Von Alpkäse und weissen Yaks: Was die Weidewirtschaft in der Schweiz und Kirgistan verbindet

Ob Milchkühe auf Schweizer Alpweiden oder Yaks im kirgisischen Hochgebirge: Die Weidewirtschaft ist in beiden Ländern eng mit der Landschaft, der Kultur und dem Leben der Menschen verbunden. Ein Besuch des kirgisischen Yakhalters Baatyrbek Akmatov bei einer Schweizer Bergbauernfamilie und ein Austausch mit dem Schafhirten Misael Peter zeigen, wie unterschiedlich die Bedingungen sind und wie ähnlich die Herausforderungen.
Zuletzt aktualisiert am 15. Oktober 2026
von Renate Hodel
10 Minuten Lesedauer
2026 Berglandwirtschaft Alpwirtschaft Austausch Schweiz Kirgistan Jessica Yersin Und Baatyrbek Akmatov Im Stall Rho
Der Yakhirte Baatyrbek Akmatov aus Kirgistan zu Besuch auf dem Alpbetrieb von Jessica Yersin. (rho)

Der Yakhalter Baatyrbek Akmatov aus Kirgistan war beeindruckt davon, wie intensiv und sorgfältig die Schweizer Berglandschaft bewirtschaftet wird. «Bis zum letzten Stein», sagte er, als er organisiert durch die Helvetas anlässlich des Internationalen Jahres der Weiden und Hirten und Ende September die Schweiz besuchte.

Es war eine von zahlreichen Beobachtungen, die Baatyrbek Akmatov von seiner Reise mitnahm. Zuvor hatte er unter anderem Jessica und Roger Yersin auf ihrem Bergbetrieb in Rougement in den Waadtländer Alpen besucht. Dort tauschten sie sich über ihre Tiere, die Bewirtschaftung der Weiden, die Vermarktung ihrer Produkte und die Schwierigkeiten des landwirtschaftlichen Alltags aus.

Obwohl die Schweiz und das zentralasiatische Kirgistan geografisch weit auseinanderliegen und die Landwirtschaft unter unterschiedlichen wirtschaftlichen und politischen Bedingungen stattfindet, zeigte der Austausch zahlreiche Parallelen.

Von der Waadtländer Alp ins kirgisische Hochgebirge

Jessica und Roger Yersin haben ihren Betrieb 2019 von Rogers Eltern übernommen. Gemeinsam mit ihrer Familie halten sie rund 50 Milchkühe und bewirtschaften fünf über das Vallée de la Manche verteilte Alphütten. Während der Sommersaison verarbeiten sie ihre Milch zu L’Etivaz AOP, einem traditionellen Alpkäse aus dem Pays-d’Enhaut. Dieser darf ausschliesslich während der Sömmerungsperiode zwischen dem 10. Mai und dem 10. Oktober hergestellt werden. Die Rohmilch wird direkt auf der Alp in Kupferkesseln über dem Holzfeuer verkäst. Anschliessend gelangen die Käselaibe in die Keller der Produzentengenossenschaft in L’Etivaz, wo sie gepflegt und gereift werden.

Rund 7’500 Kilogramm Käse produziert die Familie Yersin nach eigenen Angaben während einer Alpsaison. Im Winter hingegen liefert sie ihre Milch an industrielle Verarbeiter. Die Familie bewirtschaftet neben den Alpweiden auch Flächen zur Heuproduktion, um die Futterversorgung während der kalten Jahreszeit sicherzustellen.

Bei Baatyrbek Akmatov sieht der Betrieb auf den ersten Blick ganz anders aus. Er lebt mit seiner Familie im Dorf Kök-Sai in der Region Naryn in Kirgistan. Dort betreibt er eine Tierhaltung, zu der rund 400 Merinoschafe und 200 Yaks sowie 40 Pferde einer traditionellen kirgisischen Rasse gehören. Besonders stolz ist Baatyrbek Akmatov auf seine weissen Yaks. Diese sind auch in Kirgistan eine Besonderheit. Während seine Merinoschafe hauptsächlich Wolle und Fleisch liefern, hält er die Yaks vor allem für die Fleischproduktion. Mit der Zucht der traditionellen Pferderasse möchte er zudem einen Teil des kulturellen Erbes seiner Heimat bewahren.

