Weniger Kälber, mehr Milch

Innert Jahresfrist sind in der Schweiz rund 16’000 Rindviehgeburten weniger verzeichnet worden. Der markante Rückgang fällt zeitlich mit dem Auftreten der Blauzungenkrankheit zusammen – doch die Ursachen reichen weiter und werfen Fragen zum Milchmarkt auf.
Zuletzt aktualisiert am 10. März 2026
von Ann Schärer
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Kaelber Jin

Gemäss Identitas AG wurden 2025 rund 16’000 weniger lebende Rindergeburten gemeldet als 2024 – besonders ausgeprägt war der Rückgang in der ersten Jahreshälfte 2025. «Primär betroffen war die erste Jahreshälfte 2025 mit rund minus 12’200 Lebendgeburten bei Milchkühen», sagt Karl Küenzi, Kommunikationsfachspezialist bei der Identitas. Die Zahl der Totgeburten blieb hingegen weitgehend stabil.

Auffällig seien die regionalen Unterschiede, sagt Stefan Kohler, Geschäftsführer der Branchenorganisation Milch BOM. «Die stärksten Rückgänge bei den Abkalbungen verzeichnen Kantone in der Nordschweiz – darunter Basel-Landschaft, Schaffhausen, Jura, Solothurn, Zürich, Thurgau und Aargau», erläutert er. Diese Regionen gehörten gleichzeitig zu jenen, die besonders stark von der Blauzungenkrankheit betroffen waren.

Das spreche zumindest für einen Zusammenhang, auch wenn eine abschliessende wissenschaftliche Einordnung noch ausstehe. Eine vertiefte Analyse zum Einfluss der Blauzungenkrankheit auf die Wiederkäuerpopulation laufe derzeit im Rahmen eines Forschungsprojekts an der Universität Bern.

Blauzungenkrankheit: Ein Faktor unter mehreren

Beim Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) warnt man vor vorschnellen Schlüssen. Mediensprecherin Tiziana Boebner-Lombardo betont: «Der Rückgang der Geburten lässt sich nicht auf eine einzelne Ursache zurückführen – es ist davon auszugehen, dass mehrere Faktoren zusammenwirken.»

Die Blauzungenkrankheit könne «bei betroffenen Tieren zu Fruchtbarkeitsstörungen, Aborten oder verzögerten Trächtigkeiten führen, was sich zeitversetzt in den Geburtenzahlen niederschlagen kann». Gleichzeitig verweist sie auf strukturelle Entwicklungen: «Der schon länger zu beobachtende Rückgang der Milchkühe – bei gleichzeitiger Produktionssteigerung pro Tier – hat zur Folge, dass auch weniger Kälber geboren werden», so die BLV-Mediensprecherin. Mit anderen Worten: Weniger Tiere im Stall bedeuten rechnerisch auch weniger Geburten. Selbst wenn jedes einzelne Tier leistungsfähiger ist.

Signale aus der Zucht

Als Anbieter von Besamungsgenetik sieht Swissgenetics Entwicklungen oft früher als sie in der Geburtenstatistik sichtbar werden. René Bucher, Mediensprecher von Swissgenetics sagt, dass leicht mehr Samendosen verkauft wurden, was ein Hinweis darauf sein könnte, dass mehr Tiere wiederholt besamt werden mussten. «Aus dem Feld hören wir, dass es Probleme gibt», erklärt er. Es gebe viele Rückmeldungen zu Aborten, Missbildungen und Totgeburten, die einen Einfluss der Blauzungenkrankheit nahelegten.

Interessant ist auch ein Detail bei der Genetik: «Erstmals seit vielen Jahren ist der Anteil eingesetzter Dosen von Fleischrassen rückläufig», so René Bucher. Das deute darauf hin, «dass Tiere für die Remontierung fehlen». Also wenn alte oder ausgeschiedene Kühe durch junge Tiere aus dem eigenen Bestand ersetzt werden. Es braucht also mehr weibliche Nachzucht für den eigenen Bestand.

