Die Weihnachtsgans hat es trocken
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«Die Nachfrage nach Pouletfleisch ist in den letzten zehn Jahren um 25 Prozent gewachsen und sie steigt weiter», sagte Christopher Rohrer, Leiter Nachhaltigkeit und Wirtschaftspolitik bei der Migros, an einem Medienanlass auf dem Betrieb von Christine und Walter Stucki in Höchstetten-Hellsau BE.
Die Familie mästet seit 25 Jahren Poulets für die Migros. Rund 4100 Tiere leben derzeit in ihrem Stall. Der Betrieb steht beispielhaft für eine Branche, die in den vergangenen Jahren stark an Bedeutung gewonnen hat. Gemäss Proviande wurden 2025 in der Schweiz über 82 Millionen Hühner für die Fleischproduktion aufgezogen und geschlachtet.
Gleichzeitig sind die Erwartungen von Konsumentinnen und Konsumenten an Tierwohl und Nachhaltigkeit gestiegen. «Die Nachhaltigkeit spielt bisher beim Poulet noch eine zu kleine Rolle. Das soll sich mit der Partnerschaft mit IP-Suisse ändern», erklärte die Migros. Ziel sei es, die Geflügelproduktion in der Breite weiterzuentwickeln und nicht nur einzelne Nischenprogramme auszubauen.
Micarna arbeitet mit rund 500 Geflügel-Partnerbetrieben in der Schweiz zusammen. Diese produzieren für verschiedene Programme, darunter BTS, Bio und künftig auch Optigal nach den IP-Suisse-Richtlinien. Bis Ende 2026 sollen 61 Betriebe auf den neuen Standard umgestellt sein. Für die vollständige Umstellung des Optigal-Sortiments bis Ende 2027 werden laut Migros rund 50 weitere Betriebe benötigt.
Der Hof von Walter und Christine Stucki erhält etwa 6- bis 7-mal pro Jahr frisch geschlüpfte Küken, sogenannte Eintagesküken. Auch das Futter wird angeliefert. Die Familie produziert im Auftrag der Migros-Tochter Micarna und hat dafür einen entsprechenden Vertrag.
Micarna gibt verschiedene Rahmenbedingungen der Produktion vor, darunter die Tierlinie, das Fütterungskonzept und die Schlachttermine. Die Aufgabe der Landwirte besteht darin, die Tiere während der gesamten Mastdauer zu betreuen und für optimale Bedingungen im Stall zu sorgen. Sie ehrhalten ihren Lohn nach geliefertem Gewicht.
Je nach Rasse erreichen die Poulets nach 30 bis 60 Tagen ein Gewicht von rund zwei Kilogramm und sind bereit für die Schlachtung. Anschliessend werden sie in Transportkisten verladen und zum Schlachthof gebracht. Danach bleibt den Produzenten rund eine bis zwei Wochen Zeit, den Stall auszumisten, zu reinigen und zu desinfizieren, bevor die nächste Herde einzieht.
Genau bei diesem Produktionssystem setzen Migros und IP-Suisse nun mit neuen Anforderungen an.
Bisher gehörten schnell wachsende Mastlinien wie die weit verbreitete Rasse «Ross 308» zum Standard in der Pouletproduktion. Diese stehen seit Jahren in der Kritik von Tier- und Konsumentenschutzorganisationen.
Der Grund: Das Muskelwachstum der Tiere erfolgt teilweise so rasch, dass Knochenbau und Organe nicht immer mithalten können. Mögliche Folgen sind Beinschäden, Fehlstellungen, Atembeschwerden und weitere gesundheitliche Probleme.
Mit dem neuen Programm sollen deshalb vermehrt langsam wachsende Tiere eingesetzt werden. Die Poulets werden künftig mit 42 bis 44 statt mit 35 Tagen geschlachtet.
«Durch das langsamere Wachstum sind die Tiere robuster und gesünder», sagt Rohrer. Laut Migros verbessert das langsamere Wachstum die Gesundheit, Beweglichkeit und das Wohlbefinden der Tiere. Zudem werden verschiedene Tierwohlindikatoren regelmässig überprüft. Dazu gehören Aspekte der Tiergesundheit, die durch Berater, Tierärzte sowie die amtliche Tier- und Fleischkontrolle im Schlachthof überwacht werden.
