Kartoffeln stoppen das Wachstum, Rüben gehen in den Schlafmodus
Mais rollt seine Blätter ein, Kartoffelkraut wird schlaff und Zuckerrüben lassen ihre Blätter hängen. Die zweite Hitz...
Die Bilder von saftigen grünen Alpen und grasenden Kühen sind tief in der Schweizer Seele verankert. Doch die Realität auf über 1’500 Metern über Meer wird zunehmend rauer. Prognosen der Klimaforschung zeigen deutlich: Bis zum Jahr 2050 ist mit einem spürbaren Anstieg der Temperaturen und einer stark veränderten Niederschlagsverteilung zu rechnen. Viele Klimamodelle gehen davon aus, dass mehr Extremereignisse auf uns zukommen. Dazu kommt, dass durch die höheren Temperaturen mehr Wasser verdunstet. Beides führt dazu, dass weniger Feuchtigkeit wirklich im Boden landet.
Für die Schweizer Sömmerungsbetriebe bedeutet die Wasserknappheit eine massive Veränderung der Flora. Die Pflanzen, denen es unten im Tal zu heiss wird, wandern weiter rauf und verdrängen da angestammte Arten. «Alles verschiebt sich – die Arten, die jahrhundertelang an einem Ort überleben konnten, sind nun nicht mehr konkurrenzstark und werden durch andere Arten verdrängt, die früher nur im Tal überleben konnten» erklärt Caren Pauler und ergänzt: «Und nach oben hin können die Pflanzen nicht beliebig weit ausweichen, weil es dort keinen Boden mehr gibt.»
Caren Pauler ist Ökologin bei Agroscope und hat vor über zehn Jahren ihre Doktorarbeit auf der Alp Weissenstein in Graubünden geschrieben und sich seither intensiv mit den erwähnten ökologischen Verschiebungen beschäftigt. Zwar diskutiert sie diese Thematik auch auf globaler Ebene, etwa kürzlich auf der im Plantahof ausgetragenen Mountain Grassland and Livestock Conference. Die Konferenz war organisiert von Caren Pauler und Manuel Schneider, dem Forschungsgruppenleiter Futterbau bei Agroscope, und versammelte Fachleute aus ganz Europa. Doch Caren Paulers Fokus liegt fest auf der Praxis und den konkreten Herausforderungen vor unserer Haustür.
Ein zentrales Problem, das viele Bergbetriebe beschäftigt, ist die sogenannte Verbuschung, also das langsame, aber stetige Zuwachsen der wertvollen Weideflächen. Um das Problem und die Auswirkungen der Verbuschung überhaupt zu verstehen, müsse man laut Caren Pauler zuerst den fundamentalen Unterschied zwischen der Landwirtschaft im Tal und jener in der Höhe begreifen.
«Im Tal gibt es Grasland, das nie ein Tier sieht», erklärt Caren Pauler. Das Gras wird maschinell geschnitten, die Fütterung passiert oft entkoppelt im Stall. Pflanze und Tier existieren dort landwirtschaftlich gesehen oft getrennt voneinander. Auf der Alp hingegen herrschen völlig andere Spielregeln. Wegen der anspruchsvollen Topografie und den steilen Hängen ist der Mensch maschinell stark eingeschränkt. Zudem wird auf den Alpen kaum gedüngt. «Das wichtigste Werkzeug, das wir dort oben haben, ist das Tier selbst», bringt es die Wissenschaftlerin auf den Punkt. Man müsse die Alpweiden zwingend zusammen mit dem Tier denken.
Genau hier liegt jedoch die Krux: Wenn Weiden aufgrund von Trockenheit weniger ertragreich sind oder wenn hochgezüchtete Tiere einfach nicht mehr an die Anforderungen am Berg angepasst sind, weichen die Tiere auf andere Flächen aus. «Interessant ist, dass die Sömmerungszahlen über die letzten Jahrzehnte insgesamt relativ stabil sind – aber auf der Alp selbst gibt es eine Verschiebung», sagt Caren Pauler. «Das Rindvieh geht von den anspruchsvollen, steilen Weiden hin zu einfacher zu erreichenden Flächen», so die Ökologin. Die Folge? Zwergsträucher, Erlen und andere Problempflanzen machen sich breit und verdrängen die wertvollen Futtergräser und Kräuter.
Heuschrecken eignen sich hervorragend als Indikatorarten für die Biodiversität von Alpweiden. Sie kommen entlang des gesamten Vegetationsgradienten vor, von offenen bis zu stark verbuschten Flächen und ihre Bestände stehen in engem Zusammenhang mit der Vielfalt anderer Insektengruppen. Wo viele Heuschrecken vorkommen, gibt es in der Regel auch viele weitere Insekten sowie insektenfressende Vögel.
Ein weiterer Vorteil: Heuschrecken sind vergleichsweise gross, leicht zu bestimmen und können ohne aufwendige Fallen direkt im Feld erfasst werden. Dadurch eignen sie sich auch für Monitoringprojekte oder studentische Arbeiten, ohne dass dafür eine hochspezialisierte taxonomische Ausbildung erforderlich ist.
