Von der Papeterie in die Obstanlage

Angela Preisig aus Mauren TG hat die Ausbildung zur Betriebsleiterin und Obstbaumeisterin neben ihrer Mutterschaft absolviert. Heute arbeitet sie auf dem elterlichen Obstbaubetrieb und bringt ihr Wissen bereits in die Praxis ein: Sie setzt auf herbizidfreie Produktion und fördert Nützlinge in der Obstanlage.
Zuletzt aktualisiert am 1. Oktober 2026
von Jasmine Baumann
3 Minuten Lesedauer
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Angela Preisig arbeitet zu 70 Prozent auf dem Obstbaubetrieb, während der Erntesaison Vollzeit. (Bilder jba)

Mit einem kleinen Traktor und vier angehängten Wagen fährt Angela Preisig in die Obstanlage. Die Ernte der «Celina»-Birnen hat bereits begonnen. Vorsichtig pflückt die junge Frau eine Birne nach der anderen und legt sie in den Erntekorb. «Die leicht roten Backen zeigen, ob die Birne erntereif ist oder noch nicht», erklärt sie.

Erst diesen Sommer hat Angela Preisig die Meisterprüfung in Obstbau abgeschlossen. Nun arbeitet sie auf dem Betrieb ihrer Eltern Urs und Milva Reut in Mauren TG mit – mitten in «Mostindien». In drei bis vier Jahren möchte sie den Betrieb übernehmen. Dieser Umfasst 14 Hektaren Apfel- und Birnenanlagen sowie 12 Hektaren Ackerbau und 4 Hektaren Wald. Dazu noch gut 3 Hektare Ökologische Ausgleichsflächen.

Familie Reut baut acht Apfel- und fünf Birnensorten an. «Das ist noch wenig», schmunzelt Angela Preisig, «Direktvermarkter haben zum Teil bis zu 30 Sorten». Geerntet wird von Anfang August bis Mitte-Ende Oktober. Im Winter werden die Obstbäume geschnitten. «Dabei hat jeder Bauer eigene Philosophie», sagt die frischgebackene Obstbaumeisterin.

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Die Birnen müssen vorsichtig in den Korb gelegt werden und anschliessend in die grössere Kiste.

«Mit der Weiterbildung wollte ich meinen Horizont erweitern»

Obstbäuerin zu werden war jedoch nicht immer ihr Plan – im Gegenteil. «Die Eltern liessen uns drei Geschwistern bei der Berufswahl freie Hand», erzählt sie. In ihrem Dorf hätten die meisten Frauen nach der Schule eine Lehre in der Pflege, im Verkauf oder als Kauffrau begonnen. Sie entschied sich für eine Lehre als Detailhandelsfachfrau in einer Papeterie. Doch bald fühlte sie sich dort etwas eingesperrt.

Nach der Lehre fand sie zunächst eine Teilzeitarbeit und half deshalb 50% auf dem Hof ihres Vaters mit. Das gefiel ihr so gut, dass sie eine Zweitlehre zur Obstfachfrau EFZ absolvierte. In der Berufsfachschule am Strickhof war sie die einzige Frau. Das hinderte jedoch nicht daran, weiterzumachen. Ihr hatte es den Ärmel reingezogen: auf die Zweitlehre folgten die Betriebsleiterschule und die Meisterprüfung.

«In der Lehre habe ich nur in zwei Betriebe hineingesehen. Mit der Weiterbildung wollte ich meinen Horizont erweitern», sagt Angela Preisig. Besonders wertvoll sei für sie der Austausch mit den Mitschülern gewesen. «Man nimmt es anders wahr, tauscht sich mehr aus über die Zukunft des Betriebs», sagt sie. «In der Lehre ist man noch nicht so weit.»

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Angela Preisig war fast die einzige Frau während ihrer gesamten Obsbau-Ausbildung.

Mehr Sicherheit im Büro

Von ihrer Weiterbildung profitiert Angela Preisig heute auch abseits der Obstanlage. «Ich habe es gemacht, damit ich im Büro sattelfester werde», sagt sie. In den buchhalterischen Modulen habe sie gelernt, verschiedene Jahre miteinander zu vergleichen und zu erkennen, wo Verbesserungen möglich sind. Auch die Themen Recht und Versicherungen hätten sie besonders interessiert.

Das erworbene Wissen kann sie nun bereits auf dem elterlichen Betrieb einsetze. Denn die Hofübernahme ist nicht mehr weit entfernt.

