Migros stellt Raclette Suisse vor die Zerreissprobe

Raclette ist eine Schweizer Kulturgut. Doch hinter den Kulissen steht der Verein Raclette Suisse im Konflikt mit der Migros. Das bedroht den Verein in seinen Grundfesten.
Zuletzt aktualisiert am 18. Juni 2026
von Jonas Ingold
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Raclette Lid

Raclette Suisse ist der Verein, der seit drei Jahrzehnten festlegt, was echten Schweizer Raclettekäse ausmacht: Qualitätskriterien, Produktedefinition, Markenrecht. Die Mitglieder, alles Raclettehersteller, zahlen bisher einen Beitrag von zwei Rappen pro Kilogramm verarbeitete Milch, mit dem insbesondere auch das Marketing für Raclette Suisse finanziert wird.

Das Jahr 2025 zeigte sich für den Verband herausfordernd. Statt des budgetierten Gewinns von über 118'000 Franken resultierte letztes Jahr ein Verlust von 94'000 Franken. Der Grund: Die Produktionsmenge und damit auch die Mitgliederbeiträge sanken, was 263'000 Franken weniger in die Kassen brachte.

Migros zieht den Hebel

Gleichzeitig scheiterte 2025 mit dem Gesuch um Allgemeinverbindlichkeit ein wichtiges Vorhaben. Das hätte bedeutet, dass sich alle Raclettehersteller zwingend mit einem finanziellen Beitrag an den Kommunikationsmassnahmen beteiligen müssen. Also auch jene, die nicht im Verband Mitglied sind. Dies betrifft ungefähr 20 Prozent der Raclettemenge, das meiste davon aus der Migros-Käserei Simmental Switzerland AG. Für diese wäre eine Abgabe von 1,7 Rappen pro Kilo Milch fällig gewesen.

Das Gesuch wurde jedoch nach Prüfung durch das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) vom Bundesrat abgelehnt. Laut Raclette-Suisse-Präsident Jürg Simon lautete die Begründung des Bundesamtes, dass die Milchproduzenten nicht direkt Mitglied bei Raclette Suisse seien, und zudem sei eine Allgemeinverbindlichkeit nur für AOP-Produkte möglich.

Die Reaktion der Migros nach dem abschlägigen Entscheid folgte prompt: Der Detailhändler wandte sich an seine Lieferanten und forderte eine Preissenkung von 20 Rappen pro Kilogramm Raclette. Dies mit der Begründung, man sei nicht mehr länger bereit, den Beitrag an Raclette Suisse weiter mitzutragen. Laut Jürg Kriech, Geschäftsführer von Raclette Suisse, hatte der Betrag seit 1999 Bestand und stand zuvor nie zur Diskussion. Die Preissenkung wurde nach Intervention des Verbandes zwar von Anfang 2026 auf Ende 2026 verschoben, doch die Botschaft ist klar: Die Migros hält die Marketingmassnahmen von Raclette Suisse fürs eigene Geschäft für nicht nötig.

Was auf dem Spiel steht

Vereinspräsident Jürg Simon sieht in Raclette Suisse aber deutlich mehr als ein Marketinginstrument. Der Verband ist seiner Ansicht nach die einzige Institution, die die traditionelle Definition von Schweizer Raclettekäse schützt. Ohne diese Garantiemarke könne sich morgen jeder Halbhartkäse «Raclette» nennen, so Simon. Dies mit unübersichtlichen Folgen für Konsumentinnen und Konsumenten, für die Qualität und für die Preise.

Lange Zeit drängten tatsächlich grosse Mengen Raclettekäse aus Frankreich auf den Schweizer Markt. Erst die konsequente Arbeit des Vereins habe dieses Problem entschärft, sagt Jürg Kriech. Ohne Markenrecht und einer übergeordneten Qualitätskontrolle, so die Befürchtung, kehrt dieses Szenario rasch zurück.

Eine Lösung mit grossen Einschnitten

Mit der angekündigten Senkung der Einkaufspreise durch die Migros, drohte dem Verein der Ausstieg seiner Mitglieder und der Kollaps.

Um den Verein durch die Krise zu steuern, haben die Mitglieder an ihrer Vereinsversammlung in Zürich nun Massnahmen beschlossen, die den Verein erhalten, aber dennoch schmerzhaft sind. Der Beitrag der Mitglieder wird ab Produktion Januar 2027 von zwei auf einen Rappen pro Kilogramm Milch halbiert. Das bedeutet einen massiven Einschnitt ins Budget, viele Werbemassnahmen können ab dem kommenden Jahr nicht mehr finanziert werden.

Stattdessen konzentriert sich Raclette Suisse künftig auf das Hüten der Produktedefinition, das Aufrechterhalten des Qualitätskontrollsystems und das Verteidigen der Garantiemarke. Von einer aktiven Marketingmaschine zu einer Gütesiegelkommunikation, so beschreibt Jürg Simon die neue Ausrichtung. Marketing wird noch auf Sparflamme betrieben.

Gleichzeitig wurde das Kündigungsrecht für Mitglieder angepasst. Statt der bisherigen sechsmonatigen Frist auf Jahresende gilt künftig eine dreimonatige Frist, erstmals per Ende 2026. Das gibt den Mitgliedern mehr Flexibilität und soll verhindern, dass bei anhaltender Unsicherheit die Mitglieder vorsorglich austreten. Gleichzeitig wird die Planungssicherheit für den Verein dadurch erschwert.

Glücklich ist niemand, aber die Anträge wurden einstimmig angenommen

Auch wenn die Geschäfte einstimmig angenommen wurde, glücklich sind die Vereinsmitglieder damit nicht. Ein Mitglied kritisierte die Argumentation des BLW. So sei der Verein Raclette Suisse gerade deswegen so effizient organisiert, weil nur die Raclettehersteller Mitglied seien und nicht noch die Milchproduzenten. Auch, dass das Bundesamt AOP als Argument bringe, überzeugte das Vereinsmitglied nicht. Denn gerade im Käsebereich sehe man, dass AOP nicht mit Erfolg gleichzusetzen sei. Christian Stricker vom BLW betonte, dass der Entscheid nicht leichtgefallen sei, die aktuellen rechtliche Rahmenbedingungen aber nichts anderes zuliessen.

Ein weiteres Vereinsmitglied sah in der Senkung des Beitrages eine Position der Angst gegenüber der Migros und stellte die Frage, ob es wirklich nötig sei, jetzt so drastisch zu reduzieren. Die beiden Anträge wurden schliesslich einstimmig angenommen. Die Gespräche mit der Migros sollen weitergeführt werden.