Wasserbüffel pflegen den See
Der Lobsigensee im Berner Seeland wird immer grösser – seit Jahren haben die anstossenden Landwirte darum kontinuierl...
Sie sind vierbeinige Ökoaktivisten: Schottische Hochlandrinder, Galloway-Rinder, Wasserbüffel, Ziegen, Schafe und Schweine fördern durch ihre Beweidung die Biodiversität in Wäldern, Feuchtgebieten und Mooren. Mit ihrem Fress- und Trittverhalten halten sie die Vegetation zurück und schaffen vielfältige Lebensräume für Amphibien, Vögel, Insekten und Pflanzen. Dabei können sie einen Teil der maschinellen Landschaftspflege übernehmen und Kosten sparen. Besonders geeignet sind robuste, genügsame Rassen, die auch mit nährstoffarmem Futter zurechtkommen.
Die gezielte Beweidung zur ökologischen Aufwertung liegt im Trend. Allerdings ist die Waldbeweidung in der Schweiz grundsätzlich verboten. Bereits 1876 wurde sie auf nationaler Ebene untersagt, nachdem die jahrhundertelange Nutzung vielerorts zu Überweidung und Waldschäden geführt hatte. Heute stehen dagegen mancherorts dichte, lichtarme Wälder im Fokus. Die Kantone können deshalb Ausnahmebewilligungen für eine gezielte, zeitlich begrenzte Beweidung erteilen.
Ziel ist es, lichte, strukturreiche Lebensräume zu schaffen und die Artenvielfalt zu fördern. Dabei müssen auch die Interessen der Forstwirtschaft, Gemeinden und Jagd berücksichtigt werden. Die Bewilligungspraxis unterscheidet sich je nach Kanton. Eine lange Tradition haben Waldweiden insbesondere im Jura, in Bern und Graubünden, wo sogenannte Wytweiden seit Jahrhunderten landwirtschaftlich genutzt werden.
Im Kanton Zürich gibt es derzeit drei Waldweiden: Am Waldrand «Rüebisberg» in Bachs, im Pro-Natura-Gebiet «Eichberg» in Bauma sowie im «Lichten Wald Rotengüblen» in Fischenthal. Mit der Beweidung durch Ziegen soll eine traditionelle Form der Waldnutzung erprobt und die Biodiversität gefördert werden. Die Tiere halten die Vegetation zurück und schaffen durch ihr Fressverhalten und ihre Tritte lichte, strukturreiche Lebensräume. Davon profitieren insbesondere licht- und wärmeliebende Arten wie Tagfalter, Heuschrecken, Orchideen und andere seltene Pflanzen.
Bei Waldweideprojekten gebe es in der Bevölkerung immer wieder kritische Stimmen oder eine gewisse Skepsis, sagt Katharina Weber von der Medienstelle der Baudirektion des Kantons Zürich. Bedenken würden insbesondere bei Einzäunungen geäussert. Diese würden als Hindernisse für Wildtiere wahrgenommen. Durch die Waldbeweidung würden auch Auswirkungen auf die Waldverjüngung und die langfristige Entwicklung des Waldes befürchtet. Umso wichtiger sei eine gute Information der Bevölkerung, der frühzeitige Austausch mit Betroffenen und Interessengruppen sowie eine fachliche Begleitung der Beweidung, meint Katharina Weber.
Ein weiteres Beweidungsprojekt im Kanton Zürich ist die seit 1980 unter Naturschutz gestellte Moorlandschaft «Frauenwinkel» am Zürichsee. Mit 350 Hektaren ist sie der grösste unverbaute und zusammenhängende Uferabschnitt und liegt zwischen den Inseln Ufenau und Lützelau. Das Amphibiengebiet weist auch Waldanteile auf. Auf zwei Parzellen weiden Schottische Hochlandrinder. Sie halten die Limikolenteiche – spezielle gestaltete Gewässer, die optimal auf die Bedürfnisse von Limikolen, also Watvögel, abgestimmt sind – und Riedflächen frei von Schilf. Durch das Kurzhalten der Vegetation wirken die Tiere vor allem der Verbuschung entgegen.
2008 und 2009 weideten im Rahmen eines wissenschaftlich begleiteten Versuchs erstmals Schottische Hochlandrinder im Amphibienlaichgebiet «Sürch» in der Thurgauer Gemeinde Basadingen-Schlattingen. Das fünf Hektaren grosse Naturschutzgebiet von nationaler Bedeutung umfasst Moor-, Sumpf- und Waldflächen. Die Ergebnisse zeigten, dass insbesondere der stark gefährdete Laubfrosch von der Beweidung profitierte: Die Tritte der Rinder werteten seinen Lebensraum in den Uferbereichen auf. Auch Heuschrecken profitierten von den neu entstandenen, vielfältig strukturierten Lebensräumen mit sonnigen, offenen Bodenstellen und unterschiedlich hoher Vegetation.
