Slow Water: Die Antwort auf den Dürresommer 2026 – und alle Sommer, die noch folgen
Wie Bruno Zumbrunn müssen viele Landwirte und Landwirtinnen wegen Dürre schon im Sommer ihr Winterfutter aufbrauchen....
Wie gravierend die Situation bereits heute ist, wissen Berater wie Stefan Bless vom landwirtschaftlichen Bildungszentrum des Kantons Graubünden Plantahof nur zu gut. Es gibt bereits Alpen, die im Sommer gar nicht mehr bestossen werden können, weil die Quellen komplett versiegt sind. Denn Wasser wird auf der Alp nicht nur für das Melken, die Reinigung oder die Käseproduktion benötigt. Es entscheidet bereits viel früher über die Grundlage der Bewirtschaftung: Ohne genügend Niederschlag wächst weniger Futter, und sinkende Futterqualität oder knappe Weidereserven setzen die Tierhaltung unter Druck. Wer die Wasserressourcen der Alpen angesichts solcher Entwicklungen langfristig sichern will, muss deshalb genau hinschauen und messen.
Ein Betrieb, der sich dieser Realität stellt und sehr bewusst mit dem Wasser haushaltet, ist die Kuhalp Rona in Furna im Kanton Graubünden. Die Alp entstand vor 20 Jahren aus dem Zusammenschluss von drei kleineren Alpen, um den steigenden Hygienestandards gerecht zu werden. Armin Herger ist Alpmeister und organisiert und verwaltet die Alp Rona. Hier sömmern 75 Milchkühe in einer hügeligen Hochebene, in der das Wasser von Natur aus begrenzt ist. «Weil wir das Wasser zukaufen müssen, war der Spargedanke schon immer vorhanden», erklärt Armin Herger. Die Kuhalp Rona kooperiert mit den örtlichen Bergbahnen, von denen sie Wasser und Strom bezieht. Doch diese Partnerschaft zeigt auch die wachsenden Nutzungskonflikte in den Bergen auf: Als die Bergbahnen zwischen 2021 und 2025 einen Sommerbetrieb führten, wurde das Wasser für beide Parteien spürbar knapp.
Damit Alpbetriebe wie die Kuhalp Rona nicht im Blindflug agieren müssen, braucht es belastbare Daten. Genau hier lag bisher das Problem: Die gängigen Referenzzahlen zum Wasserbedarf von Kühen stammten oft aus stallbasierten Systemen in den USA. Basierend auf ihrer Masterarbeit von 2023 leitet Linda Schüpfer, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften der Berner Fachhochschule BFH-HAFL, nun ein Beratungsprojekt, das den tatsächlichen Wasserverbrauch auf der Alp untersucht.
Um verlässliche Schweizer Daten zu gewinnen, stattete Linda Schüpfers Team im Sommer 2025 rund fünf Fallstudienalpen in den Kantonen Graubünden, Glarus und im Berner Oberland mit Wasseruhren aus. Die Messungen zeigten: Beim Waschen der Melkmaschine entsprach der Verbrauch den bisherigen Referenzzahlen. Für die Käserei und insbesondere die Milchkühlung fehlten hingegen bislang belastbare Vergleichswerte. Die ersten Messungen geben hier nun Anhaltspunkte dafür, wie hoch der tatsächliche Wasserbedarf je nach System sein kann.
Das Forschungsprojekt «Wasserbilanz auf Alpbetrieben – Wassermanagement im Sömmerungsgebiet verbessern» unter der Leitung von Linda Schüpfer (BFH-HAFL) entwickelt ein Planungstool, das den Wasserbedarf und das verfügbare Wasserdargebot auf Alpen möglichst präzise erfasst. Es soll Alpbetrieben, Gemeinden und Kantonen künftig als wissenschaftlich fundierte Entscheidungsgrundlage für Wasserstrategien und Infrastrukturprojekte dienen. Unterstützt wird das Projekt vom Bundesamt für Landwirtschaft und der Stiftung Sur la Croix.
Einer, der ebenfalls am Projekt der BFH-HAFL teilnimmt, ist Christoph Marti aus dem Glarnerland. Christoph Marti verbringt bereits seinen 36. Sommer auf der Alp Krauchtal und stellt gemeinsam mit seiner Zusennin von der Milch seiner 50 Kühe Alpkäse her. Die Alp Krauchtal besteht aus drei Betrieben, wo insgesamt 150 Milchkühe, 150 Rinder und 600 Fleischschafe gesömmert werden. Trotz der massiven Herdengrösse und der topografischen Unterschiede zu Graubünden treiben ihn ähnliche Sorgen an.
