Wenn Salat im Kreislauf wächst
Kreislaufwirtschaft beginnt oft im Kleinen: Bei Wyssa Gemüse in Galmiz im Kanton Fribourg zirkuliert die Nährlösung d...
Ein Sonnenblumenkern fällt, vier Kameras erfassen ihn, ein Luftstoss schiesst ihn aus der Bahn. Im Farbausleser der Tiefenmühle dauert das Millisekunden.
Marc Nyffenegger steht neben der dreistöckigen Schälmühle. Von oben nach unten werden die Sonnenblumenkerne zuerst gebürstet, damit sich die schwarze Haut vom creme-weissen Kern löst. Dann werden sie gesiebt. Zuletzt prüfen die Hochgeschwindigkeitskameras jeden Kern im freien Fall. «Erkennt das System eine farbliche Abweichung, schiesst eine Druckluftdüse genau dieses Teil in Millisekunden aus dem Produktstrom», sagt Marc Nyffenegger. Aussortiert werden dunkle Schalenstücke, Kerne mit Pilzbefall, Steinchen, Erde und Pflanzenreste.
Marlene Nyffenegger bewirtschaftet den 13 Hektar umfassenden Landwirtschaftsbetrieb, der zur Tiefenmühle gehört. Ihr Mann Marc Nyffenegger verarbeitet die eigene Ernte und jene anderer Bäuerinnen und Bauern. Einen Teil verkaufen die beiden unter der Marke «Alpenpionier». So bleibt die Wertschöpfung aus Schweizer Bio-Getreide, -Hülsenfrüchten und -Ölsaaten im Land und im Betrieb.
Die Anlage schält, reinigt und reduziert Keime. Marc Nyffenegger nimmt Aufträge aus der ganzen Schweiz an. Er verarbeitet:
Nur Erdnüsse, Cashews und Haselnüsse kommen wegen den darin enthaltenen Allergenen nicht in die Tiefenmühle.
Für kleine Betriebe kann eine solche Kundenmühle entscheiden, ob sie ihre Ernte überhaupt als Lebensmittel verkaufen können. Eine eigene Anlage wäre bei kleinen Mengen kaum ausgelastet. Der Tiefenmühle bringen diese Aufträge Arbeit und Einnahmen.
Der Austausch läuft in beide Richtungen. Marc Nyffenegger schält die Kürbiskerne eines Hofs im 25 Kilometer entfernten Schaffhausen. Umgekehrt lässt Marlene dort ihre Hanfsamen zu Öl pressen.
Die Geschichte der Tiefenmühle reicht bis zum 26. November 1343 zurück. Damals verlieh Abt Eberhard von Reichenau die Mühle an Konrad den Bettler. Dessen Name trügt: Seiner Familie gehörte über 200 Jahre auch der benachbarte Schlossturm. Brände zerstörten 1877 und 1895 Teile der Anlage. Immer wieder wurde sie aufgebaut und verändert.
1922 übernahm Marcs Urgrossvater Adolf Nyffenegger die heruntergekommene Mühle. Er baute eine Kundenmüllerei auf: Bauern brachten ihr Getreide und liessen es mahlen. Nach dem Grossvater übernahm 1960 Marcs Vater Max Nyffenegger. Er stellte auf Futter für Nutz- und Haustiere um.
Nach der Liberalisierung des Getreidemarkts 2001 verschwanden viele Mühlen. Max Nyffenegger legte die Tiefenmühle vor seiner Pensionierung still und verpachtete das Land. Die Familie behielt die Gebäude und ein Kleinwasserkraftwerk. Auf der Suche nach Lösungen für die Weiterführung des Kleinwasserkraftwerkes besuchte Sohn Marc Nyffenegger andere Mühlen in der Region – dort packte ihn der Müllerei-Virus: «Ich merkte, dass mich dieser Beruf deutlich mehr erfüllt als meine bisherige Tätigkeit.»
Der Umweltingenieur absolvierte die dreijährige Ausbildung zum Müller EFZ mit dem Ziel, später eine Mühle zu übernehmen. Die gelernte Pflegefachfrau Marlene Nyffenegger absolvierte gleichzeitig die Ausbildung zur Landwirtin EFZ. Aus der Leidenschaft für Landwirtschaft und Müllerei wurde die Grundlage für eine neue gemeinsame Existenz.
Bio Suisse zeichnet die Tiefenmühle von Marlene und Marc Nyffenegger in Herdern am Bodensee mit dem «Grand Prix Bio Suisse» 2026 aus.
«Die Tiefenmühle zeigt beispielhaft, wie sich Verarbeitungslücken in der Landwirtschaft schliessen lassen, so dass die Wertschöpfung aus Schweizer Biorohstoffen im Inland bleibt», sagte Bio-Suisse-Präsident Urs Brändli an einer Medienkonferenz und ergänzte: «Dank der regionalen Verarbeitung eröffnen sich für Bio-Betriebe neue Perspektiven.»
Die Gelegenheit zum Neustart der Tiefenmühle kam mit «Alpenpionier». Das Unternehmen hatte Schweizer Speisehanf auf den Markt gebracht, geriet jedoch in eine Nachlassliquidation. Im März 2024 übernahmen die Nyffeneggers von «Alpenpionier» die Marke, Maschinen und Kundenkontakte.
