Wenn der Berg zuwächst: Die Schweizer Alpwirtschaft im Stresstest des Klimawandels
Das Jahr 2026 steht international im Zeichen der Weiden und Hirten. An der Fachkonferenz für Berglandwirtschaft und W...
Die Schweiz begann schon früh mit dem Schutz der Fledermäuse. In letzter Zeit kämpfen in der Öffentlichkeit auch immer mehr Vereine und Organisationen für ihr Überleben. Die Sympathien für die Flattertiere in der Bevölkerung nehmen zu. So spielt die Schweiz beim Fledermausschutz gesamteuropäisch eine Pionierrolle. Sie stellte die heimischen Arten bereits 1966 unter Schutz. 1983 wurden zwei nationale Koordinationszentren eingerichtet, um eine Strategie für die Erforschung und den Erhalt der nachtaktiven Tiere zu erarbeiten und umzusetzen. Heute sind 30 Fledermausarten in der Schweiz nachgewiesen. Alle Arten sind bundesrechtlich geschützt. Für die praktische Umsetzung sind kantonale Fachstellen, Beauftragte und regionale Koordinationsstellen verantwortlich. Das Bundesamt für Umwelt BAFU bewertete 2014 bei 26 Fledermausarten den Gefährdungsgrad und setzte 15 Arten auf die Rote Liste.
Robin Poëll, Informationsbeauftragter beim BAFU, sagt, dass die Rote Liste im kommenden Jahr überarbeitet werde. Auch die 1983 konzipierte Strategie zur Erforschung und Erhaltung der einheimischen Fledermausarten werde den aktuellen Gegebenheiten angepasst, da sich in den letzten Jahren der Kontext geändert habe. Dieses Jahr haben sich die nationalen Koordinationszentren für die Ostschweiz und den Tessin und für die Westschweiz und das Wallis zum «InfoBat», dem nationalen Kooperationsnetzwerk für den Fledermausschutz, zusammengeschlossen. Robin Poëll sagt dazu: «Dies erlaubt Synergien zu nutzen – bereits laufen die Arbeiten zur Verbesserung der nationalen Datenbank für Fledermäuse, zudem werden die Tätigkeiten der regionalen Verantwortlichen vereinheitlicht.»
Noch in diesem Jahr will das internationale Abkommen zum Schutz der Fledermauspopulationen in Europa «Eurobats» einen strategischen Plan verabschieden. «Dieser könnte eine gute Grundlage für eine neue Schweizer Strategie bieten», meint der BAFU-Sprecher. Von den 26 bewerteten Fledermausarten seien 22 auf der Liste der prioritären Arten. Das heisse, sie benötigten artenbezogene Fördermassnahmen, wie beispielsweise den Erhalt der Kolonien. Zusammenfassend über die existenzielle Situation der Fledermausarten in der Schweiz meint Robert Poëll: «Tatsächlich hängt das Überleben vieler Arten in der Schweiz vom Erhalt ihrer Kolonien sowie ihrer Flugkorridore und Jagdgebiete ab.»
Fledermäuse sind als nimmermüde nächtliche Insektenjäger von grossem Nutzen für die Landwirtschaft. In einer Nacht frisst eine Fledermaus bis zu einem Drittel ihres eigenen Körpergewichtes. Darunter fallen viele Schadinsekten. Eine 200-köpfige Mausohrkolonie, die grösste in Mitteleuropa vorkommende Art, vertilgt in der gleichen Zeit über zwei Kilogramm Insekten.
Alle einheimischen Fledermausarten ernähren sich von Insekten. Je nach Art sind es Mücken, Käfer, Nachtfalter oder Raupen. Wo ihre Beutetiere fehlen, können Fledermäuse nicht überleben. Die Landwirtschaft trage Verantwortung und sei gefordert, heisst es in einem Merkblatt über den artgerechten Umgang in der Landwirtschaft mit den kaum sichtbaren Nützlingen des Fledermausvereins Bern. Auf den Bauernhöfen seien für Insekten und für Fledermäuse gleichsam gute Lebensräume gefragt.
