Mit offenem Blick zum Meister

Beat Hofer kam auf dem zweiten Bildungsweg zur Landwirtschaft. Heute führt er den elterlichen Betrieb im bernischen Melchnau als Meisterlandwirt weiter. Die Weiterbildung gab ihm Sicherheit für die Betriebsführung und schärfte den Blick für Zahlen, Austausch und langfristige Entscheide.
Zuletzt aktualisiert am 9. Juni 2026
von Renate Hodel
7 Minuten Lesedauer
2026 Bildung In Der Landwirtschaft Meisterlandwirt Beat Hofer 06 Rho
Spezialkulturen verlangen unternehmerischen Weitblick und angepasste Technik: Beat Hofer in der Maschinenhalle vor seinem Hackgerät zur mechanischen Unkrautregulierung. (rho)

Beat Hofer ist keiner, der grosse Worte macht. Wenn er über seinen Hof spricht, dann ruhig, sachlich und mit einem Blick für das Praktische. Vielleicht passt gerade das gut zu seinem Werdegang: erst Baumaschinenmechaniker, dann Landwirt, später Meisterlandwirt. Schritt für Schritt hat er sich Wissen angeeignet – nicht aus Selbstzweck, sondern weil er überzeugt ist, dass ein Betrieb heute mehr braucht als Fleiss und handwerkliches Können. «Eine gute Ausbildung ist ja grundsätzlich etwas Gutes», sagt er, «und mehr als ein Standbein zu haben, ist weitsichtig.»

Heute bewirtschaftet Beat Hofer 20 Hektaren landwirtschaftliche Nutzfläche, davon 12,5 Hektaren eigenes Land und 7,5 Hektaren Pachtland. Auf dem Betrieb wachsen Kräuter für Ricola und Wildblumensaatgut für Otto Hauenstein Samen, dazu kommen Mastpoulets für Bell, einige Aufzuchtrinder, etwas Getreide für die Eigenversorgung, ein wenig Grünspargeln sowie eine Photovoltaikanlage mit Speicher. Es ist ein spezialisierter, vielseitiger Betrieb – und gerade deshalb einer, der unternehmerisches Denken verlangt.

Erst ein anderer Beruf – dann die Landwirtschaft

Aufgewachsen ist Beat Hofer auf dem elterlichen Hof. Dass er eines Tages übernehmen würde, war nicht ausgeschlossen – aber sein Vater habe immer gesagt, dass die Kinder vor der landwirtschaftlichen Ausbildung zuerst etwas anderes lernen sollten, so Beat Hofer. Die Überlegung dahinter war einfach und vorausschauend: Falls das Bauern später doch nicht passe, solle man etwas in der Hand haben, auf das man zurückfallen könne.

Beat Hofer absolvierte deshalb zuerst eine Lehre als Baumaschinenmechaniker. Danach machte er die Berufsmaturität und dachte zwischenzeitlich sogar über ein Studium in Maschinenbau oder Elektrotechnik nach. Es folgten die Rekrutenschule und ein halbes Jahr in Neuseeland an einer Bibelschule. «Als ich nach Hause kam, habe ich das praktische Arbeiten so vermisst, dass ich fand, dass studieren wohl doch nichts ist», erzählt er. Also entschied er sich für die Lehre zum Landwirt – auch, weil die Lebenssituation damals passte: noch zuhause wohnen, keine grossen finanziellen Verpflichtungen, dafür die Möglichkeit, den Weg in die Landwirtschaft noch einmal neu und bewusst einzuschlagen.

«Mit dem EFZ hätte ich mir nicht zugetraut, einen Betrieb zu übernehmen.»
Beat Hofer
Meisterlandwirt und Betriebsleiter

Ausbildung soll unternehmerisches Denken stärken

Mit dem Abschluss als Landwirt war für Beat Hofer aber schnell klar: Das reicht noch nicht. Das Eidgenössische Fähigkeitszeugnis sei eine solide Grundlage, sagt er, aber eben eine erst eine «Grund»-Ausbildung. Gerade weil die Landwirtschaft so breit sei, bleibe vieles zwangsläufig an der Oberfläche. «Nach dem EFZ hätte ich mir nicht zugetraut, einen Betrieb zu übernehmen», sagt er offen. Besonders bei Themen wie Buchhaltung habe er gemerkt, dass das Grundlagenwissen zwar da sei, aber das eigentliche Rüstzeug für die Betriebsführung noch fehle.

