Mit Bildung zur nächsten Betriebsentwicklung

Lukas Jäggi übernahm den elterlichen Betrieb früher als geplant – und entschied sich trotzdem, seine Weiterbildung konsequent weiterzuziehen. Heute zeigt sein Weg, wie fachliches Wissen, betriebswirtschaftliches Denken und ein starkes Netzwerk helfen, einen Hof auch in schwierigen Zeiten weiterzuentwickeln.
Zuletzt aktualisiert am 7. April 2026
von Renate Hodel
7 Minuten Lesedauer
2026 Bildung In Der Landwirtschaft Meisterlandwirt Lukas Jaeggi 04 Rho
Lukas Jäggi auf seinem Betrieb: Der Meisterlandwirt investiert erst, wenn die Zahlen stimmen. (rho)

Eigentlich war der Weg von Lukas Jäggi in die Landwirtschaft schon früh angelegt. Er ist auf dem elterlichen Betrieb aufgewachsen, war «schon früher immer mit meinem Vater unterwegs» und ist so Schritt für Schritt in die Arbeit hineingewachsen. «Ich habe es immer gerne gemacht», sagt der 28-Jährige. Trotzdem führte sein erster beruflicher Weg nicht direkt in den Stall oder aufs Feld, sondern in einen anderen Beruf: Er lernte zunächst Elektriker. Ein Entscheid, den er heute als grossen Vorteil betrachtet. Denn sein Vater habe ihm und seinem Bruder immer geraten, zuerst etwas anderes zu lernen. «Ich glaube, das war das Beste, was ich machen konnte», sagt Lukas Jäggi heute. Die Ausbildung gebe ihm Sicherheit, ein zweites Standbein – und auf dem Betrieb könne er dank seinem handwerklichen Wissen vieles in Eigenleistung umsetzen.

Vom geplanten Weg zur abrupten Verantwortung

Dass er den Hof einmal übernehmen möchte, war für ihn dennoch schon lange klar. Nur der Zeitpunkt war ein anderer, als er sich das vorgestellt hatte. Eigentlich wollte er zuerst seine Zweitausbildung als Landwirt abschliessen, dann die Betriebsleiterschule besuchen und das Meisterdiplom machen. Doch dann kam alles schneller: Sein Vater erkrankte an Krebs und Lukas Jäggi übernahm per Anfang 2024 und nur knapp ein halbes Jahr nach Abschluss seines Eidgenössischen Fähigkeitszeugnis als Landwirt den Betrieb in Etziken im Kanton Solothurn. Bereits kurz nach der Übernahme des Hofs verstarb sein Vater. «Es ging alles ein wenig schnell», sagt Lukas Jäggi rückblickend. Aus dem geplanten, schrittweisen Einstieg wurde ein Sprung ins kalte Wasser – mit Betriebsübernahme, Weiterbildung und Trauerbewältigung praktisch gleichzeitig.

Und trotzdem entschied er sich in dieser Phase, den eingeschlagenen Weg mit der weiterführenden Betriebsleiterschule weiterzugehen. Zu Beginn der Zweitausbildung als Landwirt, die er berufsbegleitend als Nachholbildung absolvierte, habe er zwar noch vorgehabt, es mit dem Abschluss des Eidgenössischen Fähigkeitszeugnisses zu belassen und die Sache damit abzuschliessen. Doch im letzten Ausbildungsjahr kam die Einsicht, dass das erworbene Wissen für die Führung eines eigenen Betriebs noch nicht ausreicht. «Wir haben die landwirtschaftliche Buchhaltung angeschaut, aber halt nicht so vertieft und ich merkte, dass das nicht reichen würde», erzählt er. Vor allem merkte er, dass er mit den Zahlen zu wenig anfangen konnte. Zusammen mit fünf Kolleginnen und Kollegen aus der Klasse entschied er sich deshalb, trotz bevorstehender Hofübernahme und einem erkrankten Vater zuhause direkt weiterzumachen und nahtlos in die Betriebsleiterschule einzusteigen.

