Wie Nutztiere die Hitze bewältigen

Auch Nutztiere leiden unter den hohen Temperaturen im Sommer. Wie Menschen können auch sie Hitzestress entwickeln. Von Hitzestress spricht man, wenn der Körper mehr Wärme produziert oder von aussen mehr Wärme aufnimmt, als er wieder abgeben kann. Ab wann Nutztiere Hitzestress empfinden und wie sie darauf reagieren, unterscheidet sich je nach Tierart.
Zuletzt aktualisiert am 2. Juli 2026
von Mia Werren
5 Minuten Lesedauer
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Bei hohen Temperaturen kann der Wasserbedarf einer Kuh auf bis zu 250 Liter täglich steigen. (rho)

Die vergangenen Wochen waren von grossen Wettergegensätzen geprägt. Nach einem wechselhaften und zeitweise kühlen Start in den Juni mit häufigen Niederschlägen und sogar Neuschnee in höheren Alpenlagen stellte sich ab Mitte Monat eine ausgeprägte Sommerwetterlage ein. Ende Juni begann eine rund 12-tägige Hitzewelle in der Schweiz, die zu den markantesten der vergangenen Jahre gehört.

Auf der Alpennordseite sowie im Wallis wurden mehrfach Höchstwerte von über 35 Grad gemessen und vielerorts wurden an mehreren Tagen Hitzetage registriert. Teilweise lagen die Temperaturen deutlich über den langjährigen Durchschnittswerten für Ende Juni.

Auch die Nächte brachten in vielen Regionen nur noch wenig Abkühlung, insbesondere in städtischen Gebieten und auf der Alpensüdseite. Es wurden Temperaturen zwischen 33 und 37 Grad gemessen, lokal waren sogar noch höhere Werte möglich.

Während die Trockenheit vielen Landwirtinnen und Landwirten günstige Bedingungen für die Heu- und Getreideernte bot, stellte die Hitze gleichzeitig eine erhebliche Belastung dar: Es galt das Wohlbefinden der Nutztiere im Auge zu behalten, da hohe Temperaturen ihre Leistungsfähigkeit und Gesundheit beeinträchtigen können.

Hühner: Lieber im Stall statt draussen

Hühner können nicht schwitzen und leiden unter Hitze. Ihre Körpertemperatur regeln sie über ihren Kamm und über die Kehllappen. Sogenannte Luftsäcke helfen der Regulation.

Der Hitzestress kann verschiedene Auswirkungen auf den Körper der Legehennen haben. Bei grosser Hitze fressen sie weniger und legen kleinere Eier. Auch das Legeverhalten wird beeinflusst: Die Hühner legen ihre Eier später am Tag.

Laut Daniel Würgler, Präsident von GalloSuisse und selbst Halter von Legehennen, können Bäuerinnen und Bauern im Vorfeld schon viel gegen den Hitzestress ausrichten. «Zum einen ist der Standort des Stalls wichtig, sowie sein Mikroklima. Ausserdem spielt es eine grosse Rolle, wie der Stall gebaut wurde. Eine gute Deckenisolation kann bereits viel vorbeugen», erklärt Daniel Würgler.

Die Belüftung ist ein weiterer zentraler Punkt in Sachen Kühlung. Die Zuluft und Abluft müsse optimal funktionieren. Würgler arbeitet zusätzlich mit einer Luftbefeuchtung in seinem Stall. «So kann man die Luftfeuchtigkeit erhöhen und die Temperatur im Stall zwischen einem und drei Grad senken», so der Präsident von GalloSuisse. Alle Halterinnen und Halter haben diese Möglichkeit aber nicht. Alternativ können diese das Dach mit einem Schlauch bewässern. Heikel werde es, wenn es am Abend nicht mehr abkühle. «Was auch Sorgen bereiten kann, sind Stromunterbrüche. Wenn der Strom nicht mehr funktioniert, gehen auch die Lüftungen nicht mehr», so Daniel Würgler.