Damit mussten sie nicht bei null beginnen. Es gab Produkte, Abnehmer und Erfahrungen in der Verarbeitung von Hanfsamen. Aus diesem Bestand bauten sie einen Betrieb auf, der zur Tiefenmühle und zu ihren eigenen Möglichkeiten passte.
«Wir transportierten die Anlage zum Schälen der Hanfsamen – die einzige im Land – 150 Kilometer durch die halbe Schweiz und bauten die Spezialmühle in einer alten Scheune wieder auf», sagt Marc Nyffenegger. Ein Zimmermann, sein Bruder und Freunde halfen.
Mehrere Hundert Arbeitsstunden Eigenleistung und eine halbe Million Franken steckten sie in den Aufbau, bis die Anlage im Frühjahr 2025 ihren Betrieb aufnehmen konnte. Parallel holte das Paar zehn Hektaren des verpachteten Landes zurück. Anfang 2025 kamen drei Hektaren Pachtland dazu.
Marlene baut ausschliesslich für die menschliche Ernährung an. 2026 standen Hanf, Speisemais für Polenta und Bramata, Schwarzgerste und Hafer auf ihren Feldern. 2027 folgen Leinsamen, Sonnenblumen, Hanf sowie eine Mischkultur mit Roten Linsen und Leindotter. «Wir orientieren uns daran, was wir gut absetzen können», so Marlene Nyffenegger.
Den Anbau bestimmt aber nicht der Markt alleine. Die Fruchtfolge soll Krankheiten und Unkraut begrenzen und den Boden fruchtbar halten. Eine gut verkäufliche Kultur lässt sich deshalb nicht beliebig oft auf dasselbe Feld setzen. Dazu kommt der Stickstoff, den Landwirtschaftsbetriebe aus Gülle, Mist und Jauche der Viehhaltung bekommen. Hanf braucht viel davon, aber Marlene Nyffenegger hält auf ihrem Betrieb kein Vieh.
Sie tauscht deshalb mit Nachbarn: «Ein Schafbetrieb kann seine Tiere auf unseren Wiesen weiden, wir erhalten dafür den Schafmist – der Biogasanlage liefern wir Nebenprodukte aus unserer Mühle, dafür erhalten wir deren Gärgülle.»
An den Kosten arbeitet sie auch über die Sorten. «Gemeinsam mit unseren Partnern und Berufskollegen suchen wir bessere Sorten für Spezialkulturen wie Hanf, Lein und Linsen – so können wir Qualität und Ertrag steigern und im besten Fall die Preise für Schweizer Produkte senken», erklärt sie.
Abnehmer fanden sich rasch, auch dank der übernommenen «Alpenpionier»-Kundschaft. Die Produkte gehen über den eigenen Webshop, Biofachgeschäfte und den Lebensmitteleinzelhändler Coop als grössten Abnehmer. Coop verkauft die geschälten Hanfsamen in der Produktlinie «Naturaplan Bio Campiuns» erfolgreich als regionalen «Superfood mit Heimvorteil». Gut läuft auch das Hanfproteinpulver mit 53 Prozent Protein – ein Nebenprodukt der Ölpressung.
«Der Verkauf vom Hanföl selbst läuft dagegen momentan noch etwas harzig», sagt Marc Nyffenegger. Viele Konsumentinnen und Konsumenten haben Hanföl als scharf und sehr intensiv schmeckend kennengelernt. Die Tiefenmühle presst ihr Hanföl deshalb aus geschälten, gerösteten Hanfsamen. «So entsteht ein angenehm nussiger, lieblicher Geschmack mit feinen Röstaromen», erklärt der Müller. Die typische Schärfe im Abgang ist nur noch dezent zu spüren.
Bei jedem Auftrag fragen sich Marlen und Marc Nyffenegger: Passt er zur Anlage? Reicht die Zeit? Lohnt er sich? Grosse Mengen lasten die Maschinen aus, verlangen aber Lagerplatz, längere Arbeitstage oder zusätzliches Personal. Kleine Mengen rechnen sich nicht.
Einmal reinigte Marc 200 Kilogramm Schweizer Mandeln. «Da steckte so viel Einsatz dahinter, ich brachte es nicht über das Herz, den Auftrag abzulehnen», erzählt er. Die Anlage danach zwei Stunden zu reinigen, dauerte gleich lange wie nach 6’000 Kilogramm und ein Mehrfaches der eigentlichen Mandelreinigung. Marc Nyffenegger legte drauf.
Dazu kommt die Saison: Die meisten Ölsaaten und Hülsenfrüchte werden von August bis Oktober geerntet. Dann stösst die Mühle an ihre Grenzen. «Schön wäre, wenn die Tiefenmühle während mindestens 260 Tagen im Jahr während 10 Stunden läuft und die Arbeitsbelastung besser auf das Jahr verteilt werden kann», sagt Marc Nyffenegger.
260 Tage, zehn Stunden, ein Mengenumsatzziel von 300 Tonnen pro Jahr: Daran misst sich, ob aus der Idee des Urgrossvaters – Bäuerinnen und Bauern bringen ihre Ernte zur Mühle – wieder eine Existenz wird.
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