Christoph Marti nimmt an der Studie teil, um für die Zukunft besser planen zu können. Wenn Gemeinden oder Eigentümerinnen und Eigentümer heute vor der Entscheidung stehen, eine Alp zu sanieren, neue Ställe oder eine moderne Käserei zu bauen, brauche es verlässliche Grundlagen. «Wir müssen wissen, wie viel Wasser wir zum Käsen und Melken wirklich brauchen, damit wir keine Fehlinvestitionen machen», betont der erfahrene Älpler.
Für ihn ist es schon die zweite Saison mit Wasserzähler. Und es fällt ihm auf: Besonders bei der Milchkühlung auf der Alp Krauchtal fällt ein grosser Wasserverbrauch an. Denn die Milch wird mit einem sogenannten Plattenkühler gekühlt, bei dem während der gesamten Melkzeit kontinuierlich Wasser durch das System fliesst. Angesichts der aktuellen Trockenheit bereitet Christoph Marti dieser Verbrauch Sorgen. «Wir könnten theoretisch das Wasser von der Milchkühlung in eine Tränkstelle weiterleiten – es wäre dann zwar etwas wärmer, aber für eine Tränkstelle könnte man es problemlos nutzen», erklärt er. Eine solche Wiederverwendung wäre ein Beispiel dafür, wie sich mit einfachen Anpassungen grosse Mengen Wasser einsparen liessen.
Die Erkenntnisse aus dem Forschungsprojekt sollen Einsparmöglichkeiten aufzeigen und Planungssicherheit liefern. Wenn das Wasserbilanz-Tool beispielsweise zeigt, dass eine Alp dauerhaft unter Wasserknappheit leidet, wäre der teure Neubau einer Käserei möglicherweise nicht die richtige Lösung. In solchen Fällen, so Christoph Marti, müsste die Bewirtschaftung angepasst werden – etwa durch eine künftige Nutzung mit Mutterkühen.
Damit solche strukturellen Entscheidungen künftig nicht mehr aus dem Bauch heraus, sondern datenbasiert und zukunftssicher getroffen werden können, arbeitet das Forschungsteam intensiv an der Fertigstellung ihres Tools.
Ein klassisches Beispiel ist die Milchkühlung: Je nach Verarbeitungsprozess kann die Milch auch bei höheren Temperaturen zwischengelagert werden. Wird sie anschliessend pasteurisiert, kann beispielsweise eine Lagertemperatur von 15 Grad Celsius für 12 bis 24 Stunden ausreichen. Gerade bei einer wasserintensiven Durchlaufkühlung lohnt es sich deshalb, den Wasserdurchlauf über Nacht auf ein Minimum zu reduzieren oder unter geeigneten Bedingungen ganz abzustellen. Auch die Kombination mit einem Milchtank und technischer Kühlung kann helfen, die Durchlaufkühlung gezielter einzusetzen und so den Wasserverbrauch deutlich zu senken. «Je nach Betriebsablauf lassen sich damit grosse Mengen Wasser einsparen, ohne die Milchqualität zu gefährden», erklärt die Agronomin Linda Schüpfer.
Weitere simple, aber effektive Kniffe, sogenannte Low-Input-Massnahmen, betreffen die Reinigungstechnik: Anstelle eines offenen Schlauchs sollten Hochdruckreiniger oder Schläuche mit speziellen, wassersparenden Düsen verwendet werden. Selbst Sprühdüsen, die eigentlich zur Kühlung von Schweinen gedacht sind, kommen heute teilweise in Käsekellern zum Einsatz, um mit minimalem Wassereinsatz die nötige Luftfeuchtigkeit zu halten. Auch die Installation von Schwimmern in Weidetränken ist ein einfaches Mittel, um zu verhindern, dass Brunnen unbemerkt überlaufen.
Trockenheit wird Alpbetriebe auch künftig vor grosse Herausforderungen stellen. Umso wichtiger ist es, dass Entscheidungen über Wasserversorgung, Infrastruktur oder Bewirtschaftung nicht allein auf Erfahrungswerten beruhen, sondern auf belastbaren Daten. Genau hier setzt das Projekt der BFH-HAFL an: Es schafft die Grundlage, damit Betriebe, Gemeinden und Kantone den verfügbaren Wasserschatz realistisch einschätzen und ihre Alpen langfristig an veränderte Klimabedingungen anpassen können.
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