«Man fängt dank der Weiterbildung bei einem brandneuen Betriebszweig nicht bei null an.»
Lukas Jäggi
Meisterlandwirt und Betriebsleiter

Der Betrieb als unternehmerische Aufgabe

Genau dort begann für ihn der eigentliche Mehrwert der Weiterbildung. Denn ein Betrieb besteht längst nicht mehr nur aus Stallarbeit, Feldarbeit und einem vollen Arbeitstag draussen. «Man steht nicht einfach nur morgens auf und geht in den Stall oder aufs Feld und am Abend wieder nach Hause», sagt Lukas Jäggi. Hinter einem Landwirtschaftsbetrieb stecke heute «ein ganzer Bürokratieapparat». Buchhaltung, Investitionen, Versicherungen, Bauvorhaben, rechtliche Vorgaben: Wer einen Betrieb führt, muss weit mehr im Blick haben als die tägliche Arbeit mit Tieren und Kulturen. Gerade darum sei es wichtig, die Zahlen zu verstehen – auch dann, wenn die Buchhaltung extern erstellt werde. «Es reicht nicht, den Jahresgewinn mit dem Kontostand zu vergleichen und wenn die Zahlen dann ungefähr übereinstimmen, die Sache als erledigt abzutun», sagt er.

Dieses bessere Verständnis will Lukas Jäggi ganz konkret nutzen, um den Betrieb weiterzuentwickeln. Auf dem Hof mit Ackerbau und Mastkühen plant er derzeit einen neuen Betriebszweig: eine Pouletmasthalle mit 16’500 Plätzen. Die Idee dazu stammt nicht erst von ihm allein – schon sein Vater habe mit dem Gedanken gespielt, eine Geflügelmasthalle zu bauen. Gemeinsam besichtigten sie damals andere Anlagen und diskutierten, ob das für den Betrieb passen könnte. Nach der Übernahme griff Lukas Jäggi die Idee wieder auf und machte daraus ein konkretes Projekt. Während der Betriebsleiterschule wählte er deshalb bewusst das Weiterbildungsmodul Geflügelfleischproduktion BF12 am Aviforum in Zollikofen. Für jemanden, der nicht Geflügelfachmann gelernt hat, sei das enorm wertvoll gewesen. «Man fängt dann dank der Weiterbildung auch bei einem brandneuen Betriebszweig immerhin nicht ganz bei null an», sagt er.

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Lukas Jäggi hat den Betrieb übernommen, noch bevor er mit der Weiterbildung zum Meisterlandwirt fertig war. (rho)

Wenn Weiterbildung konkrete Investitionen vorbereitet

Gerade darin zeigt sich, was Weiterbildung in der Landwirtschaft leisten kann: Sie vermittelt nicht nur allgemeines Wissen, sondern schafft gezielt Kompetenzen für die nächsten Entwicklungsschritte eines Betriebs. Lukas Jäggi konnte sich vertieft mit einer Produktionsrichtung auseinandersetzen, die in seiner Grundbildung so nicht vorkam, die für seinen Hof aber strategisch wichtig werden könnte. Seit drei Jahren plant er nun an dem Projekt, die ersten definitiven Pläne liegen vor. Bis zum Baustart werde es zwar «sicher noch ein Jahr» dauern, doch die fachliche Vorbereitung läuft längst.

Auch in anderen Bereichen hilft ihm die Ausbildung bereits heute, betriebliche Entscheide fundierter zu fällen. Lukas Jäggi nennt als Beispiel die Kartoffelernte. Statt auf eigene Maschinen zu setzen, arbeitet er mit einem Lohnunternehmer, der mit einem zweireihigen Kartoffelroder kommt. Das kostet zwar Geld, spart aber sehr viel Zeit und Arbeitsaufwand. Mit Hilfe seines Bruders und von Freunden können sie nach Feierabend in zwei Stunden rund 25 Tonnen Kartoffeln ernten. Für die zwei Hektaren brauchen sie mit der grossen Maschine rund zehn Stunden. Würde er das allein mit eigenen Mitteln erledigen, wäre er nach eigener Einschätzung rund vier Wochen beschäftigt. Für Lukas Jäggi ist deshalb klar: Entscheidend ist nicht nur, was etwas kostet, sondern was es am Ende bringt. Genau dieses Vergleichen, Rechnen und Abwägen sei etwas, von dem er künftig stark profitieren werde.

