Ohne Boden keine Zukunft

Auf dem Gurten bei Bern steht diese Woche das Soil Evolution-Festival ganz im Zeichen des Bodens. Im Zentrum der Fachveranstaltung: konservierende Landwirtschaft, Bodenfruchtbarkeit und die Frage, warum sich bodenschonende Systeme noch zu langsam verbreiten.
Zuletzt aktualisiert am 3. Juni 2026
von Jonas Ingold
6 Minuten Lesedauer
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Reto Minder ist Präsident von Swiss No-Till und führt einen Betrieb in Jeuss FR. Auf dem Bild vergleicht er die Reaktion von gepflügtem (l.) und ungepflügtem Boden im Wasser. (Hansjürg Jäger/IFAJ2024)

Drei Praktiker-Organisationen aus dem deutschsprachigen Raum - Swiss No-Till, Boden.Leben (Ö) und die Gesellschaft für konservierende Bodenbearbeitung (D) - haben sich zusammengetan, um ihr Wissen zu Bodenschutz, Humusaufbau und konservierender Landwirtschaft (Conservation Agriculture) zu bündeln und weiterzugeben.

Vorträge, Exkursionen und eine Ausstellerzone mit Maschinen- und Züchtungsunternehmen standen ebenso auf dem Programm wie der Austausch.

Am Eröffnungsanlass ging es in einer Podiumsdiskussion u.a. darum, wieso die konservierende Landwirtschaft noch nicht so verbreitet ist wie von den Organisationen gewünscht und wie Politik und Handel das Wachstum unterstützen könnten.

Boden als gemeinsame Schnittstelle

Dass gesunde Böden weit mehr sind als die Grundlage landwirtschaftlicher Produktion, darüber herrschte auf dem Podium weitgehend Einigkeit. Die Podiumsteilnehmerinnen und -teilnehmer bezeichneten den Boden als Fundament der Ernährungssicherheit, als wichtigen Hebel im Kampf gegen den Klimawandel und als bedeutenden Lebensraum für die Biodiversität.

Für die Berner Grünen-Nationalrätin Christine Badertscher steht die Bedeutung des Bodens in direktem Zusammenhang mit der globalen Ernährungssicherheit. Als Aussenpolitikerin befasse sie sich regelmässig mit Fragen der Welternährung. Entsprechend wichtig sei der Erhalt fruchtbarer Böden, in der Schweiz ebenso wie weltweit.

Auch Christian Hofer, Direktor des Bundesamts für Landwirtschaft, betonte die zentrale Rolle des Bodens. Er sei die Grundlage des Pflanzenbaus und damit letztlich die Basis menschlichen Lebens. Wer dem Boden Sorge trage, sichere die Ernährung nicht nur heute, sondern auch für kommende Generationen.

Aus Sicht des WWF bietet das Thema Boden die Chance, mehrere Herausforderungen gleichzeitig anzugehen. Catherine Martinson, Leiterin Communities and Projects for Nature, nannte insbesondere den Schutz der Biodiversität und die Bewältigung der Klimakrise. Die oft wenig sichtbare Biodiversität im Boden stelle ein riesiges Reservoir dar. Gleichzeitig könne der Boden als Regulator wirken und verschiedene gesellschaftliche Ziele miteinander verbinden.

Damit rückte ein Gedanke ins Zentrum der Diskussion: Bodenpolitik ist längst nicht mehr ausschliesslich Agrarpolitik. Vielmehr berührt sie Fragen der Umwelt-, Klima- und Ernährungspolitik gleichermassen.

Warum geht der Wandel so langsam?

Trotz der breiten Zustimmung zu nachhaltigen Bewirtschaftungsformen stellt sich die Frage, weshalb sich konservierende und regenerative Anbausysteme bislang nur schrittweise verbreiten.