Also machte er weiter und besuchte die Betriebsleiterschule. Rückblickend spricht er darüber differenziert. Nicht alles habe ihn überzeugt. Teilweise habe ihm die Ausgewogenheit gefehlt, etwa beim Verhältnis von Aufwand und Anerkennung in einzelnen Modulen. Was ihn beschäftigt, ist ein grundsätzlicher Punkt: Für ihn müsste die Weiterbildung den Bauern noch stärker als Unternehmer stärken. Themen wie wirtschaftliches Denken, Personalführung oder Kommunikationsmodelle seien für den Alltag auf einem Betrieb enorm wertvoll und könnten aus seiner Sicht noch mehr Gewicht erhalten.

In der Meisterausbildung kam die Begeisterung zurück

Trotz dieser kritischen Sicht blieb Beat Hofer dran und wurde belohnt. Während der Meisterausbildung habe es ihn «wieder gepackt», erzählt er. Besonders die ersten Module hätten ihn überzeugt, allen voran «Steuern und Versicherungen». Dort habe er nicht nur interessante Inhalte erhalten, sondern auch Lehrpersonen erlebt, bei denen man sofort gemerkt habe, dass sie wissen, wovon sie reden. «Die haben uns auch sehr viel Wissen mitgegeben, das einem im Alltag als Betriebsleiter sehr dienlich ist», sagt er.

Diese Erfahrung war für ihn entscheidend. Nach der Betriebsleiterschule hängte er den dritten Ausbildungswinter noch an, absolvierte im vergangenen Jahr erfolgreich die Meisterprüfung und übernahm Anfang dieses Jahres den Betrieb als Meisterlandwirt. Der Titel ist für ihn dabei nicht bloss ein Abschluss auf dem Papier. Er steht für einen Prozess, in dem sich Beat Hofer mehr Sicherheit erarbeitet hat – fachlich, betriebswirtschaftlich und persönlich.

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Beim Besuch im April war das Wetter noch gar garstig: Beat Hofer vor einem seiner Heilkräuterfelder. (rho)

Wissen, das nicht im Ordner bleibt

Für Beat Hofer steht beim Nutzen einer solchen Weiterbildung keine einzelne Kennzahl oder ein bestimmtes Modul im Fokus, sondern etwas Grundsätzliches: Beziehungen. «Allgemein denke ich, dass vor allem die Beziehungen, die man während der Ausbildung knüpft, sehr wertvoll sind», sagt er. Man lerne Leute kennen, vernetze sich und bekomme mit, was ausserhalb des eigenen Dorfs oder der eigenen Region in der Landwirtschaft laufe. «Man gewinnt an Weitsicht», erklärt er. Gerade für jemanden mit einem eher spezialisierten Betrieb ist das viel wert.

Denn sein Hof mit Kräutern, Wildblumensaatgut, Mastpoulets, Spargeln und Energieproduktion ist nicht unbedingt der klassische Standardbetrieb, auf den viele Ausbildungsinhalte zugeschnitten sind. Entsprechend sei es manchmal gar nicht so einfach gewesen, genau die Module zu finden, von denen er mit seinen Voraussetzungen besonders profitieren konnte. Ein Beispiel, das er trotzdem hervorhebt, ist das Geflügelmodul. Dort habe er noch einmal aus einer anderen Perspektive Einblick in die Mastpoulethaltung erhalten – ein Betriebszweig, der in der Grundbildung eher am Rand vorkomme, für seinen Hof aber zentral sei.

Übernehmen heisst nicht bei null anfangen

Auch wenn Beat Hofer den Betrieb erst ganz frisch übernommen hat, ist sein Einfluss nicht erst seit dem Stichtag sichtbar. Sein Vater habe in den letzten zwei bis drei Jahren wichtige Betriebsentscheide bereits gemeinsam mit ihm angeschaut. So konnte Beat Hofer schon vor der eigentlichen Übernahme mitgestalten, wohin sich der Hof entwickelt. Ein Beispiel ist die Trocknungsanlage, die in den Wintern 2022 und 2023 erneuert und vergrössert wurde. «Das hätten wir nicht gemacht, wenn ich nicht gesagt hätte, dass ich weiterhin für Ricola Kräuter produzieren möchte», erzählt er.