Gleichzeitig betont das Unternehmen, dass weniger Geburten nicht automatisch weniger Milch bedeuten. Wenn zu wenige Jungtiere nachrücken, werde häufig die Nutzungsdauer der Kühe verlängert. Zudem gebe es Hinweise, dass sich durch die Blauzungenkrankheit die Laktationen verlängert oder verzögert hätten.

Weniger Geburten und trotzdem Milchüberfluss

Auf den ersten Blick wirkt der Geburtenrückgang widersprüchlich zur aktuellen Milchüberproduktion. Doch die Zusammenhänge sind komplex. Die Milchmenge hängt nicht allein von der Anzahl Geburten ab, sondern stark von der Leistung pro Kuh.

«Die hohen Milchmengen lassen sich derzeit primär mit Futterqualität, Leistungsniveau und weiteren strukturellen Faktoren erklären – nicht mit einer unmittelbaren Wirkung der Blauzungenkrankheit auf den Markt», sagt Stefan Kohler von der BOM.

Damit wird der scheinbare Widerspruch erklärbarer: Weniger Geburten bedeuten nicht automatisch weniger Milch – zumindest kurzfristig nicht. Entscheidend sei, wie sich Tierbestand, Abkalberhythmus und Marktlage in den kommenden Monaten entwickeln.

Thomas Reinhard von den Schweizer Milchproduzenten SMP verweist auf mehrere mögliche Gründe für die Entwicklung: «Verschiebungen wegen der Blauzungenkrankheit, Abnahme des Rindviehbestands bei gleichzeitiger Leistungszunahme und mehr grünlandbasierte Milchproduktion mit Abkalbungen gegen das Frühjahr.»

Tatsächlich zeigen die Monatszahlen, dass sich die Geburten im Herbst 2025 teilweise wieder auf Vorjahresniveau bewegten. Ob es sich um einen blossen Verschiebungseffekt handelt, bleibt offen. Fest steht: Die Milchproduktion pro Tier ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Selbst bei sinkendem Kuhbestand kann die Gesamtmenge daher hoch bleiben – oder sogar zunehmen.

Trendwende oder Sondereffekt?

Die Fachleute geben sich zurückhaltend, wenn es um einen Blick in die Zukunft geht. «Eine verlässliche Prognose ist aus heutiger Sicht nicht möglich», sagt Tiziana Boebner-Lombardo vom BLV. Entscheidend seien die Tiergesundheitssituation, der Impffortschritt sowie strukturelle und betriebliche Rahmenbedingungen.

Auch bei Identitas und SMP heisst es, für eine belastbare Trendeinschätzung sei es noch zu früh. Zwar wird erwartet, dass der Rindviehbestand tendenziell weiter abnimmt – doch wie stark sich das auf die Geburtenzahlen auswirkt, hängt von vielen Faktoren ab.

Swissgenetics spricht von einem «Teils-teils»: Einerseits sei der Einfluss der Blauzungenkrankheit spürbar, andererseits nehme bei gleichbleibendem Milchmarkt und steigender Leistung erfahrungsgemäss die Tierzahl ab. Wie die rund 25’000 fehlenden Geburten zu gewichten seien, lasse sich «weder feststellen noch errechnen» – auch weil der Markt die Produktion letztlich beeinflusst.

Der Geburtenrückgang ist damit mehr als ein kurzfristiger statistischer Ausschlag. Er ist Ausdruck eines sensiblen Gleichgewichts zwischen Tiergesundheit, Marktbedingungen und strukturellem Wandel.

Ob 2024/25 als Ausnahmejahr in Erinnerung bleiben wird – oder als Beginn einer längerfristigen Entwicklung – entscheidet sich in den kommenden Monaten. Klar ist: Die Zahl der Kälber ist nicht nur eine biologische Kennzahl. Sie ist auch ein Seismograf für die Stimmung in der Branche.