Wenn die Weltmärkte ins Wanken geraten
Die Schweizer Land- und Ernährungswirtschaft gilt als vergleichsweise krisenfest. Doch sie ist eng mit den internatio...
«Die Käselandschaft hat dank Innovationen an Vielfalt gewonnen», beschreibt Roland Sahli eine Auswirkung der Liberalisierung des Käsemarktes ab 2002. Der Käser und Lebensmitteltechnologe FH ist Co-Geschäftsführer der Gourmino AG, die aktuell gereiften Käse in 20 Länder auf allen Kontinenten exportiert. «Zudem konnte die Wettbewerbsfähigkeit gesteigert werden», nennt er eine zweite Auswirkung. Vor allem in Europa seien die Chancen grösser geworden, Halbhartkäse zu exportieren. Der Preis: Die Zahl der Emmentaler-Käsereien sei von rund 500 auf aktuell 74 gesunken, die Menge von 60’000 auf 13’000 Tonnen – «und wir sind noch nicht am Ende des Strukturwandels angekommen», so Roland Sahli. Eine dritte Auswirkung: Die Konsumentinnen und Konsumenten profitierten von einer grösseren Vielfalt. Insgesamt sei der Käsekonsum in der Schweiz deutlich gestiegen, aber es werde auch viel mehr billiger Importkäse angeboten. «Mengenmässig ist die Schweiz ein Netto-Importeur, wertmässig ein Netto-Exporteur von Käse», bilanziert er.
Roland Sahli, Käser und Lebensmitteltechnologe FH und seit 2012 Co-Geschäftsführer der Gourmino AG.
«Bei der Agrarpolitik 2002 sprach man von der Lokomotive Käse, die funktionieren müsse», erinnert Roland Sahli. Die Idee war, dass Schweizer Käse bei EU-Milchpreis und 10 bis 15 Prozent Qualitätszuschlag konkurrenzfähig ist. «Nicht alles ist gekommen, wie geplant», stellt er fest. Besonders die Währungsentwicklung konnte nicht vorhergesehen werden. Gegenüber 2001 habe sich der Kurs des Euros um 50 Prozent oder mehr verschlechtert. Da die Kosten nur bedingt gesenkt werden könnten, müssten die Preise erhöht werden. Gourmino passt diese quartalsweise an den Wechselkurs an, was sich jeweils auf die Verkaufsmenge auswirkt. «Wäre der Wechselkurs gleichgeblieben, stünde der Käsemarkt heute an einem anderen Ort», denkt der Co-Geschäftsführer.
Der Titel der aktuellen Staffel lautet «Internationale Agrarmärkte – wie positionieren wir uns in der neuen Weltordnung?». Mit Leuten aus dem In- und Ausland beleuchtet sie Entwicklungen in den Agrarmärkten und den Handelsströmen. Die Staffel entsteht in Zusammenarbeit mit dem Schweizer Agrarpolitik Forum vom 27. und 28. August 2026 an der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften in Zollikofen. Dieses geht der Frage nach, wie sich die Schweizer Land- und Ernährungswirtschaft in der neuen Weltordnung positionieren kann.
Diese Folgen sind erschienen:
«Es gab keine Alternative zu Liberalisierung», betont Roland Sahli. Die Welthandelsorganisation WTO verlangte den Abbau von Grenzschutz und Produktstützungen. Auch sei ein Defizit beim Strukturwandel vorhanden gewesen. «Wegen der Planwirtschaft ging zu lange zu wenig», findet er. Die Liberalisierung des Käsemarktes sollte der erste Schritt sein. Weitere Öffnungen sind jedoch nicht erfolgt.
«Nur liberale System können sich rasch genug entwickelt, auch wenn das für die Beteiligten einschneidend ist», ist Roland Sahli überzeugt. Die weisse Linie sei jedoch auch mit Grenzschutz genügend gefordert. Auch kämen laufend neue Handelshemmnisse dazu. Als Beispiel nennt er die USA, in den letzten 15 Jahren für Gourmino ein strategischer Markt. Wegen der Willkür des aktuellen Präsidenten hat die Firma letztes Jahr 40 Prozent Menge verloren.
Aktuell zögere jeder zu investieren oder sich auf gewisse Volumen festzulegen. In Ecuador hat sich Gourmino 2020 mit dem Kunden geeinigt. Danach musste jeder Artikel registriert werden, was rund drei Jahre gedauert hat. «Es gibt immer Möglichkeit Hürden einzubauen und den Freihandel zu limitieren», so sein Fazit.
«Ob das Freihandelsabkommen mit Mercosur kommt oder nicht, ist für Gourmino nicht entscheidend», sagt Roland Sahli. Sie suchten nach Märkten, die eine gewisse Kaufkraft hätten. «Die Nische ist sehr klein», stellt er fest. Oft fehle die Tradition, gereiften Käse zu essen. Ausserdem spielten heute andere Faktoren eine Rolle als vor 30 Jahren. «Es ist gut, neben einem Plan A auch eine Plan B und einen Plan C zu haben», findet der Co-Geschäftsführer.
«Agrarpolitik – der Podcast» zeigt Entwicklungen, Lösungswege und Handlungsachsen der Schweizer Agrarpolitik. Moderiert werden die Sendungen von Andreas Wyss, die Produktion verantwortet Hansjürg Jäger. Der Podcast ist auf allen gängigen Plattformen verfügbar und kann als Newsletter abonniert werden. Mehr unter www.agrarpolitik-podcast.ch.
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