Unterschiedliche Tiere, unterschiedliche Weidesysteme

Nicht nur die Tierarten unterscheiden sich, sondern auch die Form der Haltung. In den Schweizer Alpen ist die Sömmerung eng mit dem Jahresrhythmus der Landwirtschaft verbunden. Im Sommer nutzen die Tiere die höher gelegenen Weideflächen, während sie den Winter auf den Talbetrieben verbringen.

Bei Baatyrbek Akmatov gilt dies nur teilweise. Seine Merinoschafe verbringen den Sommer ebenfalls auf den Hochweiden und kehren für den Winter ins Tal zurück. Dort müssen sie mit Heu und anderem Futter versorgt werden. Die Yaks und Pferde hingegen bleiben das ganze Jahr über in den Bergen. Sie kommen weitgehend ohne Stallungen und Zufütterung aus und suchen ihre Nahrung auch während der kalten Monate selbst. Die weitläufigen Weidegebiete erstrecken sich über mehr als tausend Hektaren und gehören grösstenteils der Gemeinde, von der Akmatov die Nutzungsrechte pachtet.

Diese extensive Haltung bedeutet allerdings nicht, dass weniger Arbeit anfällt. Vielmehr müssen die Tiere auf den grossen, offenen Flächen überwacht werden. Raubtiere, Diebstahl oder das Abwandern der Herden stellen zusätzliche Risiken dar. «In Kirgistan arbeiten wir nicht nur von morgens bis abends, sondern bis in die Nacht», erklärte Baatyrbek Akmatov beim Talk an der Fachtagung «Lebendige Weiden» in Naters. In der Schweiz habe er beobachtet, dass viele Bauern ihre Tiere abends in Sicherheit bringen könnten. Bei ihm hingegen bleibe die Sorge um die Tiere auch nachts bestehen.

Dass die Schweizer Hirten deshalb weniger zu tun haben, wollte sein Gesprächspartner Misael Peter allerdings nicht gelten lassen. Der Schweizer Schafbauer, Alp- und Wanderhirte verbringt die Sommer mit Schafen im Gebiet des Grossen Aletschgletschers. «Wir arbeiten auch in der Schweiz von früh am Morgen bis spät am Abend», betonte Misael Peter. Neben der Versorgung der Schafe gehören lange Fussmärsche mit vielen Höhenmetern und die Arbeit mit den Hütehunden zu seinem Alltag. Was Wandererinnen und Wanderer meist wahrnehmen, sei vor allem die eindrückliche Landschaft – nicht unbedingt die Arbeit, die dahintersteckt.

  • Der kirgisische Yakhalter Baatyrbek Akmatov ist fasziniert vom Milchgeschirr und dem Milchtank auf dem Alpbetrieb. (rho)
    Bild herunterladen
  • Jessica Yersin bewirtet Rudolf Lüthi von der Helvetas sowie Baatyrbek Akmatov und seine Tochter in der Stube der Alphütte. (rho)
    Bild herunterladen

Zwischen Übernutzung und fehlenden Weidetieren

Eine Gemeinsamkeit wurde beim Austausch besonders deutlich: Die Weiden müssen so bewirtschaftet werden, dass sie langfristig produktiv bleiben.

«Das Erste ist das Wasser», erklärte Misael Peter auf die Frage, was eine gute Weide ausmache. Die Schafe bräuchten genügend Wasser, Schatten und einen ruhigen Ort. Entscheidend seien ausserdem die Qualität des Grases und eine angepasste Anzahl Tiere.

Auch in Kirgistan ist das Verhältnis zwischen Tierbestand und verfügbarem Futter ein zentrales Thema. Für viele Hirtenfamilien ist eine grössere Herde wirtschaftlich erstrebenswert. Gleichzeitig müssen sie darauf achten, dass die Weideflächen nicht überbeansprucht werden. Die Folgen einer zu intensiven Nutzung können gravierend sein: Die Vegetation wird geschädigt, die Böden verlieren an Stabilität und die Erosionsgefahr steigt. Hinzu kommen die Auswirkungen des Klimawandels, der in Kirgistan unter anderem die Wasserverfügbarkeit verändert und die Weidewirtschaft zusätzlich unter Druck setzt.

