Wenn der Berg zuwächst: Die Schweizer Alpwirtschaft im Stresstest des Klimawandels
Das Jahr 2026 steht international im Zeichen der Weiden und Hirten. An der Fachkonferenz für Berglandwirtschaft und W...
Benjamin Herzogs Jungvieh verbringt den Sommer auf der Alp Heuboden. Sie liegt oberhalb von Finsterwald an der Strecke von Entlebuch über den Glaubenberg. Neben seinen eigenen Tieren sömmert er dort auch Rinder anderer Betriebe. Das Gebiet umfasst rund 17 Hektaren Sömmerungsweide.
Damit er seine Tiere auf den weitläufigen Weiden schneller findet, setzt Herzog auf eine neue Technologie: GPS-Ohrmarken. Das System Tag4Farm, das von Identitas in der Schweiz eingeführt wird, steht diesen Sommer erstmals im Praxiseinsatz. Die Ohrmarken, sogenannte Tags, wurden vom australischen Unternehmen CERES TAG entwickelt. Bereits heute kommen sie auf grossen Rinderfarmen in Ländern wie Australien und den USA zum Einsatz.
Schweizweit nutzen derzeit rund 25 Betriebe das System. Insgesamt hat Identitas nach eigenen Angaben rund 500 Geräte für die laufende Alpsaison vermietet.
Die Funktionsweise ist einfach: Die Ohrmarken erfassen den Standort der Tiere und senden die Daten via Satellit. Über die Tag4 Farm-App können Landwirtinnen und Landwirte anschliessend sehen, wo sich die Tiere befinden.
Da die Datenübertragung Energie benötigt, sind die Ohrmarken mite einem kleinen Solarpanel ausgestattet. Darüber hinaus sollen die Nutzerinnen und Nutzer benachrichtigt werden, wenn sich ein Tier ungewöhnlich lange nicht bewegt oder eine erhöhte Aktivität zeigt.
Empfohlen wird, rund zehn Prozent der Tiere einer Herde mit Tags auszustatten. Jede Ohrmarke sendet ihren Standort drei- bis viermal täglich. Durch mehrere Tiere mit unterschiedlichen Sendezeitpunkten entsteht so ein recht aktuelles Bild der Herdenbewegungen.
Benjamin Herzog setzt Tag4Farm im Rahmen eines Digitalisierungs-Projektes des Landwirtschaftsforums der Unesco Biosphäre Entlebuch ein. Ziel des Projektes ist es, Erfahrungen mit neuen digitalen Technologien in der Landwirtschaft zu sammeln und die regionale Praxistauglichkeit zu prüfen.
«Meine Motivation war primär die versprochene Arbeitserleichterung», sagt er. Ziel ist es, die Tiere schneller aufzufinden und Kontrollgänge effizienter zu gestalten.
Für die Saison hat er acht Ohrmarken von Identitas gemietet. Die Kosten von 90 Franken pro Ohrmarke bewertet er kritisch. «Das ist ein stolzer Preis. Dies entspricht fast der Hälfte des Sömmerungsbeitrags», sagt er. Ob sich die Investition langfristig lohnt, werde davon abhängen, ob die versprochene Leistung zuverlässig erbracht werde.
Noch funktioniert die Technik allerdings nicht wie erhofft. Während theoretisch deutlich mehr Standortmeldungen eintreffen sollten, erhält Herzog derzeit lediglich rund drei bis vier brauchbare Meldungen pro Tag.
«Das muss klar verbessert werden.»
Auch David Feurer von Identitas sieht noch Optimierungsbedarf: «Das System hat noch einige Kinderkrankheiten, die wir nun beheben müssen.»
Laut Identitas hängt die Sendeleistung unter anderem von den jeweiligen Haltungsbedingungen ab. Halten sich die Tiere tagsüber oft unter Unterständen auf, können die solarbetriebenen Geräte schlechter laden. Gleichzeitig kann die Satellitenverbindung eingeschränkt sein. Bei den meisten Alpen falle die Sendeleistung höher aus als auf dem Betrieb von Herzog. Die genauen Umstände würden noch untersucht.