Aufgezählt werden in diesem Zusammenhang Hochstammobstbäume mit extensiven Wiesen, vielfältige Hecken mit einheimischen Sträuchern und Bäumen. Im Weiteren gehören zu dieser fledermausfreundlichen Naturmöblierung auch Saalweiden, Schwarzdorn, Blühstreifen, Brachen und Säume. Ebenso sollten in den Lebensräumen der Fledermäuse gestufte Waldränder, Teiche sowie Vernässungen vorkommen. Wo sie fehlen, ist es empfehlenswert solche zu schaffen.
Die Wohlfühlwelt der in Nachtschicht arbeitenden landwirtschaftlichen Nützlingen ist sehr anspruchsvoll. Ihr Speisezettel bedingt eine auf Biodiversität ausgerichtete Umgebung, die Lebensräume mit einem Angebot verschiedener Insektenartenarten anbietet. Ebenso lebenswichtig sind Leitstrukturen, welche die Jagdgebiete und Rückzugsorte der Flattertiere miteinander vernetzen. Hecken und Baumreihen sind dabei sehr nützlich. Im Weiteren sollen auch auf Verstecke in Bäumen und Gebäuden möglichst erhalten, aber auch neu geschaffen werden. Hier verbringen die Nützlinge ihre Tagesruhe. Dabei sollen sie nicht gestört werden. Das Vermeiden von Schädigungen durch Pestizide, sowie der Verzicht auf Klebefallen für Fliegen, Insektenleime, Antiparasiten- und Holzschutzmittel sind zusätzliche Massnahmen.
So anspruchsvoll wie die Lebensräume, so anspruchsvoll auch die Lebensweise der Flattertiere. So nutzen Fledermäuse vielfach für die Ruhezeit am Tag Unterschlüpfe in Gebäuden. Insekten werden aber entlang von Wäldern, Obstgärten und anderen parkähnlichen Landschaften gejagt. Um zwischen den Ruhequartieren und Jagdgebieten hin- und her fliegen zu können, sind die erwähnten Leitstrukturen enorm wichtig. Die Tiere orientieren sich mit Ultraschallrufen und deren Echo. Dieses Ortungssystem funktioniert aber nur auf eine Distanz von wenigen Metern. Deshalb sind die Nachtflieger auf strukturreiche Landschaften angewiesen.
Biologin Dr. Irene Weinberger, Präsidentin des Fledermausvereins Bern, sieht in der Landwirtschaft Nachholbedarf für den effizienten Schutz der Fledermäuse. «Um die Lebensräume der Tiere zu sichern, muss noch viel unternommen werden», sagt sie und zählt auf: Verzicht oder stark reduzierter Einsatz von Pestiziden, Vermeiden irritierender Lichtquellen in der Nacht, Biodiversität, Erhaltung und Einrichtung von Vernetzungsräumen zwischen Ruhequartieren und Jagdgebieten der Fledermäuse. «Vielfach gehen diese Massnahmen einfach unter, obwohl die Sympathie in der Landwirtschaft für die Tiere steigt», erklärt sie.
Rolf Scheidegger, Ing. Agr. HTL, Fachmann für Permakultur und selber Biobauer, hat das Merkblatt für den Umgang mit den Fledermäusen in der Landwirtschaft verfasst. «Ich habe den Eindruck, die Landwirte und Landwirtinnen sind gegenüber den Tieren positiv eingestellt», sagt er. Aber die Kenntnisse über Nutzen und Lebensbedürfnisse der Fledermäuse seien vage, meint er. Bei Renovationen und Umbauten von Gebäuden sei es wichtig zu wissen, ob sie von Fledermäusen bewohnt werden. Und wenn dem so sei, müssten die Bewilligungsbehörden fledermausgerechte Massnahmen einfordern.
