Obstbautradition der Römer in Kroatien neu belebt

Bedingt durch Kriege, Politik und überholte Strukturen liegt landwirtschaftliches Produktionspotential im Balkan brach. Ein Besuch mit Journalistinnen und Journalisten aus aller Welt in der grössten kroatischen Apfelplantage zeigt, was möglich wird, wenn Frieden einkehrt und professionell gewirtschaftet wird.
Zuletzt aktualisiert am 5. Oktober 2026
von Markus Rediger
8 Minuten Lesedauer
2026 Internationale Landwirtschaft Kroatien Apfelproduktionsbetrieb Rabo Mre
Das Gemeindegebiet von Kneževi Vinogradi liegt in der Grenzregion zu Serbien und Ungarn an der Donau und war im Krieg immer besonders leidtragend. Seit Jahrtausenden werden hier Obst und Reben angebaut. (mre)

Der frühe Herbstmorgen legt sich wie ein stiller Schleier über die Apfelanlage. Noch liegt die Welt im Übergang zwischen Nacht und Tag, getaucht in ein tiefes, kühles Blau, das langsam den ersten warmen Farben des Morgens weicht. Der Himmel an diesem Septembermorgen ist bedeckt, nur ab und zu wärmen einige Sonnenstrahlen die Gegend auf. Die 200 Erntehelfer aus Asien und Europa sind eifrig daran die ersten Äpfel der Sorte Golden Delicious des Tages zu ernten, einige kroatische Pflückerinnen beginnen die knackigen Früchte mit den Journalistinnen und Journalisten hinter den Erntewägelchen in der Halbstammanlage zu teilen. Mit dabei ist Agronom Kuzman Baričević, der die Gruppe führt. Zur Vereinfachung der Ernte hat er am Vortag mit Gebläsen einen Teil der Blätter weggeblasen.

Seit Jahrhunderten, bereits zur Zeit der Römer sollen in dieser Region auf dem «Dukes Hill» Trauben, Obst und Wein produziert worden sein. Später wurde der Adel und die europäischen Höfe damit versorgt. Heute stehen diese Früchte in den Regalen der Supermärkte für alle.

2026 Internationale Landwirtschaft Kroatien Apfelproduktionsbetrieb Rabo Betriebsleiter Kuzman Baričević Mre
Kuzman Baričević ist Agronom und managt Rabo, den grössten Apfelproduzenten in Kroatien seit über 20 Jahren. (mre)

Ein Prozent Höfe haben über 100 Hektaren

Kuzman Baričević managt Rabo, den heute grössten Apfelproduzenten in Kroatien seit 20 Jahren. Das Unternehmen mit Sitz in Kneževi Vinogradi in der nordöstlichen Region Baranja produziert jährlich bis zu 8’000 Tonnen Obst. Die Gemeinde liegt an der Donau im Grenzgebiet zu Serbien und Ungarn und ist eine Autostunde von Bosnien Herzegowina entfernt. Seine intensiv bewirtschafteten Apfelanlagen mit 4’000 bis 6’500 Bäumen pro Hektar erstrecken sich über eine Fläche von rund 100 Hektar, sowie 20 Hektar Nektarinen.

Zur Sicherung der Ernte werden Technologien wie computergesteuerte Bewässerung, Hagelnetze inklusive UV-Schutz und Frostschutzsysteme genutzt. Bei Pflanzung und Betrieb orientierten sich die Kroaten vor allem an der Apfelproduktion im Südtirol.

Frost und Dürre werden zur Regel

Zunehmende Wetterextreme wie Spätfröste im Frühjahr oder langanhaltende Dürreperioden wie im Sommer 2026 stellen die kroatischen Obstbauern vor wachsende Herausforderungen. «In den letzten zehn Jahren ist Frost eher zur Regel als zur Ausnahme geworden, sodass wir im frühen Frühjahr fast jedes Jahr die Apfelbäume vor Frost schützen müssen», betont der Betriebsleiter. Dieses System funktioniert so, dass in der empfindlichsten Phase der Blüte oder der Bildung kleiner Früchte, wenn Frost auftritt, eine grosse Menge zuvor gespeicherten Wassers über die gesamte Fläche des Obstanlagen versprüht wird. Hasen, Füchse und Wildhunde knabbern auf der Suche nach Wasser gerne die Wasserleitungen an, was zu hohen Verlusten führen kann.