Die Genetik ist jedoch nicht die einzige Veränderung. Migros orientiert sich bei den neuen Anforderungen an der Europäischen Masthuhn-Initiative (European Chicken Commitment, ECC), die höhere Tierwohlstandards vorsieht.
Dazu gehören unter anderem mehr natürliches Licht sowie zusätzliche Beschäftigungsmöglichkeiten im Stall. Diese sollen den Tieren ermöglichen, ihrem natürlichen Verhalten besser nachzugehen.
Auf dem Betrieb der Familie Stucki sind die Neuerungen bereits sichtbar. Im Stall hängen mehrere Strohsäcke sowie weitere Gegenstände, an denen die Hühner picken und scharren können. Solche Beschäftigungsmaterialien sorgen für Abwechslung und fördern die Aktivität der Tiere.
Neben dem Tierwohl nimmt das neue Programm auch die Biodiversität in den Fokus. Damit die Produzenten künftig Poulets für das neue Programm liefern können, müssen sie die Anforderungen von IP-Suisse erfüllen.
Diese beziehen sich nicht nur auf den Stall, sondern auf den gesamten Landwirtschaftsbetrieb. Gefordert werden verschiedene Massnahmen zur Förderung der Artenvielfalt, etwa blütenreiche Wiesen, Hecken, Hochstammobstbäume, Buntbrachen oder andere Lebensräume für Insekten, Vögel und Kleintiere.
«Nachhaltigkeit beginnt auf den Bauernhöfen. Sie muss aber auch vom Markt aufgenommen und von den Konsumentinnen und Konsumenten mitgetragen werden», sagt Christophe Eggenschwiler, Geschäftsführer von IP-Suisse. Die Einführung des neuen Optigal-IP-Suisse-Programms sei für den Verband von besonderer Bedeutung. «Poulet ist ein Wachstumsmarkt. Die Nachhaltigkeit soll eine breite Wirkung entfalten.»
Die Idee dahinter: Landwirtschaftsbetriebe sollen nicht nur Lebensmittel produzieren, sondern auch einen Beitrag zur Förderung der Biodiversität leisten. Die Umstellung erfolgt schrittweise. Ende 2027 sollen sämtliche Optigal-Produkte die Anforderungen von IP-Suisse erfüllen.
Für die Konsumentinnen und Konsumenten wird dies künftig sichtbarer. Auf allen Optigal-Poulet-Produkten soll künftig das bekannte Marienkäfer-Label von IP-Suisse zu finden sein.
Die Umstellung auf langsam wachsende Poulets und zusätzliche Anforderungen an die Produzenten verursacht Mehrkosten. Die Produzenten erhalten deshalb laut Migros Ausgleichszahlungen. Auch die längere Mastdauer werde finanziell kompensiert.
Für die Konsumentinnen und Konsumenten soll sich die Umstellung hingegen nicht direkt bemerkbar machen. Migros betont, die zusätzlichen Kosten nicht eins zu eins weiterzugeben. Optigal solle trotz höherem Standard in einer ähnlichen Preislage bleiben. Gleichzeitig bleibe günstigeres Pouletfleisch weiterhin im Sortiment.
Die längere Mastdauer hat direkte Auswirkungen auf die Produktion. Durch die Umstellung fällt pro Jahr etwa ein Mastdurchgang weg. Je nach Betrieb sinkt die Produktionsmenge dadurch um schätzungsweise 10 bis 15 Prozent.
Die Produzenten werden laut Migros für diesen Rückgang finanziell entschädigt.
Für die Migros selbst soll die Umstellung hingegen nicht zu weniger Schweizer Pouletfleisch führen. Mit einem Inlandanteil von rund 84 Prozent weist das Unternehmen nach eigenen Angaben bereits heute den höchsten Schweizer Anteil unter den Detailhändlern auf. Um diesen Anteil trotz längerer Mastdauer halten zu können, sucht Migros zusätzliche Geflügelmäster und baut die Schweizer Wertschöpfungskette weiter aus.
Ein gewisser Importanteil werde zwar auch künftig nötig bleiben. Ziel sei jedoch, den hohen Inlandanteil zu halten und wenn möglich weiter auszubauen.
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