Der Landwirt und Vorreiter Reto Minder, Präsident von Swiss No-Till, führte dies unter anderem darauf zurück, dass der Boden keine starke Lobby habe. Anders als bei vielen anderen Themen stehe kein unmittelbar vermarktbares Produkt im Vordergrund. Um Fortschritte zu erzielen, brauche es deshalb das Zusammenspiel aller Akteure entlang der Wertschöpfungskette von den Produzenten über die Politik und Verwaltung bis hin zu Umweltorganisationen und dem Markt.

Nationalrätin Badertscher zeigte Verständnis für diese Einschätzung. Zwar sei der Boden in ihrem politischen Umfeld durchaus ein wichtiges Thema. Dennoch verfüge er über deutlich weniger politische Durchsetzungskraft als andere Interessen. Sie geht jedoch davon aus, dass die Bedeutung des Themas mit dem Klimawandel weiter zunehmen wird. Besonders die Anpassung an Hitzeperioden und Trockenheit werde konservierenden Anbauverfahren zusätzlichen Auftrieb verleihen.

Mehr Ziele, weniger Vorschriften

Ein wesentlicher Teil der Diskussion drehte sich um die Ausgestaltung der Agrarpolitik. Statt einzelner Massnahmen brauche es klar definierte Ziele, lautete die Forderung aufgrund der hohen administrativen Belastung der Landwirtinnen und Landwirte. Die Landwirtschaft müsse die notwendigen Instrumente erhalten, den Weg zur Zielerreichung aber möglichst frei wählen können.

Christian Hofer bestätigte, dass das Bundesamt für Landwirtschaft mit der nächsten Agrarreform einen solchen Richtungswechsel anstrebe. Künftig sollen Direktzahlungen stärker an Zielvorgaben geknüpft werden, während die konkrete Umsetzung den Betrieben überlassen bleibt. Im Bereich Boden seien entsprechende Anpassungen bereits vorgesehen.

Gleichzeitig verwies Hofer auf bestehende Förderinstrumente. Für Programme zur Bodenbedeckung und zu bodenschonenden Anbauverfahren würden jährlich rund 80 Millionen Franken ausbezahlt. Die Beteiligung sei bereits heute hoch: Rund 80 Prozent der Ackerflächen im Talgebiet nähmen an Programmen zur Bodenbedeckung teil, etwa 30 Prozent an Programmen für bodenschonende Anbauverfahren.

Christine Badertscher unterstützt den Grundgedanken einer stärkeren Zielorientierung. Allerdings sei die Umsetzung anspruchsvoll. Ziele müssten messbar sein, insbesondere wenn öffentliche Gelder eingesetzt würden. Die Kontrolle von Zielerreichung sei deutlich komplexer als die Überprüfung einzelner Massnahmen.

Ausbildung und Eigenverantwortung

Mehrfach wurde betont, dass nachhaltige Bewirtschaftung nicht allein durch finanzielle Anreize erreicht werden kann. Entscheidend seien Wissen, Motivation und Eigenverantwortung.

BLW-Direktor Hofer sprach von einer Kultur, in der Landwirtinnen und Landwirte ihren Boden der nächsten Generation in mindestens gleich gutem, idealerweise sogar besserem Zustand übergeben. Voraussetzung dafür seien eine gute Ausbildung, funktionierende Beratungsangebote und geeignete Rahmenbedingungen.

Auch andere Diskutierende sahen die Ausbildung als Schlüsselfaktor. Gerade junge Betriebsleitende seien oft offen für neue Produktionssysteme. Gleichzeitig brauche es Mut, etablierte Wege zu verlassen und neue Verfahren einzuführen.