Zusätzlich hilft ein gedeckter Aussenbereich. Dieser bietet den Hühnern Schatten und Sicherheit. Auch Bäume sind sehr wertvoll, da diese das Klima angenehmer machen. Schlussendlich sind die Hühner aber am liebsten drinnen. «Man kann das Ganze auch mit uns Menschen vergleichen: Wo halten wir uns während der Mittagshitze auf? Drinnen oder im Schatten», bemerkt Daniel Würgler.

Schweine: Schatten und Abkühlung ist gefragt

Schweine mögen keine Hitze. Für die Tiere liegen die optimalen Temperaturen zwischen 18 und 25 Grad Celsius. Im Gegensatz zu Menschen können sie wie die Hühner nicht schwitzen, weil sie keine Schweissdrüsen haben, was ihnen die Regulierung der Körpertemperatur erschwert.

Gemäss einer Studie von Agroscope und dem Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen, sind die wichtigsten Indikatoren für eine Hitzebelastung bei Mastschweinen die Atemfrequenz, die Oberflächentemperatur der Haut sowie die Lage beim Liegen. Wenn den Schweinen nämlich zu warm ist, suchen sie kühle und feuchte Böden und legen sich ausgestreckt auf der Seite hin, um möglichst viel Kontakt mit dem kühlen Untergrund zu haben.

Für das Tierwohl werde hierzulande viel gemacht, heisst es auf Anfrage bei Suisseporcs. Bei hohen Temperaturen investierten die Bäuerinnen und Bauern viel Zeit und Geld, um für gute Haltungsbedingungen zu sorgen. Laut einem Bericht von SUISAG und Suisseporcs hilft in den Ställen unter anderem eine zentrale Befeuchtung der Zuluft oder eine Unterflurlüftung. Im Auslauf verschaffen Duschen eine Abkühlung. Nieder- und Hochdruckvernebelungssysteme sowie sogenannte Coolpads – das sind wabenförmige Zellulosewände, die mit kaltem Wasser berieselt werden – werden als effektivste Abkühlungsmöglichkeit eingeschätzt. Somit entstehe ein länger anhaltender Kühleffekt.

Schweine Vernebelung Suisseporcs
Eine Vernebelungsanlage wie von der Buri AG in Hasle-Rüegsau verschafft den Schweinen eine Abkühlung. (Suisseporcs)

Kühe: Je heisser, desto weniger Milch

Gemäss der der Schweizerischen Vereinigung für Wiederkäuergesundheit (SVW) beginnt Hitzestress bei Rindern bereits bei rund 23 Grad Celsius und einer Luftfeuchtigkeit von über 85 Prozent. Besonders belastend sind mehrere aufeinanderfolgende Hitzetage oder sogenannte Tropennächte, in denen sich die Tiere nicht mehr ausreichend abkühlen können. In Berggebieten ist das Risiko zwar geringer, doch auch auf Alpen kann es bei starker Sonneneinstrahlung, fehlendem Schatten oder langen Wegen zur Tränke zu Hitzestress kommen.

Ist es zu heiss, vermeiden Kühe jede unnötige Anstrengung. Im Gegensatz zu Schweinen legen sie sich seltener hin und bleiben lieber stehen, weil sie so die Körperwärme besser abgeben können. Ausserdem atmen sie schneller und intensiver. Zwar können Kühe schwitzen, sie besitzen jedoch nur wenige Schweissdrüsen. Beginnen sie dennoch zu schwitzen, ist dies meist ein Zeichen dafür, dass sie bereits unter starkem Hitzestress leiden. «Kühe kühlen sich überwiegend über die Atmung ab», so die Rindergesundheit Schweiz (RGS).

Bereits bei normalen Temperaturen trinken Kühe bis zu 150 Liter Wasser pro Tag. Bei grosser Hitze und hoher Milchleistung kann der Bedarf auf bis zu 250 Liter täglich steigen. Laut der RGS lässt sich Hitzestress vorbeugen, indem den Tieren jederzeit ausreichend Schatten und frisches Wasser zur Verfügung stehen. Zudem empfiehlt er, Kühe während Hitzeperioden nachts weiden zu lassen und sie tagsüber in gut belüfteten Ställen zu halten. Ventilatoren sorgen für Luftbewegung, eine Berieselung mit Wasser hilft zusätzlich, die Körpertemperatur zu senken.