Alle 30 in der Schweiz heimischen Fledermausarten sind Waldnutzer. Sie finden hier Ruhe, aber auch Nahrung. Im Fokus stehen bei ihnen alte Bäume mit Hohlräumen und Ritzen. Der Wald stelle mit seinen Baumhöhlen den Fledermäusen Tagesschlafverstecke zur Verfügung, in denen sie im Sommer ihre Jungen grossziehen oder im Winter Winterschlaf halten können, schreibt Dr. Hubert Krättli, Biologe und Geschäftsführer der Stiftung Fledermausschutz Zürich, in einem Fachartikel.
Im Unterschied zum Landwirtschaftsraum produziert der Wald ein konstanteres Angebot an Insektenbiomasse, welche den Fledermäusen permanent als Nahrungsgrundlage zur Verfügung steht. Und als Verbindungselement zwischen Siedlungen und Landwirtschaftsräumen stellt der Wald Flugkorridore und strukturierte Dunkelkorridore zur Verfügung, auf welche strukturgebundene Fledermausarten auf dem Flugweg vom Versteck in den Jagdlebensraum angewiesen sind.
Von besonderer Bedeutung für Fledermäuse seien sogenannte Habitatbäume, führt der Biologe weiter aus. Diese könnten mehrere Funktionen des Waldes gleichzeitig erfüllen: Sie stellen Tagesschlafverstecke zur Verfügung, bieten unterschiedliche Mikro-Jagdlebensräume und produzieren Insekten, welche von Fledermäusen vertilgt werden. Fledermaus-Habitat-Bäume sind deshalb einheimisch, meist gross, alt und weisen Baumhöhlen als Verstecke sowie Totholzanteile auf. Wo Habitatbäume fehlen, kann ein Fledermauskasten als künstlich geschaffenes Quartier dienen. Die Kästen können über Fledermausvereine und Schutzorganisationen bezogen werden.
Auch in den Reben lassen sich Fledermäuse als effiziente Nützlinge ansiedeln. Das ist eine Frage des Angebots an die Flattertiere. Robert Lenz vom Bioweingut Lenz AG am Iselisberg im thurgauischen Uesslingen sagt, wie das funktioniert: «Auf 17 bis 18 Prozent biodiversitätsmässig renaturierter Fläche können wir pro Fledermaus und Nacht an die 2’000 Insekten anbieten, inklusive Trinkstellen und Orientierungsstrukturen mittels höherer Bäume – so sind Fledermäuse ein Teil in unserer Strategie für den enkeltauglichen Weinbau.» Die Zwergfledermaus habe bereits vor den speziellen Massnahmen im Umkreis des Weingutes gelebt, sagt Robert Lenz. Zudem komme auch die Art der Langohren in dem Gebiet vor.
Sind die Fledermäuse die einzigen Schädlingsbekämpfer im Weingut am Iselisberg? «Ja», sagt der Bioweinbauer. «Das ist so zu verstehen, dass es eigentliche Schädlinge nicht gibt – es gibt aber mögliche Schadinsekten, die meistens dann auftreten, wenn Landwirtinnen und Landwirte oder Winzerinnen und Winzer reine Monokulturen betreiben», erklärt er. Dank der Fledermäuse könne sogar auf Pestizide verzichtet werden, so Robert Lenz. «Es braucht drei Voraussetzungen dafür, damit es auch funktioniert», sagt er und ergänzt: «Biodiversität, Robuste Sorten wie PIWI-Sorten und gesunden Boden.»
Das 2015 in der Stadt St. Gallen gestartet Wildtier-Beobachtungsprojekt «StadtWildTiere» fokussierte die Flattertiere im Jahr 2025 mit der eigens lancierten Aktion «Fledermäuse rund ums Haus». Dabei wurde die Artenvielfalt in den Gärten zusammen mit interessierten Stadtbewohnerinnen und -bewohnern untersucht. So gelang zum ersten Mal der Nachweis der stark gefährdeten Mopsfledermaus in der Ostschweizer Metropole.
