Käsekessel, Kühe und Kinderwagen

Sommerserie – Teil 4: Karin Mai ist gelernte Milchtechnologin und arbeitet Teilzeit in einer Käserei im Diemtigtal. Im Sommer lebt sie mit ihrem Mann und den beiden Kleinkindern auf der Bustligenalp oberhalb von Grindelwald, wo die Familie über die Saison zwischen vier Alphütten hinauf- und abzieht.
Zuletzt aktualisiert am 6. August 2026
von Mia Werren
6 Minuten Lesedauer
2026 Sommerserie Karinmai Portrait Mwe

Um 4:30 Uhr steht Karin Mai auf. Draussen ist es noch dunkel, die Alpschweine grunzen und die Kühe kommen von der Nachtweide langsam von selbst zur Hütte zurück. Die Sonne geht gerade hinter dem Wetterhorn auf. «Ich liebe es, am Morgen aufzustehen und freue mich jeden Abend darauf – ohne Witz», erzählt sie und ergänzt: «Klar ist es manchmal am Morgen etwas härter als sonst, aber wenn ich dann dieses Panorama sehe, gibt mir das Kraft.» Karin Mai zieht sich an, wirft einen Blick zum zweijährigen Florian und zur drei Monate alten Ramona. Dann teilt sich die Arbeit: Stefan geht die Kühe holen, Karin Mai bereitet das Melk- und Käsezeug vor.

Morgenstund hat Gold im Mund

Nach und nach trudeln die Kühe in den Stall und werden angebunden. Karin Mai und Stefan melken gemeinsam. Ist der Melkmaschinenkessel voll, wird die Milch in einen Eimer geleert und von dort ins Chäschessi geschüttet. In einer Stallecke steht eine kleine Wiege für Ramona, falls sie früh aufwacht – so behalten die beiden sie im Auge, während sie mit den Kühen beschäftigt sind. An diesem Morgen schläft sie noch. Karin Mai bereitet den Käse zu und wäscht das Milchzeug, während Stefan die Kühe wieder aus dem Stall lässt und zu misten beginnt.

 

Inzwischen sind auch Florian und Ramona wach. Ramona liegt auf einer Spieldecke in der Küche, von wo aus Karin Mai beim Käsen sie im Blick hat. Florian hilft Stefan beim Misten mit seiner eigenen kleinen Mistkarre. Fleissig eifert Florian seinem Vater nach, doch das Auskippen der Mistkarre gelingt noch nicht ganz. Zwischendurch bekommt Ramona ihre Flasche. Nach dem gemeinsamen Frühstück widmet sie sich nochmals dem Käse. Von Hand nimmt sie ihn aus dem Chäschessi und gibt ihn in die Pressform, das sogenannte Järb.

 

Am Vormittag trennen sich die Wege: Karin Mai bringt den fertigen Alpkäse zum Spycher, wo er gelagert und gepflegt wird und Stefan fährt ins Tal, um das gemähte Gras für die Heuernte zu zetten.

Auf vier Hütten verteilt 

Karin Mai und Stefan bewirtschaften ihren Hof gemeinsam mit Stefans Eltern als Betriebsgemeinschaft. Der auf Milchvieh ausgerichtete Betrieb umfasst 29 Hektaren. Auf die Alp nehmen sie 18 Kühe der Rasse Swiss Fleckvieh mit, auf die sie besonders stolz sind: An verschiedenen Viehschauen erreichten sie mit ihren Tieren Podestplätze. Die Viehzucht betreiben die beiden mit viel Herzblut und Engagement. Zwei weitere Kühe, die mitkommen, gehören Karin Mais Bruder. Dazu leben vier Alpschweine auf der Alp, die mit der Molke aus dem Käsen und mit Fallobst aus dem Tal gefüttert werden.

 

Im Sommer ziehen Karin Mai und Stefan gemeinsam auf die Alp, wo die beiden für die Saison ihren Lebensmittelpunkt haben. Die Hütten gehören der Alpkorporation Wärgistal, mehrere davon hat die Familie gepachtet. Über den Sommer verteilt bespielt sie vier Standorte, wobei zwei davon zweimal angefahren werden – macht sechs Umzüge insgesamt: Eine Woche auf der Brandegg, zwei Wochen auf Alpiglen, zwei Wochen auf Mettlen, danach sieben bis acht Wochen auf der Bustligenalp selbst, nochmals zehn Tage auf Alpiglen und eine letzte Woche wieder auf der Brandegg.

 

Jeder Umzug bedeutet: Käseausrüstung, Werkzeug und Haushalt ziehen mit – und mit Florian und Ramona zusätzlich Kinderwagen, Windeln, Spielsachen und alles, was die beiden gerade brauchen. So muss neben der Alparbeit auch immer an den nächsten Umzug gedacht werden.