Um eine Übernutzung zu verhindern, gibt es in Kirgistan lokale Weidekomitees. Sie koordinieren die Nutzung der gemeinschaftlichen Flächen und sollen dafür sorgen, dass die Zahl der Tiere den natürlichen Bedingungen angepasst wird. Baatyrbek Akmatov engagiert sich selbst für den Schutz der Weidelandschaften. Gemeinsam mit anderen Viehhaltern initiierte er 2019 sogenannte «Micro Nature Reserves». In diesen kleinräumigen Schutzgebieten sollen sich besonders empfindliche oder bereits übernutzte Weideflächen regenerieren können.

In der Schweiz stellt sich die Situation teilweise anders dar. Zwar müssen auch hier die Bestände auf das Futterangebot abgestimmt werden. Gleichzeitig berichtete Misael Peter, dass es in seiner Arbeit schwieriger geworden sei, genügend Schafe für die Sömmerung zu finden.

Damit zeigt sich ein grundlegender Unterschied: Während in Teilen Kirgistans der Druck durch hohe Tierbestände ein Problem ist, kann in Schweizer Berggebieten auch eine zu geringe Nutzung der Weiden Herausforderungen mit sich bringen. Werden Flächen nicht mehr regelmässig beweidet und gepflegt, können sie zunehmend verbuschen und langfristig verwalden.

Wenn die Zwischenhändler mehr verdienen als die Bauern

Neben der Bewirtschaftung der Weiden beschäftigte Jessica Yersin und Baatyrbek Akmatov insbesondere eine wirtschaftliche Frage: Wie lässt sich mit den Produkten aus der Tierhaltung ein angemessenes Einkommen erzielen?

Baatyrbek Akmatov schilderte beim Betriebsbesuch, dass in Kirgistan zahlreiche Bauern ihre Tiere auf lokalen Viehmärkten verkaufen. Dort kaufen Zwischenhändler die Tiere auf und verkaufen sie mit einem Preisaufschlag weiter. Für die Produzentinnen und Produzenten bleibt entsprechend häufig nur ein bescheidener Teil des Verkaufserlöses. Baatyrbek Akmatov versucht deshalb, einen Teil seiner Tiere direkt zu vermarkten. Über WhatsApp steht er mit Verwandten, Bekannten und weiteren Kundinnen und Kunden in Kontakt, insbesondere in der Hauptstadt Bischkek. Diese bestellen teilweise ganze Tiere, deren Fleisch anschliessend portioniert und geliefert wird. Indem er die Zwischenhändler umgeht, kann Akmatov einen deutlich höheren Erlös erzielen. Zudem lassen sich bei dieser Vermarktungsform praktisch sämtliche Teile eines Tieres verkaufen, einschliesslich der Innereien.

Auch in der Schweiz gewinnt die Direktvermarktung für viele Betriebe an Bedeutung. Hofläden, Onlineshops und der Direktverkauf von Fleisch bieten Möglichkeiten, einen grösseren Anteil der Wertschöpfung auf dem Hof zu behalten. Familie Yersin setzt mit der Produktion von L’Etivaz AOP auf eine andere Form der Wertschöpfung. Die geschützte Ursprungsbezeichnung und die gemeinsame Vermarktung über die Genossenschaft ermöglichen es den Produzentinnen und Produzenten, ihre Milch zu einem hochwertigen regionalen Produkt zu verarbeiten.

Allerdings zeigt sich gerade bei der Familie Yersin, dass nicht alle Absatzkanäle gleich attraktiv sind. Während der Alpsaison kann die Milch zu Käse verarbeitet werden. Im Winter ist die Familie hingegen auf industrielle Milchabnehmer angewiesen. Jessica Yersin berichtete, dass sie im vergangenen Winter für diese Milch lediglich zwischen 45 und 50 Rappen pro Liter erhalten habe. Ein Problem sei die geringe Zahl möglicher Abnehmer – die Produzentinnen und Produzenten hätten entsprechend wenig Verhandlungsspielraum.

  • Baatyrbek Akmatov züchtet Pferde einer traditionellen kirgisischen Rasse. (zvg/Helvetas)
    Bild herunterladen

Staatliche Unterstützung als wesentlicher Unterschied

Ein weiterer grosser Unterschied zwischen beiden Ländern liegt in den agrarpolitischen Rahmenbedingungen.

In der Schweiz unterstützt der Bund die Landwirtschaft mit Direktzahlungen. Auch für die Bewirtschaftung der Alpweiden werden Beiträge ausgerichtet. Damit werden unter anderem Leistungen zur Erhaltung der Kulturlandschaft und zur nachhaltigen Nutzung der Flächen abgegolten. An diese Zahlungen sind allerdings verschiedene Auflagen und Kontrollen geknüpft. Die Betriebe müssen zahlreiche gesetzliche und ökologische Anforderungen erfüllen.