Ausbildung und Mutterschaft gleichzeitig

Die grösste Herausforderung während ihrer Ausbildung war, dass sie bereits ein Kind hatte, und währen dieser Zeit noch eines bekam. «Das ging nur, weil mich mein Umfeld so gut unterstützt hat», erzählt sie.

Schwierig sei es zudem gewesen, sich im Frühjahr, wenn in der Obstanlage der Pflanzenschutz beginnt, auf die Abschlussarbeiten zu konzentrieren. Eine weitere Hürde war für sie die Sprache: «Ich bin nicht so stark im Deutschen. Daher war ich froh, dass meine Kollegin alles korrigieren konnte.»

Heute arbeitet Angela Preisig zu 70 Prozent auf dem Obstbaubetrieb. Die Kinder sind mittlerweile 3 und 6 Jahre alt. Doch, wer betreut sie, wenn Angela Preisig auf dem Hof arbeitet? «Diese laufen einfach mit. Wenn sie Lust haben, dürfen sie mithelfen, oder im Veloanhänger spielen», erzählt die 29-jährige.

Während der Erntesaison arbeitet sie zu 100 Prozent auf dem Betrieb. Ganzjährig arbeitet zudem ein Paar aus Rumänien auf dem Hof. Während der Saison kommen ein bis zwei weitere Erntehelfer und zwei bis drei Pensionierte dazu, die bei der Ernte helfen.

Hacken statt spritzen

Obwohl Angela Preisig den Hof noch nicht übernommen hat, kann sie ihr Wissen bereits einbringen. Während ihrer Ausbildung schrieb sie eine Arbeit über den herbizidfreien Anbau. Sie hat die Methode für den Betrieb durchgerechnet und setzt sie nun im ersten Jahr in der Obstanlage um.

«Heuer ist es gut gegangen mit dem Hacken. Das Unkraut kommt nicht so schnell, weil es trocken ist». Wie sich der Versuch langfristig bewährt, wird sich zeigen.

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«Ohreschlüüffer-Hotels» für Nützlinge

Auch bei der Förderung von Nützlingen bringt Angela Preisig ihre Ideen ein. In der Obstanlage fördert sie zum Beispiel «Ohreschlüüffer», wie sie die Ohrwürmer nennt. Diese bekämpfen auf natürliche Weise Birnenblattsauger, in dem sie deren Eier und Larven fressen, bevor diese einen klebrigen Honigtau auf den Birnen, wie auch auf den Blättern hinterlassen, und somit unverkäuflich sind, bei grösserer Population.

Für die «Ohreschlüüffer» hängen zwischen den Apfel- und Birnenbäumen verkehrte Tontöpfe mit Holzwolle drin. «Ohreschlüüffer-Hotels» nennt wie Angela Preisig die Nisthilfen.

Um Schädlinge zu bekämpfen, setzt die Familie ausserdem Pheromone ein. Diese werden über Verpuffer in der Anlage ausgebracht und stören die Paarung bestimmter Schädlinge.

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Hofübergabe frühzeitig geplant

Auch zum Thema Hofübergabe hat Angela Preisig aus ihrer Ausbildung viel mitgenommen. Sie weiss, welche Aspekte bei einer Betriebsübergabe beachtet werden müssen. Nach der Übernahme möchte sie ihre Eltern vermutlich anstellen, wenn diese das möchten.

Bereits dieses Jahr zieht sie mit ihrem Mann Daniel und den zwei Kindern in die Betriebsleiterwohnung. Ihre Eltern haben diese immer wieder renoviert und angepasst, so dass sie in einem guten Zustand ist. «Solange die Kinder noch klein sind, werden wir nichts machen.»

Die Meisterprüfung ist abgeschlossen, die Hofübernahme rückt näher und die erste Idee setzt Angela Preisig bereits um. Ihr Weg hat sie von der Papeterie mitten in die Obstanlage geführt – und damit in die nächste Generation des Familienbetriebs.

Betriebsspiegel Obstbaubetrieb Reut

33 ha Landwirtschaftliche Nutzfläche

14 ha Apfel und Birnen Niederstammanlage

12 ha Ackerbau

4 ha Wald

3 ha Ökologische Ausgleichfläche

Arbeitskräfte: Urs & Milva Reut, Angela Preisig, 2 Festangestellte, 2 Erntehelfer, 2-3 Pensionierte

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