Die Folgen von wiederkehrendem Hitzestress sind weitreichend. Nach Angaben der SVW sinkt die Milchleistung über die gesamte Laktation, gleichzeitig nimmt die Fruchtbarkeit ab. Die Brunst fällt oft schwächer aus oder bleibt unbemerkt, die Qualität der Eizellen verschlechtert sich und der Besamungserfolg ist im Sommer tiefer als im Winter. Auch Stiere reagieren empfindlich auf hohe Temperaturen. «Die negative Beeinflussung des Immunsystems kann mit einer erhöhten Krankheitsrate in Zusammenhang stehen.», betont die RGS.

Dazu gehören unter anderem Mastitiden die sich meistens mit höheren Zellgehalten oder vereinzelt auch akuten Entzündungen in den Sommermonaten bemerkbar machen.  Hohe Temperaturen und eine hohe Luftfeuchtigkeit begünstigen zudem die Vermehrung krankheitsübertragender Insekten. Dadurch steigt das Risiko, dass sich Krankheiten wie das Lumpy Skin Disease oder die Blauzungenkrankheit ausbreiten können.

Die SVW empfiehlt, Kühe während Hitzewellen aufmerksam zu beobachten. Erste Anzeichen von Hitzestress sind eine erhöhte Atemfrequenz, verminderte Futteraufnahme, sinkende Milchleistung sowie Kühe, die im Stall kaum noch liegen oder auf der Weide eng zusammenstehen. Bei schwerem Hitzestress kommen Maulatmung, eingefallene Augen, hängende Ohren und eine erhöhte Körpertemperatur hinzu. Dann müssen die Tiere rasch gekühlt und mit Flüssigkeit versorgt werden. In schweren Fällen ist eine tierärztliche Behandlung mit Infusionen notwendig.

2018 Kuh Lid
Damit die Kühe nicht der Hitze ausgesetzt werden, wird empfohlen sie tagsüber im Stall zu halten und nachts auf die Weide zulassen. (lid)

Schafe: Kein dickes Wollvlies bei Hitze

Aufgrund ihrer dichten Wolle fühlen sich Schafe bereits ab Temperaturen von etwa 25 Grad Celsius nicht mehr wohl. Das Wollvlies wirkt wie eine zusätzliche Isolationsschicht und erschwert die Abgabe überschüssiger Körperwärme. Wärme können Schafe hauptsächlich über schwach behaarte Körperstellen wie Beine, Bauch, Ohren und Euter, sowie durch eine erhöhte Atemfrequenz abgeben. Im Gegensatz zu Menschen können sie nicht schwitzen. Zudem produziert ihr Verdauungssystem als Wiederkäuer kontinuierlich Wärme, wodurch sich der Körper zusätzlich aufheizt.

Bei Hitzestress zeigen Schafe typische Verhaltensänderungen: Sie suchen Schatten und luftige Plätze auf, bewegen sich weniger, stehen eng zusammen und reduzieren ihre Futteraufnahme. Dadurch sinkt die Milchleistung, während gleichzeitig das Risiko für gesundheitliche Probleme steigt.

Um Hitzestress zu vermeiden, ist es laut dem Beratungs- und Gesundheitsdienst für Kleinwiederkäuer BGK wichtig, dass die Schafe genügend Schattenplätze haben, an dem alle Tiere gleichzeitig Schatten holen können. Am Schattenplatz selbst sollte eine Luftzirkulation gewährleistet sein. Zudem empfiehlt sich die Schafe nachts weiden zu lassen. Während Hitzewellen empfiehlt sich ein permanenter Zugang zu Trinkwasser anstatt des zweimal täglichen Zugangs wie es gesetzlich beim Weidegang vorgeschrieben ist. Besonders wichtig ist ausserdem die Schur im Frühjahr, heisst es vom BGK. Ein zu langes oder verfilztes Vlies begünstigt einen Hitzestau und erschwert die natürliche Wärmeregulation zusätzlich.