Um diesen Lebensraum offen zu halten, leisten die Alpteams Jahr für Jahr einen enormen Kraftakt. «Alle Massnahmen gegen die Verbuschung sind arbeitsintensiv», weiss Caren Pauler. Oft bedeutet das stundenlanges, händisches Zurückschneiden der Büsche im unwegsamen Gelände, manchmal Mithilfe der Kettensäge. Oder das Abzäunen von kleineren Parzellen, sonst bleibt das Vieh im flachen Bereich und frisst nur dort alles ab. «Das ist wie bei uns Menschen – wenn wir die Wahl haben zwischen einem Baguette und einem Vollkornbrot, essen die meisten von uns auch lieber das Baguette», schmunzelt die Ökologin.
Kleinwiederkäuer wie Schafe oder Ziegen seien auch eine gute Option, doch Grossraubtiere, die in den letzten Jahren wieder in den Alpenraum vorgedrungen sind, machen deren Haltung nicht besonders attraktiv. Sie müssen geschützt werden, dafür braucht es Zäune oder Hunde, was wiederum ein Mehraufwand für das Alpteam ist.
Es sei wichtig, betont Caren Pauler, dass es nicht darum gehe, die Alpen komplett sauber zu putzen und alle Sträucher zu entfernen. Vielmehr gehe es darum, die Sträucher zu regulieren und eine Art Mosaik aufrechtzuerhalten. «Das ist viel wertvoller für die Biodiversität, denn ein Mosaik bietet auf kleinem Raum verschiedene Lebensräume – beispielsweise schattig, offen, windgeschützt und so weiter», so Caren Pauler. «Verschiedene Arten können dann da ihren Lebensraum finden, nicht nur Pflanzen, sondern auch Raufusshühnern oder Insekten wie zum Beispiel Heuschrecken», sagt Caren Pauler. Letztere ermöglichen einen einfachen, aber aussagekräftigen Blick auf den Zustand der gesamten Insektenwelt und damit der Biodiversität eines Lebensraums.
Komplett verbuschte Flächen seien der schlechteste Fall für die Biodiversität, so Caren Pauler: «Dort sinkt die Pflanzenvielfalt mitunter auf eine einzige Art – nämlich den Strauch selbst.» Auch die Heuschreckenvielfalt nehme massiv ab, sagt Caren Pauler. «Zudem sehen wir, dass keine Pflanzenart auf dicht verbuschte Flächen angewiesen ist – Pflanzen, die zwischen dichten Sträuchern überleben können, finden auch im Mosaik ein Zuhause», erklärt sie und ergänzt: «Aus Sicht der Biodiversität gibt es also keinen Grund, die vollständige Verbuschung zu fördern.»
So gesehen ist die Bewirtschaftung von Alpen ein Garant, die Biodiversität in den hohen Lagen zu stärken. Aber weil die Produktion von Lebensmitteln unter diesen Umständen mit Mehrarbeit verbunden ist, wird klar, dass die Direktzahlungen für die Schweizer Alpwirtschaft wichtig sind. In den Bergen kann oft nicht kostendeckend produziert werden, gleichzeitig ist die Pflege der Kulturlandschaft eine wichtige Dienstleistung für die Gesellschaft und die Biodiversität. Biodiversitätszahlungen oder Zahlungen für Landschaftsqualität sind deshalb gerade für Bergbetriebe extrem wichtig.
Neben der finanziellen Absicherung braucht es für die Zukunft jedoch auch neue, angepasste landwirtschaftliche Strategien. Wenn hochgezüchtete Rinder mit den kargen, verbuschten Hängen nicht mehr zurechtkommen, müssen robustere Tiere in den Fokus rücken. Alte, genügsame Rassen, die auch in steile Hänge gehen.
Zwar kein Rind, aber trotzdem ein prominentes Beispiel dafür ist das Schwarze Alpenschwein, das unter anderem von Pro Specie Rara und Pro Patrimonio Montano wieder gefördert wird. Die Tiere passen allerdings mit ihrem langsameren Wachstum und dem eher fetthaltigen Fleisch nicht in die standardisierten Vorgaben des modernen Grossmarktes. Doch sie sind hervorragende Landschaftspfleger: Sie durchwühlen den Boden, fressen Wurzeln und dämmen so giftige Pflanzen wie das Adlerfarn und das Alpenkreuzkraut auf natürliche Weise ein.
Zudem eignen sie sich perfekt für die Direktvermarktung und bedienen eine Nische von Konsumentinnen und Konsumenten, die echten Wert auf Tradition und Ökologie legen. Für Caren Pauler sind solche robusten Rassen weit mehr als nur Nutztiere: «Sie sind Sympathieträger und fungieren als tierische Botschafter für unsere Alpen.»
Der Erhalt unserer artenreichen Schweizer Alpweiden ist im Klimawandel ein Kraftakt, der kluge Nischenlösungen wie den Einsatz robuster Tierrassen erfordert. Damit die Alpteams dieses wertvolle Landschaftsmosaik auch künftig pflegen können, bleibt eine verlässliche finanzielle Unterstützung durch die Gesellschaft unabdingbar.
Die Zukunft der Schweizer Alpen entscheidet sich nicht allein am Thermometer. Sie hängt auch davon ab, ob es gelingt, die Bewirtschaftung an den Klimawandel anzupassen und den Betrieben dafür die nötigen Mittel zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig zeichnet sich bereits die nächste grosse Herausforderung ab: Wasser wird auf vielen Alpen zu einer knappen Ressource.
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