«Im Sommer 2026 hatten wir während vier Monaten praktisch keinen Regen – nur 10 Liter», erklärt der Betriebsleiter und ergänzt: «Wenn das so weitergeht, wird es schwierig genügend Wasser aufzutreiben, da auch die Flüsse wenig Wasser führten, inklusive die Donau.» Für die Antifrostberegnung rechne er mit 40 Kubikmeter pro Stunde und Hektar, das ergibt bei 8 Stunden rund 32'000 Kubikmeter pro Nacht, erklärt Kuzman Baričević. Die 12 Pumpen für das Wasser verbrauchen bis 1’000 Liter Diesel pro Nacht. Ein Ersatz durch Solarpanel zur Energieproduktion lohne sich erst bei einer Neupflanzung, diese soll alle rund 25 Jahre erfolgen. Knackpunkt sei die Speicherung der Energie, da nachts wo viel Energie benötigt wird – und die Sonne nicht scheint.

  • Die intensiv bewirtschafteten Apfelanlagen mit 4’000 bis 6’500 Bäumen pro Hektar erstrecken sich über eine Fläche von rund 100 Hektar. (mre)
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  • Die Hälfte der 200 Pflückerinnen und Pflücker kommt aus den Philippinen, sie arbeiten laut Kuzman Baričević am effizientesten. Weitere kommen aus Nepal, Ungarn und dem Balkan – nur 10 Prozent aus Kroatien selbst. (mre)
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  • Jugoslawische Massey-Ferguson-Kopien der Marke IMT, bringen die Ernte ins Kühlhaus. Die Kleintraktoren sind nach über 30 Jahren Einsatz etwas veraltet, funktionieren aber noch tadellos. (mre)
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Lieber Obstbäume als Personal managen

Zu weiteren Herausforderungen bei seiner Arbeit zählt Manager Kuzman Baričević die Arbeitskräfte und die Märkte. Die Beschaffung von verlässlichen Erntehelfern und die Vermarktung beschäftigen ihn. Die Administration der Erntehelfer ist aufwändig. Sie werden via Agenturen vermittelt für jedes Herkunftsland eine andere Agentur. Die Hälfte der Pflücker kommt aus den Philippinen, sie arbeiten am effizientesten. Weitere kommen aus Nepal, Ungarn und dem Balkan – nur 10 Prozent aus Kroatien selbst. Ihm fällt das Management der Pflanzen leichter als das Managen des Personals betont Kuzman Baričević.

Pro Tag erntet eine Person rund 1’000 Kilogramm Äpfel. Bezahlt werden diese pro Stunde mit 6 bis 12 Euro netto. Für 2026 erwartet Kuzman Baričević eine sehr gute Ernte. 60 Prozent davon werden in Kroatien verkauft, der Rest ins Ausland exportiert – vor allem nach Grossbritannien, Ungarn, Deutschland und Spanien. Der Frischkonsum von Äpfeln in Kroatien beläuft sich auf etwa 12 Kilogramm pro Kopf. Er ist stolz auf die kontinuierlich hohen Erträge, wie er sagt. Je nach Sorte sogar rund 80 Tonnen pro Hektar, was nicht nur die kroatischen, sondern auch die europäischen Erträge übertrifft. Grosse Betriebe ernten in der Schweiz zwischen 35 und 50 Tonnen pro Hektar.

Balkankultur produziert Foodwaste

90 Prozent der Ernte bei Rabo wird als Tafeläpfel verkauft, der Rest landet in der Verarbeitung. Pro Kilogramm erhält er rund 60 Eurocents, im Laden werden die Äpfel für 1.50 Euro verkauft – je nach Sorte, Marke und Jahreszeit. Aus Polen und dem Südtirol kommen für den Chef des Obstbetriebs zu viel billige Äpfel in die kroatischen Supermärkte. Diese würden aber gerne die ausländischen Früchte verkaufen, weil sie so höhere Margen einstreichen können als bei einheimischen.

Die Konsumentinnen und Konsumenten sagen, sie würden kroatische Ware bevorzugen, werden dann aber bei den Billigangeboten schwach und legen polnische Äpfel in ihren Warenkorb. Er empört sich über die Sitten im Balkan, da wollen die Leute grosse Früchte, essen aber nur den halben Apfel und werfen den Rest weg, das sei Balkankultur.