Mit seinen vier kleinen Kindern und den Arbeitsspitzen im Sommer ist für Herzog jede Arbeitserleichterung willkommen. Seit 2020 führen Benjamin und Jasmin Herzog-Bieri den Betrieb als Pächterfamilie.
«Arbeitskräfte zu finden, wird auch in der Landwirtschaftsbranche zunehmend zur Herausforderung», sagt der Landwirt. Für ihn geht es beim Projekt aber nicht nur um die eigene Arbeitsorganisation. «Das Landwirtschaftsforum will mit dem Projekt zeigen, dass wir Landwirte mit der Zeit gehen. Mit Tiertracking können wir nicht nur unsere Arbeit effizienter machen, sondern auch das Tierwohl verbessern.»
Ein weiterer Nutzen könnte künftig auch Wanderern zugutekommen. Gerade im Entlebuch mit seinen zahlreichen Wanderwegen treffen Erholungssuchende regelmässig auf Weidetiere. Insbesondere Mutterkuhherden sorgen dabei immer wieder für Unsicherheit.
Deshalb arbeitet das Projekt auch mit Outdooractive zusammen, einer beliebten Plattform für Wanderernde. Die Idee: Wer eine Wanderung plant, soll erkennen können, auf welchen Weiden sich beispielsweise Mutterkuhherden befinden. So könnten sensible Bereiche umgangen, Konflikte zwischen Mensch und Tier reduziert und ein Beitrag zur Unfallvermeidung geleistet werden.
Die Zusammenarbeit mit Tourismusorganisationen läuft laut Identitas bereits gut. Die dortigen Anforderungen können mit dem System abgedeckt werden.
Trotz der aktuellen Herausforderungen kann sich Herzog vorstellen, das System weiterhin einzusetzen. «Wahrscheinlich wären wir bereit, auch im nächsten Sommer die Ohrmarken nochmals zu testen, wenn uns Identitas mit dem Preis entgegenkommt. Momentan ist der Nutzen zu tief, respektive das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt nicht überein.»
Für Identitas sind solche Rückmeldungen wichtig.
«Die echten, ungeschönten Meinungen und Einschätzungen der Landwirte sind das, was uns weiterbringt», sagt David Feurer. Dies sei auch der Grund, warum die Firma das Produkt jetzt auf dem Markt gebracht hat.
«Schweizer Alpwirtschaft stellt besondere Herausforderungen an die Technologie.»
Der Fokus liegt derzeit auf dem Geo-Tracking, also der Ortung der Tiere per GPS. Dabei gilt es, die Technologie an die sehr vielfältigen Bedingungen der Schweizer Landwirtschaft anzupassen. Denn eine Prärie ist nicht dasselbe wie eine Alp. «Die Schweizer Alpwirtschaft stellt besondere Herausforderungen an die Technologie», erklärt David Feurer.
Im Unterschied zu grossen Weidebetrieben in Australien oder den USA sind die Herden kleiner, die Tiere wechseln saisonal zwischen Alp und Stall, und das Gelände ist oft deutlich anspruchsvoller. Dadurch kann freie Sicht auf die Satelliten zur Datenübermittlung eingeschränkt werden.
Langfristig sollen die Ohrmarken noch deutlich mehr leisten können. Denkbar sind Anwendungen zur Gesundheitsüberwachung, Brunsterkennung oder zur Früherkennung von Krankheiten. Dazu müssen aber die Rahmenbedingungen für die Schweiz stimmen. «Heutige Ohrmarken würden sogar merken, wenn ein Schaf hinkt», sagt David Feurer.
Auf der internationalen Website von CERES TAG gehören die Gesundheitsdaten sowie Fruchtbarkeitsüberwachung bereits heute zu den angebotenen Funktionen. Bis solche Anwendungen in der Schweiz verfügbar sind, müssen jedoch zunächst die technischen Herausforderungen gelöst werden.
Das Jahr 2026 steht international im Zeichen der Weiden und Hirten. An der Fachkonferenz für Berglandwirtschaft und W...
Auf den Toggenburger Alpen ist der Alpsommer in vollem Gang. Kühe und Rinder brauchen täglich Wasser, Sennereien benö...
Auch Nutztiere leiden unter den hohen Temperaturen im Sommer. Wie Menschen können auch sie Hitzestress entwickeln. Vo...