In Kirgistan existiert dagegen kein vergleichbar umfassendes Direktzahlungssystem. Die Hirten müssen ihre wirtschaftliche Existenz weitgehend über die Vermarktung ihrer Tiere und Produkte sowie zusätzliche Einkommensmöglichkeiten sichern.

Dass auch in Kirgistan die Nutzung der Weiden kontrolliert wird, erstaunte die Schweizer Gesprächspartner. Baatyrbek Akmatov erklärte, dass die lokalen Weidekomitees unter anderem eine Überweidung verhindern sollen. Anders als in der Schweiz seien mit diesen Auflagen jedoch kaum vergleichbare finanzielle Unterstützungsleistungen verbunden.

Die unterschiedlichen Rahmenbedingungen beeinflussen auch, welche Möglichkeiten die Betriebe haben, in eine nachhaltige Bewirtschaftung, in Infrastruktur oder in die Entwicklung neuer Produkte zu investieren.

Tourismus als zusätzliche Einnahmequelle

Baatyrbek Akmatov hat sich deshalb schon früh weitere wirtschaftliche Standbeine aufgebaut. Neben der Tierhaltung engagiert er sich für die Verarbeitung von Merinowolle und für einen nachhaltigen Tourismus in seiner Heimatregion.

Bereits 2001 beteiligte er sich am Aufbau eines gemeinschaftsbasierten Tourismusmodells in Kirgistan. Heute bieten seine Familie und weitere Familien in der Region Übernachtungen in traditionellen Jurten an. Besucherinnen und Besucher können den Alltag der Hirten kennenlernen, die Tiere erleben und einen Einblick in die Verarbeitung der Wolle erhalten. Seit 2019 organisiert Baatyrbek Akmatov gemeinsam mit anderen zudem ein Landwirtschafts- und Kulturfestival, das traditionelle Handwerkskünste und die kirgisische Lebensweise vermittelt.

Diese zusätzlichen Einnahmen sind nicht nur wirtschaftlich interessant. Sie können auch dazu beitragen, den Druck auf die Weideflächen zu verringern: Wenn die Familien nicht ausschliesslich von der Tierhaltung abhängig sind, müssen sie ihren Tierbestand nicht um jeden Preis vergrössern.

Die Zukunft liegt bei den Menschen

So unterschiedlich die beiden Länder und ihre Weidesysteme auch sind, beim Talk in Naters wurde deutlich, dass die Zukunft der Weidewirtschaft letztlich von den Menschen abhängt, die diese Arbeit leisten.

Was braucht es, damit auch in 20 Jahren noch junge Familien bereit sind, Tiere auf den Weiden zu halten und die Landschaften zu bewirtschaften? Für Misael Peter spielen die politischen Rahmenbedingungen eine wichtige Rolle. Er betonte, dass die Weidewirtschaft Unterstützung brauche, damit sie wirtschaftlich tragfähig bleibe. Gleichzeitig sei die nächste Generation entscheidend. Trotz der zahlreichen Herausforderungen blickt Misael Peter optimistisch in die Zukunft. In seinem Umfeld beobachte er junge Menschen, die motiviert seien und sich für die Arbeit mit Schafen und auf den Alpen begeisterten.

Auch Baatyrbek Akmatov sieht in der Jugend einen entscheidenden Faktor. Gleichzeitig brauche es wirtschaftliche Perspektiven und die Bereitschaft, von anderen zu lernen. Besonders wichtig sei ihm deshalb der internationale Erfahrungsaustausch zwischen den Bäuerinnen und Bauern. Gute Ideen und erfolgreiche Bewirtschaftungsformen könnten über Ländergrenzen hinweg weitergegeben werden.

Am Ende stehen beide Länder vor derselben grundlegenden Aufgabe: Die Weiden müssen langfristig gesund und produktiv bleiben, während die Menschen, die sie bewirtschaften, von ihrer Arbeit leben können. Denn ob in den Waadtländer Alpen oder im kirgisischen Hochgebirge – ohne engagierte Hirtenfamilien verlieren die Weidelandschaften nicht nur ihre Bewirtschafterinnen und Bewirtschafter, sondern auch einen wichtigen Teil ihrer kulturellen und wirtschaftlichen Bedeutung.