IFAJ-Kongress

Der Weltkongress der Agrarjournalisten, der dieses Jahr zum ersten Mal in Kroatien stattfand, brachte Ende September rund 170 Agrarjournalistinnen und Agrarjournalisten aus 40 Ländern nach Osijek. Durch acht verschiedene Exkursionen an mehr als 30 Orte lernten die Teilnehmenden des Kongresses eine breite Palette landwirtschaftlicher Betriebe im Osten Kroatiens kennen.

Der internationale Agrarjournalistenverband IFAJ wurde 1956 gegründet und feiert in diesem Jahr das 70-Jahr-Jubiläum. Aus diesem Anlass wurde ein Buch in Englisch publiziert unter dem Titel «The Land we share – Geschichten aus 45 Ländern in einer sich verändernden Welt.» Auf den 248 Seiten befindet sich auch eine Schweizer Geschichte von LID-Redaktorin Jasmine Baumann mit dem Titel: «Junge Bäuerin bringt neue Ideen auf den Hof.»

Alte und neue Technik im Einsatz

Ebenso wichtig wie die Erntehelferinnen und Erntehelfer sind jene, welche den Ertrag erst möglich machen: Die Bienen zum Bestäuben der Apfelblüten im Frühjahr. Kuzman Baričević rechnet jeweils mit rund 400 Bienenstöcken, die extra für diesen Zweck einige Tage in die Obstanlagen gebracht werden. Für den Baumschnitt im Winter setzt er auf Menschenhand, das gäbe idealere Bäume als mit dem mechanischen Schneiden, das er nur gezielt anwendet. Beim Pflanzenschutz nervt er sich, dass immer mehr Produkte von der EU verboten werden, obwohl keine Ersatzmittel auf dem Markt sind.

Nach dem Pflücken werden die grünen Grosskisten à 300 Kilogramm auf den Wägelchen direkt in die 4 Kilometer entfernte Lagerhalle gefahren. Gezogen von Kleintraktoren der Marke IMT, einer Kopie des bekannten Herstellers Massey Ferguson, welche im sozialistischen Jugoslawien in Lizenz hergestellt wurden und nach über 30 Jahren Einsatz etwas veraltet wirken, aber noch einwandfrei funktionieren.

Die Äpfel der Sorten Gala, Golden und Red Delicious, Jonagored, Granny Smith, Braeburn und Fuji werden in Kühlzellen nach dem Programm Smartfresh bei Temperaturen von etwa 0,5 bis 4 Grad Celsius und unter stark reduziertem Sauerstoff gelagert. Die Lagerbedingungen bewirken eine Verlangsamung des Reifeprozesses und versetzen sie in eine Art Winterschlaf. Dieser konservierende Ruhezustand wird bis zur Entnahme aus der Kühlzelle aufrechterhalten. So können Äpfel bis zu zwölf Monate lang frisch gehalten werden. Einmal entnommen werden sie vor Ort gewaschen, sortiert, zum Teil gewachst, poliert und verpackt. Je nach Bedarf erfolgt die Konfektion in 12 verschiedenen Arten von Karton-, Kunststoff- oder Holzverpackungen. Die meisten Früchte werden unter den Marken Rabo, Leeloo und Fresh Fruit in den Handel gebracht.

Schatten des Krieges

Die Lagerhallen und Logistikeinrichtungen wurden zu 50 Prozent von der EU finanziert. Vorwiegend aus dem Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums. Als Besucher des ländlichen Kroatiens, dem jüngsten EU-Mitgliedsland staunt man, wie viele Projekte von der EU mitfinanziert wurden, von Nusserntemaschinen über Begegnungszentren in Dörfern bis zu Ausbildungseinrichtungen und Verkehrsinfrastruktur.

Da die Gemeinde Kneževi Vinogradi im Grenzgebiet zu Serbien an der Donau liegt war sie im Krieg immer besonders betroffen, ob im Zweiten Weltkrieg oder dem Jugoslawienkrieg. Deren Schatten sind noch allgegenwärtig. Zahlreiche Fassaden in der Region Osijek zeigen noch Einschussspuren vom Jugoslawienkrieg vor 35 Jahren. Eben erst wurde bekannt gegeben, dass nach 30 Jahren intensiver Arbeit und Kosten von rund 1,2 Milliarden Euro über 100’000 Minen in Kroatien beseitigt wurden. Bosnien und Herzegowina nebenan sind weiterhin eines der am stärksten mit Minen belasteten Gebiete in Europa. Mihalj Gerštmajer Weinbauer in der vierten Generation sagt zu diesem leidvollen Thema: «Alle Kriege sind Katastrophen, egal wo.» Und er weiss, wovon er spricht.