2026 Alpschweine Sommerserie Grindelwald Mwe
Die Alpschweine schauen sehnsüchtig durch den Zaun, denn ihr Frühstück aus Molke und Fallobst wartet bereits auf sie. (mwe)

Zwei Berufe 

Karin Mai hat ihre Lehre als Milchtechnologin bei Emmi in Ostermundigen gemacht. Heute arbeitet sie an zwei Tagen pro Woche in der Naturparkkäserei im Diemtigtal – dort, wo Temperatur, Zeit und Ablauf jedes Prozessschritts genau vorgegeben sind. Auf der Alp läuft die Käseherstellung handwerklicher: Ist der Käse fertig, zieht Karin Mai ihn von Hand aus dem Chessi und gibt ihn direkt in die Pressform. Die Presse selbst stammt noch von früher: Statt eines hydraulischen Systems liefert ein mit Steinen belasteter Holzbalken das nötige Gewicht.

 

Gekäst wird vor allem Berner Alpkäse AOP, gelegentlich auch Mutschli. Die Milch verändert sich mit Wetter, Futter und Alpsaison – die Kultur bleibt aber stabil. «Es ist weniger steril», sagt Karin Mai über die Arbeit auf der Alp im Vergleich zur Käserei in der Industrieanlage. Beim Alpkäsen ist mehr Erfahrung und Fingerspitzengefühl gefragt als beim maschinellen Ablauf, den man bei einer grossen Molkerei hinter der Glasscheibe beobachtet.

 

Nach der Lehre standen für sie auch eine Fachschule und ein fester Job im Büro oder Labor zur Debatte. Sie entschied sich für die Kombination aus beidem: Alp und Industrie, statt für eine einzige Laufbahn. Wie sie sich selbst bezeichnen würde, weiss sie deshalb bis heute nicht genau: Milchtechnologin, Sennerin, Älplerin oder Betriebsgemeinschaftsmitglied.

  • Karin Mai reicht ihre Arme in das heisse Chäschessi und holt den Käse raus. (mwe)
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  • Der Alpkäse wurde aus dem «Järb» genommen. Im Hintergrund sieht man den Sonnenaufgang zusammen mit dem Wetterhorn. (mwe)
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Immer zwei Sachen im Kopf

Was sich seit den Kindern am meisten verändert hat, ist für Karin Mai nicht in erster Linie die körperliche Arbeit. Es ist die Organisation: «Vorher ist es entspannter gewesen, du hast nur für dich überlegen müssen, was da läuft – jetzt hast du immer zwei Sachen im Kopf.»

 

Der Tag folgt trotzdem einem festen Rhythmus, der über das Melken und Käsen hinausgeht: Je nach Wochentag steht die Heuernte im Tal an oder die gemeinsamen Alppflegearbeiten, die in Grindelwald «Tagwann» genannt werden. Dazwischen sind immer Florian und Ramona da – mal auf dem Schoss, mal vor dem Babyphon, über das Karin Mai hört, ob sie noch schlafen, während sie im Stall arbeitet. «Ich bin eigentlich schon ein Typ, der einen Rhythmus braucht», sagt sie.

 

Unterstützt wird sie von den Grosseltern und von Stefan. Springt jemand ein, übernimmt der andere die Kinder. «Wir sind einfach eine Familie und machen es so», sagt Karin Mai dazu. Speziell ist zudem, dass alle Mitglieder der Betriebsgemeinschaft neben der Arbeit auf dem Hof zusätzlich einer auswärtigen Erwerbsarbeit nachgehen. Karin Mais Doppelrolle ist damit kein Einzelfall, sondern Teil des Betriebsmodells.

 

Auch mit ihrer Arbeitgeberin musste Karin Mai die Doppelrolle organisieren. Vor der Geburt von Ramona wollte sie keinen unbezahlten Urlaub beziehen, sondern verhandelte ein reduziertes Pensum und den Bezug von Ferientagen. Im September steigt sie damit wieder in der Käserei im Diemtigtal ein, statt die Stelle für die Zeit der Mutterschaft aufzugeben. «Das ist nachher schon cool, weil ich schon lange dort bin», sagt sie.

Sommerserie: Frauen in der Landwirtschaft

Die Vereinten Nationen haben 2026 zum «International Year of the Woman Farmer» erklärt. Das Jahr soll die oft wenig sichtbaren Leistungen von Frauen in der Landwirtschaft und in den gesamten Ernährungssystemen hervorheben.

In einer mehrteiligen Sommerserie porträtiert der LID verschiedene Frauen, welche die Landwirtschaft mit unterschiedlichen Lebenswegen, Aufgaben und Perspektiven prägen und weiterentwickeln.

