Schweizerinnen und Schweizer setzen bei Ernährung auf Information statt Verbote
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«Bis Mitte des 19. Jahrhunderts war in Agrargesellschaften Mangel die Norm», erzählt Agrarhistoriker Peter Moser in «Agrarpolitik – der Podcast». In modernen Industriegesellschaften sei das der Überfluss. Ausnahmen seien Krisenzeiten wie die beiden Weltkriege. Sie rückten Versorgungssicherheit ins Bewusstsein. «Der Mangel löst auch Lernprozesse aus, wie man Versorgung in Zukunft regeln möchte», erklärt er.
Agrarhistoriker Peter Moser hat 2002 das Archiv für Agrargeschichte initiiert und ist aktuell dessen Co-Leiter. Das Archiv betreibt vier Online-Portale und stellt zahlreiche Informationen zu mehr als 10’000 Personen und Institutionen und mehr als 1000 Filme online zur Verfügung. Vorbeischauen lohnt sich.
Vor dem Ersten Weltkrieg sei die Schweiz geprägt gewesen von einer Globalisierungswelle, im Ernährungsbereich mehr als in der Industrie. Zudem wurde ebenso viel Fleisch gegessen wie heute – jedoch das ganze Tier. «Am Vorabend des Ersten Weltkriegs importierte die Schweiz 80 bis 90 Prozent des Brotgetreides und exportierte Hartkäse», schildert der Agrarhistoriker. Dieses System sei durch den Krieg in Frage gestellt worden. Unmittelbar zu reagieren sei jedoch schwierig. «Getreide und Gemüse können nicht über Nacht produziert werden, wenn Saatgut und Wissen fehlen», bemerkt er.
«Versorgungssicherheit» ist das Thema der 21. Staffel von Agrarpolitik – der Podcast. Gespräche mit Expertinnen und Experten zeigt, wo der Begriff herkommt, was er für Gesellschaft und Politik bedeutet und wie eine sichere Versorgung in Zukunft aussehen könnte. Produziert wird die Staffel in Partnerschaft mit der Wissensplattform swiss-food.ch, getragen von Syngenta und Bayer.
Diese Folgen sind erschienen:
Nach dem Ersten Weltkrieg wuchs deshalb die Überzeugung, dass nicht mehr die Kaufkraft auf den Märkten die Landwirtschaft regulieren soll, sondern die Sicherung der Ernährung der nicht-landwirtschaftlichen Bevölkerung. In Krisenzeiten würden die Erwartungen an den Staat wachsen, was die Grundbedürfnisse Sicherheit und Ernährung betreffe. Entsprechend wurde die Landwirtschaft laut Peter Moser «im Sinne eines Service-public-Betriebes vergesellschaftet». Die Ansicht «billiges Brot ist wichtig, aber sicheres Brot ist auch wichtig», sei von den politisch relevanten Kräften von links bis rechts mitgetragen worden.
Konkret wurde nach dem Ersten Weltkrieg wieder mehr Ackerbau betrieben und Saatzuchtgenossenschaften wurden gegründet. Darauf konnte im Zweiten Weltkrieg der Plan Wahlen aufbauen. Zudem halbierte sich in der Zwischenkriegszeit der Fleischkonsum. «In Industriegesellschaften verändert sich der Agrarsektor im Sog des Konsums», erklärt Peter Moser. Die Landwirtschaft passe sich in der Regel an.
Um in der Nachkriegszeit den grossen Fleischhunger zu stillen, brauchte es mehr Tiere, weil die Bevölkerung rasch zunahm und nicht mehr alles vom Tier ass. «Anstatt Fleisch wurden Futtermittel importiert», sagt der Agrarhistoriker. In den 1980er-Jahren komme das System aus ökologischen Gründen in die Krise. Die Folge: Die Produktion wird über die Nachfrage geregelt, die Ökologie über staatliche Vorgaben und Entschädigungen. «Politisch ist das eine geschickte Strategie», findet Peter Moser. Das Problem sei jedoch, dass man in der Landwirtschaft Produktion und Ökologie nicht trennen könne. «Zudem gelten für die Produktion ökologische Vorschriften, der Konsum ist jedoch Sache des Individuums», ergänzt er.
«Agrarpolitik – der Podcast» zeigt Entwicklungen, Lösungswege und Handlungsachsen der Schweizer Agrarpolitik. Moderiert werden die Sendungen von Andreas Wyss, die Produktion verantwortet Hansjürg Jäger. Der Podcast ist auf allen gängigen Plattformen verfügbar und kann als Newsletter abonniert werden. Mehr unter www.agrarpolitik-podcast.ch.
Mit dem Ende des Kalten Krieges wurde die Versorgungssicherheit weniger wichtig. Wohlstand sollte durch Handel gesichert werden. «Der Selbstversorgungsgrad war extrem negativ besetzt», erklärt der Agrarhistoriker. Er habe als nationalistisch gegolten und sei mit Abschottung verbunden worden. Mit der Pandemie habe sich das geändert.
Dass Bäuerinnen und Bauern in Krisenzeiten wichtiger würden, sei zwiespältig. «Auf der einen Seite erhalten sie mehr Wertschätzung, auf der anderen mehr Hass und Neid, weil sie haben, was der nicht-landwirtschaftlichen Bevölkerung fehlt», stellt Peter Moser fest. Zudem seien die Erwartungen der Gesellschaft an die Bäuerinnen und Bauern vielfältig und sehr widersprüchlich.
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