Die gesamte Wertschöpfungskette in der Pflicht

Ein weiterer Schwerpunkt war die Verantwortung der übrigen Marktakteure. Die Lebensmittelindustrie müsse ebenso Verantwortung übernehmen wie Handel und Konsumentinnen und Konsumenten. In diesem Zusammenhang nannte Catherine Martinson die Initiative AgroImpact, dessen Gründungsmitglied der WWF Schweiz ist, als positives Beispiel. Das Programm zur Klimatransformation ermöglicht Landwirtinnen und Landwirten, selbst zu entscheiden, mit welchen Massnahmen sie vorgegebene Ziele erreichen wollen. AgroImpact ist zunächst in der Westschweiz gestartet und wird jetzt in der Deutschschweiz ausgerollt. Beteiligt sind

Nestlé, ebenfalls Mitgründer von AgroImpact, sieht darin einen wichtigen Ansatz. Cédric Boehm, CEO Nestlé Schweiz, verweist auf die Verantwortung als grosser Lebensmittelhersteller und betont, langfristig auf gesunde und nachhaltig produzierte Rohstoffe angewiesen zu sein. Eine bodenschonende Landwirtschaft sei deshalb für Nestlé wichtig.

Geld allein reicht nicht

Die Frage der Finanzierung sorgte ebenfalls für Diskussionen. Zwar wurde anerkannt, dass die Umstellung auf regenerative Anbausysteme zunächst Investitionen erfordert und mit Unsicherheiten verbunden sein kann. Mehrere Teilnehmende warnten jedoch davor, finanzielle Unterstützung als alleinigen Hebel zu betrachten.

Entscheidend sei letztlich, dass sich nachhaltige Produktionssysteme wirtschaftlich tragen. Landwirte müssten ihren Lebensunterhalt über den Markt erwirtschaften können. Deshalb brauche es neben Anschubfinanzierungen vor allem Nachfrage nach nachhaltig produzierten Lebensmitteln. Christian Hofer vom BLW warnte zudem davor, dass «Kickstarts» das Agrarsystem weiter verkomplizieren könnten.

Zum Ende der Diskussion wurde der Ton grundsätzlicher. Mehrere Votanten vertraten die Ansicht, dass die Landwirtschaft vor einem eigentlichen Paradigmenwechsel stehe.

Die bisherigen Produktionssysteme würden den Herausforderungen des Klimawandels zunehmend weniger gerecht. Ziel müsse es sein, Böden und landwirtschaftliche Systeme widerstandsfähiger zu machen. Die dafür notwendigen Methoden seien weitgehend bekannt. Die eigentliche Herausforderung bestehe nun darin, mehr Betriebe für diesen Weg zu gewinnen und den Wandel zu beschleunigen, so Reto Minder. Aktuell gehe alles in sehr kleinen Schritten vorwärts.

Besonders wichtig sei dabei die nächste Generation von Landwirtinnen und Landwirten. Sie verfüge über das entscheidende Instrument: den Boden selbst. Mit ihrem Handeln könne sie gleichzeitig zur Ernährungssicherheit, zur Biodiversität und zum Klimaschutz beitragen.

Was ist konservierende Landwirtschaft?

Das Konzept der konservierenden Landwirtschaft beruht auf den drei Pfeilern

  • Bodenruhe
  • Bodenbedeckung
  • Vielfalt von Pflanzenarten

Ihr Ziel ist es, die Produktivität zu begünstigen, Wirtschaftlichkeit und Nahrungssicherheit zu steigern und gleichzeitig die Ressourcen und die Umwelt zu erhalten und zu verbessern. 

Wichtig bei der konservierenden Landwirtschaft ist der pfluglose Anbau. Der Boden soll möglichst wenig gestört werden und der Anbau erfolgt z.B. in Direktsaat. Ein solcher Boden bewahrt u.a. die Bodenfeuchtigkeit besser, schützt vor Erosion und bleibt kühler. Weil Unkräuter aber nicht über die Bodenbearbeitung bekämpft werden, kommen beim pfluglosen Anbau meist Herbizide zum Einsatz. Neue Technologien und Techniken könnten hier künftig Abhilfe schaffen. 

Quellen: Swiss No-Till, FiBL