Zwischen Businessplan, Bauprojekt und Betriebsalltag

In der Meisterausbildung vertiefte er diese Denkweise weiter. Dort musste er Bauprojekte rechnen – ein Thema, das für ihn mit Blick auf die geplante Geflügelmasthalle besonders relevant ist. So konnte er sein eigenes Projekt im Rahmen der Ausbildung durchrechnen und mit anderen Varianten vergleichen. Auch im Businessplan für den Meisterabschluss rechnete er verschiedene Zukunftsszenarien für seinen Betrieb durch: mit Mutterkühen oder mit dem Einbau einer Kühlzelle in den alten Stall. Ob er diese Ideen dereinst umsetzt, ist offen. Aber genau darum gehe es: die Werkzeuge zu haben, um Entwicklungen seriös prüfen zu können, bevor man viel Geld und Arbeit investiert. «Mit der Weiterbildung habe ich das Rüstzeug, solche Dinge mal grundsätzlich zu prüfen und zu rechnen», sagt er.

Die intensive Zeit der letzten Jahre hat ihn stark gefordert. Vor allem das erste Jahr nach der Übernahme sei hart gewesen. Viel Schule, fast drei Tage pro Woche, dazu die Verantwortung für den Betrieb, der Tod des Vaters und ein nasser Frühling, der die Arbeit zusätzlich erschwerte. «Ich hatte immer zu tun und hatte keine Zeit, irgendwelchen Gedanken nachzuhängen», sagt Lukas Jäggi. Vielleicht sei gerade das auch ein Grund gewesen, weshalb es irgendwie funktionierte. Unterstützung erhielt er von Kollegen und von seinem Bruder, die ihm viel halfen. Rückblickend sagt er zwar, dass es im Idealfall sinnvoller sei, die Weiterbildung vor der Übernahme zu machen. Doch in seiner Situation war das keine Option. Und gar ganz auf die Weiterbildung verzichten, wollte er auch nicht – aus Sorge, später den Anschluss und vielleicht auch die Motivation zu verlieren, überhaupt noch einmal damit anzufangen.

«Mit der Weiterbildung habe ich das Rüstzeug, Dinge selbst grundsätzlich zu prüfen und zu rechnen.»
Lukas Jäggi
Meisterlandwirt und Betriebsleiter

Der richtige Zeitpunkt und das richtige Umfeld

Neben dem fachlichen Wissen hebt Lukas Jäggi auch einen weiteren Punkt hervor: das Netzwerk. In der Weiterbildung lerne man neue Leute kennen, die einen weiterbringen, mit denen man Erfahrungen austauschen könne und die auch einmal betriebszweigspezifische Tipps gäben. Gerade in einer Landwirtschaft, die immer spezialisierter und komplexer wird, ist dieses Netzwerk oft fast so wertvoll wie ein einzelnes Schulmodul.

Anderen gibt Lukas Jäggi mit, dass Weiterbildung zwar sinnvoll ist, aber auch zum richtigen Zeitpunkt kommen sollte. Gerade bei jungen Leuten, die eine landwirtschaftliche Erstausbildung absolvieren, habe er erlebt, dass manche auf Druck der Eltern zu früh weitermachen und entsprechend wenig motiviert seien. «Etwas Lebenserfahrung kann sicher nicht schaden», sagt er. Wer aber einen Betrieb hauptberuflich übernehmen und führen wolle, dem würde er die Weiterbildung klar empfehlen: «Schaden tut’s niemandem.» Sein eigener Weg zeigt, warum: Bildung macht nicht nur fachlich sicherer. Sie hilft auch, einen Betrieb mit mehr Überblick, mit mehr Mut und mit besseren Entscheidungsgrundlagen in die Zukunft zu führen.

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