Matthias Künzler, Abteilungsleiter Natur und Landschaft beim Thurgauer Amt für Raumentwicklung sagt: «Die Beweidung hat sich ökologisch positiv ausgewirkt – positiv ist auch, dass die Hochlandrinder kanadische Goldruten fressen, dadurch den Aufwand für die manuelle Eindämmung von Neophyten reduzieren und so weniger Schnittgut entsorgt werden muss.» Laut Matthias Künzler beweiden weiterhin zwei bis vier Hochlandrinder jeweils zwischen April und Oktober ein bis zwei Monate lang den «Sürch». Aktuell werden noch drei weitere Naturschutzgebiete im Thurgau durch tierische Landschaftspflege aufgewertet.
Im Naturschutzgebiet «Altes Ziegeleiareal» in Wittenbach im Kanton St. Gallen sorgen Schottische Hochlandrinder dafür, dass wertvolle Lebensräume für Amphibien erhalten bleiben. Auf dem Gelände einer ehemaligen Ziegelei entstanden einst Tümpel und Pionierflächen, in denen sich seltene Arten wie die stark gefährdete Gelbbauchunke ansiedelten. Weil die Kleingewässer zunehmend zuwuchsen und verlandeten, wurde das Schutzgebiet ab 2015 aufgewertet. Zwischen 2020 und 2022 folgte ein erfolgreicher Beweidungsversuch mit Hochlandrindern. Seither ist die Beweidung Teil des Pflegekonzepts.
«Die Lebensräume für die Amphibienarten können mit dem aktuellen Pflegeplan, bei welchem die Beweidung auf einer Teilfläche dazugehört, erhalten werden», erklärt Umweltingenieur Dominic Frei vom Ökobüro Weber & Frei. Während sich die Bestände der Gelbbauchunke bislang nicht erholt haben, geht es anderen Amphibienarten wie Bergmolch, Grasfrosch und Fadenmolch gut. Ganz ohne Maschinen geht es allerdings nicht: Etwa alle drei Jahre müssen die Kleingewässer weiterhin mit Baggern freigehalten werden.
Die Hochlandrinder stammen vom Hof Erlenholz der Familie Rickenmann und beweiden das Gebiet jeweils im Juni und September. Bei der Bevölkerung sind die tierischen Landschaftspfleger beliebt und können von einem Besucherpodest aus beobachtet werden. Auch finanziell lohnt sich ihr Einsatz: Laut Daniel Worni von der Gemeinde Wittenbach reduzieren die Rinder den Maschinen- und Personalaufwand. «Unter dem Strich sind die tierischen Helfer günstiger – die Einsparungen liegen im Bereich zwischen 2’000 und 4’000 Franken und die Hochlandrinder arbeiten flächendeckend und erwischen mehr Biomaterial», erläutert er.
Auch im Naturschutzgebiet «Bildweiher» am Westrand der Stadt St. Gallen sollen künftig Schottische Hochlandrinder zum Einsatz kommen. Das rund fünf Hektaren grosse Amphibienlaichgebiet von nationaler Bedeutung umfasst Weiher, Feucht- und Magerwiesen sowie kleinere Tümpel. Diese drohen jedoch zunehmend zu verlanden, weil sich Schilf und andere dominante Pflanzen ausbreiten.
Ein wissenschaftlich begleitetes Pilotprojekt soll deshalb prüfen, ob Hochlandrinder die Vegetation zurückdrängen und die Kleingewässer langfristig offenhalten können. Dabei orientiert sich die Stadt an den Erfahrungen aus dem «Alten Ziegeleiareal» in Wittenbach. «Die Erfahrungen aus anderen Naturschutzgebieten zeigen, dass Weidetiere von der Bevölkerung in der Regel als Bereicherung wahrgenommen werden und das Interesse an der Natur fördern können», erklärt Projektleiterin Bettina Giger von Stadtgrün St. Gallen.
Ursprünglich wären auch Wasserbüffel eine Option gewesen. Die robusten Tiere eignen sich dank ihrer Vorliebe für Schlamm und Tümpel besonders für die Pflege von Feuchtgebieten. Weil sich in der Region jedoch kein geeigneter Betrieb fand, setzt die Stadt vorerst auf Schottische Hochlandrinder.
Im Naturschutzgebiet «Ronfeld» am Baldeggersee im Kanton Luzern setzt Pro Natura Luzern seit 2025 versuchsweise auf Wasserbüffel. Drei Tiere sollen durch ihr Fress- und Suhlverhalten die Vegetation zurückdrängen und offene Wasser- und Sumpfflächen schaffen. Davon profitieren insbesondere Vögel, Amphibien und Libellen. Das Projekt läuft bis Ende 2028.
