Die Schweizer Biolandschaft
Die Anzahl Biobetriebe lag im letzten Jahr bei 8’096 und damit etwas über dem Vorjahr. 7’467 dieser Betriebe bewirtsc...
Bio Suisse konnte an ihrer Jahresmedienkonferenz eine positive Bilanz ziehen. Der Schweizer Biosektor legte 2025 um 2,8 Prozent zu und erreichte mit 4,2 Milliarden Franken einen neuen Umsatzrekord. Gleichzeitig stieg die Zahl der Knospe-zertifizierten Betriebe per Ende Jahr auf 7’467, die Biofläche auf 18,4 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche. Fast jeder fünfte Betrieb in der Schweiz wirtschaftet damit biologisch.
Auch auf Produktebene zeigt sich, dass Bio im Alltag vieler Konsumentinnen und Konsumenten angekommen ist. Besonders hoch ist der Marktanteil bei Eiern mit fast 28 Prozent, gefolgt von Gemüse, Salaten und Kartoffeln mit 27 Prozent sowie Brot mit 24,6 Prozent. Für Bio Suisse ist das ein Hinweis darauf, dass Bio nicht mehr Nische, sondern fester Teil des Ernährungssystems ist.
Besonders offensiv stellte Bio Suisse den internationalen Spitzenplatz heraus: Seit 2023 hält die Schweiz mit 12,3 Prozent den weltweit grössten Bio-Marktanteil und kommt auf Pro-Kopf-Ausgaben von 468 Franken. Das tönt eindrücklich – und ist es auch. Trotzdem lohnt sich ein zweiter Blick: Dieser Marktanteil bezieht sich auf in der Schweiz gekaufte Bioprodukte insgesamt und nicht nur auf Schweizer Ware. So räumte Präsident Urs Brändli selber ein, dass es keine genauen Daten dazu gibt, wie hoch der Importanteil am Biokonsum ist. Der Zoll unterscheide nicht, ob importierter Weizen aus Bio- oder konventionellem Anbau stamme.
Gerade diese Differenz ist für die Einordnung zentral. Denn dass die Schweiz Bio-Weltmeisterin ist, sagt viel über die Kaufbereitschaft im Land aus – aber nicht automatisch, dass dieser Erfolg vollständig bei der Schweizer Biolandwirtschaft ankommt. Zumal in den Regalen vermehrt auch günstigere und oft importierte Bioprodukte stehen.
Inhaltlich setzte Bio Suisse dieses Jahr stark auf die Mehrwerte des Biolandbaus wie Biodiversität, sauberes Wasser, lebendige Böden, Klimaschutz, Energieeffizienz, Systemleistung und gesunde Lebensmittel. Die Botschaft dahinter ist klar: Bio soll weniger über Moral und mehr über konkrete Leistungen für Umwelt und Gesellschaft verkauft werden.
Dass Bio im Feld tatsächlich mehr leistet als nur ein Label auf dem Produkt zu sein, versuchte Bio Suisse an der Medienkonferenz mit Beispielen aus Praxis und Forschung zu untermauern. Dora Fuhrer, Betriebsleiterin in Burgistein im Kanton Bern und Vorstandsmitglied von Bio Suisse, schilderte, wie auf ihrem seit fast 40 Jahren biologisch bewirtschafteten Betrieb ohne chemisch-synthetische Pestizide und Kunstdünger gearbeitet wird. «Unser Hauptziel ist es, gesunde Lebensmittel zu produzieren und die Biodiversität zu fördern auf dem Land und in den Böden, wo diese Lebensmittel produziert werden», sagte sie. «Und das ist kein Widerspruch, und auch keine Ideologie, sondern schlicht eine Notwendigkeit», betonte sie weiter.
Auch aus wissenschaftlicher Sicht seien die positiven Effekte gut belegt, sagte Laura Spring, Co-Verantwortliche Politik bei Bio Suisse. Langjährige Studien zeigten im Durchschnitt rund 30 Prozent mehr Arten und bis zu 50 Prozent mehr Individuen auf Biobetrieben als auf vergleichbaren konventionellen Höfen. Gleichzeitig machte sie aber auch klar, dass Bio bei gewissen Kulturen mit mehr Aufwand und geringeren Erträgen verbunden ist. Gerade bei Kartoffeln oder Äpfeln spiele das Wetter stark hinein.
Während der Umsatz wächst, ist der Marktanteil von Bio am gesamten Lebensmittelmarkt in den letzten drei Jahren stagniert. Trotzdem hat Bio Suisse hohe Ziele: Bis 2030 soll der Anteil auf 15 Prozent steigen.
Bio-Suisse-Co-Geschäftsführer Balz Strasser räumte ein, dass Bio «nicht automatisch immer weiter» wachse. Es brauche dafür «ein klares Bekenntnis und Engagement des Detailhandels – insbesondere im Regal», betonte er. Dass der Verband den Zielwert trotzdem offensiv setzt, ist verständlich: Ohne ehrgeizige Ziele droht Stillstand.
Wie sehr Bio weiterhin vom Verhalten des Detailhandels abhängt, zeigen die Absatzkanäle: Coop blieb 2025 mit 43 Prozent Marktanteil wichtigster Verkäufer von Bioprodukten, Migros folgt mit 31 Prozent, der übrige Detailhandel inklusive Discounter mit 11 Prozent. Auffällig ist jedoch, dass Coop beim Umsatz mit Bioprodukten erneut zulegen konnte, während Migros erstmals leicht zurückfiel. Und wenn Bio Suisse bis 2030 wirklich auf 15 Prozent Marktanteil kommen will, braucht sie die beiden grossen Händler weiterhin als Zugpferde.
Genau deshalb sucht Bio Suisse zusätzliche Wachstumsfelder. Balz Strasser verwies auf Bahnhöfe, urbane «To-go»-Formate, Convenience-Angebote und die Gemeinschaftsgastronomie. «Auch wer sich schnell verpflegt, soll Bio essen können», sagte er sinngemäss. Auch Urs Brändli sieht gerade in der Ausserhausverpflegung grosses Potential.
Das ist strategisch schlüssig, zeigt aber auch ein Spannungsfeld: Bio entstand stark aus der Nähe zwischen Produzierenden und Konsumierenden, aus Hof, Laden und Marktstand. Der Sprung in stärker verarbeitete, mobile und schnelle Verpflegungsformen ist daher nicht nur eine Wachstumschance, sondern auch ein Balanceakt. Auch hier gilt also: Das Potential ist da, aber der Ausbau ist anspruchsvoll.
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