Gärten und Wohnhausumgebungen bieten als urbane Grünräume vielen Wildtieren, darunter auch Fledermäusen, geeignete Lebensräume. Fledermäuse orientieren sich mit Echoortung. Die dabei ausgestossenen Rufe im Ultraschallbereich sind für das menschliche Ohr unhörbar. Mit den speziellen Aufnahmegeräten «AudioMoths» zeichneten die Freiwilligen von «StadtWildTiere» diese Fledermausrufe auf. Dank 98 Teilnehmenden und 117 Standorten kam über den Sommer eine grosse Datenmenge zusammen, teilte die Stadt mit. Insgesamt seien über 17’500 Fledermaussequenzen aufgezeichnet worden. Fledermausexpertinnen des Projektes «StadtWildTiere» hätten die Rufsequenzen ausgewertet und einzelnen Fledermausarten oder -gattungen zugeordnet.
Unter dem Motto «Wilde Nachbarn – Lebendige Nacht: Fledermäuse und Glühwürmchen im Kanton Thurgau» erkunden auch naturinteressierte Kantonsbewohnerinnen und -bewohner des Thurgaus in diesem Sommer in Gärten und Wohnumgebungen tierisches Nachtleben. Fledermäuse nutzen die Gärten nicht nur als Jagdgebiet, sondern auch als Flugkorridore auf dem Weg von ihren Quartieren zu den Nahrungsquellen. Die Aktion fordert die Bevölkerung auf, gewissermassen vor der Haustüre das Treiben der Fledermäuse zu erforschen. Im Wesentlichen geht es darum, herauszufinden, welche Fledermausarten um die Häuser flattern und von welchen Gärten die verschiedenen Fledermausarten im Siedlungsraum besonders profitieren.
Bei ihren ambitionierten Aktionen arbeiten die Stadt St. Gallen und der Kanton Thurgau eng zusammen. «Das Interesse an der Aktion Fledermäuse rund ums Haus war sehr gross», resümiert Wildtierbiologin Katja Rauchenstein vom Team «StadtWildTiere» und «Wilde Nachbarn» die letztjährigen Aktivitäten in der Stadt St. Gallen. Es hätten rund 120 Personen daran teilgenommen, die während den Sommermonaten bei sich zu Hause im Garten oder in der Wohnumgebung Fledermausrufe aufzeichneten. «Die Stadt St. Gallen ist schon länger aktiv beim naturnahen Gestalten und Pflegen der städtischen Grünflächen», erklärt sie. Ebenso rücke auch das Kunstlicht langsam in den Fokus der Öffentlichkeit und der Behörden. Es werde vermehrt darauf geachtet, dass beispielsweise Beleuchtungen in Parkanlagen oder entlang von Gewässern nicht in den Naturraum abstrahlten. Diesbezüglich gebe es noch vielerorts Verbesserungsbedarf – gerade auch bei privaten Liegenschaften.
Auch die noch laufende Aktion «Lebendige Nacht: Fledermäuse und Glühwürmchen im Kanton Thurgau» ist ein Erfolg. «Die Rückmeldungen sind bisher sehr positiv – die Teilnehmenden sehr daran interessiert, welche Fledermausarten an ihren Standorten nachgewiesen werden können», freut sich Julia Schmid vom Team «StadtWildTiere». «Zudem sind viele motiviert, sich für den Schutz der Fledermausarten und deren Lebensräume einzusetzen, was eine wichtige Grundlage für die Umsetzung von Schutzmassnahmen ist», erklärt sie weiter.
Bei Lebensraumverlust und Insektenrückgang ist vor allem die Landwirtschaft in der Pflicht. Bauernhöfe sind für einige Fledermausarten Teil ihres Lebensraums. Doch sind Landwirtinnen und Landwirte grundsätzlich an einer fledermausfreundlichen Bewirtschaftung ihrer Güter interessiert und bei der Schädlingsbekämpfung bereit, weniger Pestizide einzusetzen und dafür die insektenfressenden Fledermäuse als ökologische Alternative wirken zu lassen? «Aus Forschungsarbeiten ist bekannt, dass Fledermäuse deutlich zur Schädlingsreduktion beitragen – entsprechend würden die Landwirtinnen und Landwirte durchaus von einer fledermausfreundlicheren Bewirtschaftung und Gestaltung der Landwirtschaftsgebiete profitieren», meint Julia Schmid dazu.
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