Im Mai 2026 weideten die Büffel erstmals während sechs Wochen im Gebiet. «Die drei Büffel haben gemäss unseren Vorstellungen das Gras und Schilf abgeweidet», bilanziert Marianne Baruffa, Schutzgebietsverantwortliche von Pro Natura Luzern. Allerdings trockneten die beiden Flutmulden im Laufe des Sommers aus, weshalb ein zweiter Weidegang ausfallen musste. Stattdessen musste die Fläche im Herbst maschinell gemäht werden. Bei der Bevölkerung kamen die tierischen Landschaftspfleger gut an und lockten zahlreiche Interessierte an.
Die Wasserbüffel stammen vom Brunnenhof im aargauischen Sins. Laut ihrem Besitzer Jeremias Villiger-Frischknecht eignen sie sich besonders für Feuchtgebiete, weil sie auch Schilf, Seggen und Binsen fressen. Anders als Hochlandrinder halten sie sich zudem gerne im Wasser auf und suhlen sich im Schlamm. Dadurch drängen sie dominante Sumpfpflanzen zurück und schaffen wertvolle Lebensräume. Ob die Büffel nach Projektende weiterhin im «Ronfeld» eingesetzt werden, ist noch offen.
Der Aargau bewilligte vor rund 25 Jahren als erster Kanton Waldweiden und zählt heute 34 Projekte – so viele wie kein anderer Kanton. Inzwischen gibt es Waldweiden in 20 Kantonen, eine schweizweite Statistik fehlt jedoch. Fachleute beobachten insbesondere im Mittelland eine Zunahme.
Für Benno Schmid vom Verband WaldSchweiz ist die Beweidung eine wertvolle Ergänzung zur herkömmlichen Waldbewirtschaftung: «Ein vollständiger Ersatz für die Arbeit von Mensch und Maschine sind sie aber nicht.» Zudem könnten die Tiere durch den Verbiss junger Bäume die natürliche Waldverjüngung gefährden. Deshalb müssten bei der Bewilligung die Interessen von Naturschutz, Waldeigentümern und Bewirtschaftern berücksichtigt werden. Eine flächendeckende Waldbeweidung sei keine Lösung.
Auch BirdLife Schweiz setzt in Waldweideprojekten auf Ziegen. Diese fressen neben Gräsern und Kräutern auch Sträucher und Gehölze und verhindern so die Verbuschung. «Viele ökologisch wertvolle offene und halboffene Lebensräume sind durch Beweidung entstanden oder wurden durch sie erhalten», erklärt Yvonne Lichtsteiner von BirdLife Schweiz.
Eine wichtige Rolle spielt die creaNatira GmbH, eine Tochtergesellschaft von Pro Natura Aargau. Sie betreut 21 Waldweiden im Aargau sowie je eine in Basel-Landschaft, Solothurn und Zürich. Laut Geschäftsführer Ulysses Witzig gibt es gelegentlich Konflikte mit Jägerinnen und Jägern oder Bedenken aus Naturschutzkreisen. Die anfängliche Skepsis lege sich mit zunehmender Erfahrung jedoch meist. So könnten beispielsweise Orchideen vom zusätzlichen Licht in beweideten Wäldern profitieren oder das Reh habe durch die sich entwickelnde Krautschicht ein besseres Futterangebot.
Welche Tiere eingesetzt werden, hängt vom Gelände ab: Ziegen eignen sich besonders für Wald und steile Hänge, robuste Rinder für Grasflächen und Wasserbüffel für Sumpfgebiete und Auen. Die Tiere stammen von privaten Haltern und Landwirtschaftsbetrieben. Für Letztere ist die Zusammenarbeit attraktiv, weil sie während der Beweidungszeit Futter und Betreuungsaufwand sparen können.
Pro Natura Schweiz sieht in der Beweidung von Naturschutzgebieten grosses Potenzial für die Biodiversität, mahnt aber zur Vorsicht. «Die Tierart und -rasse, der Weidedruck, der Zeitpunkt und die Dauer der Beweidung sind Punkte, die einen grossen Einfluss auf das Ergebnis haben», erklärt Hanna Schreiber, Projektleiterin für Schutzgebiete und Biotopaufwertung. Während manche Pflanzen durch Tritte und Frass geschädigt werden, profitieren andere von offenen Bodenstellen und unterschiedlich hoher Vegetation. Auch die Dungfauna wird gefördert.
Entscheidend sei deshalb, die Beweidung auf die jeweiligen Schutzziele, örtlichen Bedingungen und vorkommenden Arten abzustimmen. «Es muss also im Einzelfall entschieden werden, was die Ziele sind für das Naturschutzgebiet und durch welche Massnahme diese am besten erreicht werden können», erklärt sie.
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