  • Je nach Bedarf erfolgt die Konfektion in 12 verschiedenen Arten von Karton-, Kunststoff- oder Holzverpackungen. Die meisten Früchte werden unter den Marken Rabo, Leeloo und Fresh Fruit in den Handel gebracht. (mre)
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  • Die Lagerhallen und Logistikeinrichtungen von Rabo wurden zu 50 Prozent von der EU finanziert. (mre)
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Mit Privatisierung gegen Schatten der Vergangenheit

Trotz Förderungsgelder aus Brüssel ist das ländliche Kroatien und die Landwirtschaft stark von der Vergangenheit geprägt. Aufgrund negativer Erfahrungen mit verstaatlichten, letztlich ineffizienten Grossbetrieben im ehemaligen Jugoslawien herrscht eine gewisse Skepsis gegenüber Genossenschaften und ähnlichen Zusammenarbeitsformen. Deshalb stehen einige wenige Grossbetriebe von Investoren, wie der Apfelproduzent Rabo, einer Vielzahl von Kleinstbetrieben gegenüber, die wenig entwickelt sind. 70 Prozent der Höfe bewirtschaften eine Fläche von unter 5 Hektaren. In vielen Branchen der Lebensmittelwirtschaft fehlt es an Verarbeitungsbetrieben, sodass bloss Rohstoffe exportiert werden und kaum Wertschöpfung im Land erwirtschaftet werden kann.

Bereits ab den frühen 2000er-Jahren zeichnete sich ein grundlegender Wandel ab. Kroatien setzte gezielt auf den Umbau seiner Wirtschaft und leitete umfassende Privatisierungen ein. Dies eröffnete neue Möglichkeiten wie die Gründung von Rabo. Der Beitritt zur Europäischen Union im Jahr 2013 öffnete Kroatien dann neue Märkte und erleichterte den Zugang zu Fördermitteln. Das beschleunigte die Modernisierung und erhöhte die Attraktivität für Investoren.

Vom Familienunternehmen zum Grosskonzern

Rabo wurde als Familienunternehmen von Nikola Velicki im Jahr 2000 gegründet. Als CEO leitete er Rabo bis 2023. Im Jahr 2023 erwarb der ungarische Agrarkonzern Talentis Agro der Mészáros-Gruppe 100 Prozent der Anteile am Unternehmen. Die Übernahme erfolgte mit dem Ziel von Talentis Agro, seine landwirtschaftlichen Flächen von mehr als 50’000 Hektar auszubauen und sich zu einem der führenden Lebensmittel- und Agrarunternehmen in Mittel- und Osteuropa zu entwickeln.

Betriebsleiter Kuzman Baričevićs Vision geht weiter als die Optimierung seiner professionellen Apfelproduktion. Er findet, man sollte immer einen Apfel im Haus haben. Für ihn sind Äpfel Teil jeder gesunden Ernährung nach dem Motto «An apple a day keeps the doctor away.»

Stimmen zum IFAJ-Kongress 2026

Landwirtschaftsminister David Vlajčić erklärte, die Regierung unterstütze den Kongress als Gelegenheit, die kroatische Landwirtschaft und hochwertige Produkte mit geschützter Herkunftsbezeichnung – von Olivenöl und Wein bis hin zu Kulen, einer kroatischen Wurst und luftgetrocknetem Schinken – zu präsentieren.

IFAJ-Präsident Steve Werblow aus den USA begrüsste die Gelegenheit, mehr über den vielfältigen kroatischen Agrarsektor zu erfahren, und wies darauf hin, dass die Organisation in diesem Jahr ihr 70-jähriges Bestehen feiert.

Vedran Stapić, Präsident des Kroatischen Verbandes der Agrarjournalisten DANH, sagte, der erste IFAJ-Kongress im Land biete eine wichtige Gelegenheit, die kroatische Landwirtschaft international zu fördern, ihre Stärken hervorzuheben und Verbesserungsmöglichkeiten anzusprechen.

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Einige der 170 Agrarjournalistinnen und Agrarjournalisten des IFAJ-Kongresses beim Fotoshooting im Apfellager von Rabo. (mre)