Auch in einem anderen Bereich wurde vorausschauend angepasst: In den letzten zwei Jahren reduzierte die Familie die Menge an Saatgutkulturen. Der Grund dafür war nicht allein betrieblicher Natur, sondern auch familiär. Beat Hofer und seine Frau wurden im November Eltern. Wenn der Betrieb in derselben Intensität weiterlaufe wie bisher, sagt er, komme irgendwann die Familie zu kurz. Gerade an diesem Punkt wird deutlich, wie eng betriebliche Entwicklung und Lebensrealität zusammenhängen. Weiterbildung hilft dann nicht nur beim Rechnen, sondern auch beim Einordnen: Was ist machbar? Was ist sinnvoll? Und was passt zum Leben, das man führen möchte?

«Die Kontakte aus der Ausbildung sind sehr wertvoll.»
Beat Hofer
Meisterlandwirt und Betriebsleiter

Ein Businessplan als Denkraum

Ein konkretes Werkzeug aus der Meisterausbildung, das Beat Hofer als wertvoll erlebt hat, war der Businessplan. Im Rahmen der Ausbildung musste ein Projekt mit einem Investitionsvolumen von mindestens 200’000 Franken gerechnet werden. Weil er selbst keine unmittelbar umsetzungsreife Grossidee hatte, prüfte er anhand der Entwicklungen auf dem Pouletfleischmarkt eine Vergrösserung der Masthalle. «Das war schon interessant, sich in diesem Rahmen mit diesen Zahlen auseinanderzusetzen», sagt er, «und zu schauen, wo es hinzielen würde, was man investieren müsste, was es bedeuten würde.»

Gerade solche Übungen zeigen für ihn den Wert der Weiterbildung: Sie zwingt einen dazu, Dinge vertieft durchzudenken, für die im Alltag oft die Zeit fehlt. Dasselbe gilt für die Buchhaltung. Zwar werde diese auch in der Betriebsleiterschule behandelt, sagt Bea Hofer, aber insbesondere mit eigenem Betrieb beginne man sich noch einmal intensiver damit auseinanderzusetzen. Genau darin sieht er grossen Nutzen: «Zu Hause im oft stressigen Alltag nimmt sich wahrscheinlich niemand die Zeit, die Buchhaltung so eingängig auseinanderzunehmen», sagt er. In der Schule habe man dagegen einen Rahmen dafür – und auch Vergleichszahlen, die helfen, den eigenen Betrieb besser einzuordnen.

Offenheit als wichtigste Voraussetzung

Wenn Beat Hofer darüber spricht, was man aus einer Aus- oder Weiterbildung wirklich mitnehmen sollte, kommt er immer wieder auf einen Punkt zurück: Offenheit. Für ihn ist sie fast wichtiger als einzelne Fachinhalte. Also nicht mit der Haltung in eine Weiterbildung zu gehen, man mache bereits alles richtig und müsse nichts mehr dazulernen. Sondern offen zu bleiben für Verbesserungspotential – oder sogar bewusst danach zu suchen. «Das heisst ja nicht, dass man es bis jetzt schlecht gemacht hat, aber dass man es vielleicht noch besser machen könnte», erklärt er.

Diese Offenheit zeigt sich für ihn auch im Austausch mit anderen. Wer beispielsweise baut, investiert oder einen Betriebszweig weiterentwickeln will, sollte nicht nur ein Beispiel anschauen, sondern fünf oder sechs. Und zwar nicht nur dort, wo scheinbar alles perfekt ist. Spannend werde es erst, wenn man die Leute frage, was sie heute anders machen würden, wo sie Fehler gemacht haben und was sie beim nächsten Mal ändern würden. Gerade bei Bauprojekten mit Investitionen von 1,5 bis 2 Millionen Franken könne es sich niemand leisten, Erfahrungen anderer zu ignorieren.

Landwirtschaft braucht mehr als Fleiss

Bei Beat Hofer zeigt sich, warum Weiterbildung in der Landwirtschaft mehr ist als ein Titel. Sie gibt Sicherheit. Sie erweitert den Horizont. Sie schärft den Blick für Zahlen, Zusammenhänge und strategische Entscheide. Und sie hilft dabei, einen Betrieb nicht einfach fortzuführen, sondern bewusst zu gestalten.

Sein Weg macht auch sichtbar, dass moderne Landwirtschaft heute viel mehr verlangt als praktische Routine. Ein Hof wird nicht heute längst nicht mehr nur im Stall geführt, sondern auch am Schreibtisch, im Gespräch mit anderen und in den Entscheidungen, die weit in die Zukunft reichen.

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