Nicht unterschätzt, aber oft bestaunt

Unterschätzt gefühlt hat sich Karin Mai in ihrer Arbeit nie – eher im Gegenteil. Häufiger höre sie: «Wie machst du das mit zwei Kindern und gehst noch arbeiten?» Bereits nach der Geburt von Florian arbeitete sie weiterhin an zwei Tagen pro Woche ausserhalb des Betriebs, auch weil ihr wichtig war, den Anschluss an ihre Arbeitsstelle nicht zu verlieren. Während der Alpsaison ging sie zudem weiterhin einen Tag pro Woche in der Käserei arbeiten.

 

Dass Frauen in der Landwirtschaft strukturell mehr leisten müssen als Männer, sieht sie durchaus, formuliert es aber nüchtern: «Wenn wir Frauen immer mehr auch im Betrieb machen, dann sollen die Männer da auch etwas zurückgeben – etwa bei der Unterstützung mit den Kindern.» Bei ihr und Stefan funktioniere das gut.

2026 Kinderwagen Sommerserie Alpleben Mwe
Der Kinderwagen mit Tochter Ramona steht in der Küche, von wo aus Karin Mai sie beim Käsen sieht. (mwe)

Romantisierung des Alplebens 

Am meisten stört Karin Mai, wenn Leute zu ihr sagen «ihr habt’s ja schön, ihr seid ja immer beieinander». Diese Vorstellung des Alplebens blendet aus, was es zum Beispiel bedeutet, wenn das Wetter plötzlich umschlägt und ein Gewitterregen die Alp erfasst: «Es hat schon gegeben, dass du die Kleider nicht mehr trocknen kannst, dann hast du noch die Kinder und solltest trotzdem ins Tal heuen gehen.»

 

Nach dem Käsen fahren Karin Mai und Stefan an solchen Tagen ins Tal, helfen bei der Heuernte und kehren abends auf die Alp zurück, um die Kühe zu melken. «Wir haben es wirklich schön», sagt Karin Mai – aber sie will, dass auch die anderen Tage gesehen werden: Kranke Kinder, Heu, das trotzdem geerntet werden muss, kaum spontane Zeit für sich selbst. Die Familie habe aber trotzdem Zeit für Ausflüge zu zweit oder mit den Kindern. Man müsse es eben vorher planen und auch damit rechnen, dass die Alp oder der Hof einem zuvorkommen kann.

2026 Alphütte Eiger Sommerserie Mwe

Eine Alp inmitten des Tourismus 

An der Hütte von Karin Mai führt die Wanderroute zur Kleinen Scheidegg vorbei und die Tagweide der Kühe reicht bis in die Nähe der Bergstation «Eigergletscher» des Eigerexpress. Im Winter führen zudem die Skipisten und der Schlittelweg direkt an den Hütten vorbei.

 

Bei der Alphütte auf Alpiglen betreibt die Familie einen kleinen Selbstbedienungskühlschrank mit eigenen Produkten: Alpkäse, Mutschli mit Kräutern, Trockenwurst und ein Goldmelissensirup, den Karin Mais Schwiegermutter einkocht. Ein weiterer Teil des Käses geht direkt an Bergrestaurants in der Region. Strom und fliessendes Wasser verdankt die Alp der Nähe zu Bahnen und Restaurants. «Wir dürfen eigentlich nicht klagen, weil es hier wirklich nicht so schlimm ist wie an anderen Orten im Tal», sagt Karin Mai dazu.

 

Nicht immer verläuft der Kontakt mit Gästen reibungslos. Karin Mai erinnert sich an ältere Wanderer, die den Abstieg von der Kleinen Scheidegg unterschätzt hatten und erschöpft bei der Alp ankamen. Die Familie organisierte in diesem Fall ein Taxi. Schaukäsen oder gestellte Fotos für die Kamera kommen für sie trotzdem nicht infrage: «Das ist nicht unser Ding.» Wer Interesse zeigt, dem erklärt sie gern, wie ihre Arbeit funktioniert. Wer nur ein Selfie will oder unhöflich auftritt, bekommt eine höfliche, aber knappe Abfuhr.

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Der Kühlschrank mit den Produkten der Familie Mai steht bei der Alphütte auf Alpiglen. (mwe)

Was bleiben soll 

Florian wird schon jetzt einbezogen: Beim Käsen darf er zuschauen, beim Melken helfen, wenn er will. Karin Mai möchte ihren Kindern vor allem mitgeben, zufrieden zu sein mit dem, was man tut.

 

Für die eigene Zukunft hat sie keine grossen Pläne, die alles verändern sollen: Gesundheit, gegenseitige Hilfe in der Familie, irgendwann eine geregelte Hofübergabe. Auf die Frage, ob sie sich vor einigen Jahren hätte vorstellen können, heute Käserin, Mutter und Älplerin zu sein, lacht sie: «Ich habe wirklich manchmal ganz andere Ziele vor Augen gehabt, aber jetzt möchte ich gar nichts anderes mehr – ich bin, glaube ich, sehr, sehr glücklich so.»

2026 Familienportrait Sommerserie Familiemai Mwe