeigen. Doch die frühen Hitzewellen im Juni und die aktuelle Trockenperiode werden sich nach Einschätzung der Produzenten auf die Erträge auswirken. Wie stark die Einbussen tatsächlich ausfallen, dürfte sich nach den Ertragserhebungen Mitte August zeigen.
Auch im Gemüsebau sorgt die Witterung für Herausforderungen. Besonders Blattkulturen wie Spinat, Fenchel oder Stangensellerie stehen unter Hitzestress.
«Sämtliche Blattkulturen erleiden einen Hitzestress», sagt Markus Waber, stellvertretender Direktor des Verbands Schweizer Gemüseproduzenten. Die Folgen reichen von braunen Blatträndern über Innenbrand bei Eisbergsalat bis hin zum vorzeitigen Schossen einzelner Kulturen.
Bei Broccoli und Blumenkohl können zudem Qualitätsprobleme auftreten. Starke Sonneneinstrahlung beim Blumenkohl kann zu Sonnenbrand führen, der sich in gelblichen Verfärbungen der Köpfe zeigt. Die frisch gesäten Lagerkarotten laufen fehlerhaft auf, was eine erneute Ansaat bedeutet. Die Auswirkungen werden gegen Herbst sichtbar.
Dank professioneller Beregnungsanlagen sei die Situation für viele Gemüsebetriebe derzeit jedoch noch beherrschbar. Der Aufwand sei allerdings sehr hoch, vor allem im Vergleich zu den letzten zwei Jahren. «Solange sie genug Wasser beziehen können, ist die Situation einigermassen machbar», sagt Waber.
Beim Getreide fällt die Bilanz bislang unterschiedlich aus. Die Gerste scheint die Trockenheit vergleichsweise gut überstanden zu haben. Ihre Entwicklung war weitgehend abgeschlossen, bevor die aktuelle Hitzewelle einsetzte.
«Wir sind je nach Region sieben bis zehn Tage früher als im Durchschnitt der letzten Jahre», sagt David von Wattenwyl, Präsident des Schweizerischen Getreideproduzentenverbands.
In den tiefen Lagen ist die Gerstenernte bereits abgeschlossen. Erste Beobachtungen deuten darauf hin, dass die Korngewichte nicht tiefer ausgefallen sind als üblich. Beim Weizen ist die Situation dagegen noch offen. Die Ernte ist im vollen Gange.
Hitze und Trockenheit während der Kornfüllungsphase können sowohl die Erträge als auch die Qualität beeinträchtigen. Wie stark die Auswirkungen tatsächlich sind, wird sich erst in den kommenden Wochen zeigen.
Wo möglich, setzen die Landwirte auf Bewässerung, dort wo Wasserentnahmen noch möglich sind. Besonders wertvolle und empfindliche Kulturen wie Kartoffeln, Karotten oder Gemüse werden prioritär mit Wasser versorgt. Zuckerrüben stehen dagegen meist weiter hinten auf der Prioritätenliste.
Der Grund sind die hohen Kosten. Laut Jenni kostet ein Bewässerungsgang rasch rund 300 Franken pro Hektare – ohne Arbeitszeit gerechnet. Zudem birgt Bewässerung Risiken. Sie kann Krankheiten, zum Beispiel die gefürchteten Blattpilze Cercospora fördern und muss bei Temperaturen über 30°C vorsichtig eingesetzt werden.
Andere Möglichkeiten gegen die extremen Wetterbedingungen gibt es kaum. «Ausser Wassergaben gibt es nichts», sagt Jenni.
Ob die Ernte am Ende deutlich kleiner ausfällt, hängt nun vor allem vom Wetter der kommenden Wochen ab. Einig sind sich die Fachleute jedoch in einem Punkt: Für die Pflanzen ist momentan weniger die Hitze als vielmehr die anhaltende Trockenheit das eigentliche Problem.
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