Geschlechtergerechtigkeit als Schlüssel für nachhaltige Ernährungssysteme

Frauen leisten einen grossen Teil der landwirtschaftlichen Arbeit weltweit, bleiben aber oft unsichtbar. Eine Veranstaltungsreihe von Weltacker Schweiz zeigte anhand von Beispielen aus drei Kontinenten, wie Frauen nachhaltige Ernährungssysteme stärken – und warum Gleichstellung dabei zentral ist.
Zuletzt aktualisiert am 26. März 2026
von Elin Wittwer
5 Minuten Lesedauer
2018 Swiss Skills Lid
Nur 7 bis 8 Prozent der Schweizer Landwirtschaftsbetriebe werden von Frauen geführt. (lid)

Rund 40 Prozent der Menschen, die weltweit in Agrar- und Ernährungsystemen arbeiten, sind Frauen. Nichtsdestotrotz wird das Bild der bäuerlichen Arbeit mehrheitlich von Männern dominiert, und auch in der Schweiz fehlt es trotz der vielen Frauen in der Landwirtschaft oftmals an Sichtbarkeit.

Passend zum UNO-Jahr der Bäuerinnen und Landwirtinnen organisiert Weltacker Schweiz eine Veranstaltungsreihe, welche Leistungen von Frauen in der Landwirtschaft ins Zentrum rückt. Nach einem Austausch von indischen Bäuerinnen mit Frauen aus der Schweizer Landwirtschaft Mitte Februar wurden in einer zweiten Veranstaltung weitere Projekte und Perspektiven beleuchtet. Unter dem Titel «Our Piece of Land – Feminist Perspectives on Agriculture and Food Systems» sprachen vier Frauen von drei Kontinenten über bewährte Praktiken und Geschlechtergerechtigkeit in der Landwirtschaft. Die vier Präsentationen zeigten auf, wie die Gleichstellung der Geschlechter ein Schlüssel zu nachhaltigen und gerechten Ernährungssystemen weltweit sein kann.

UNO-Jahr der Bäuerinnen und Landwirtinnen

Im Jahr 2026 stehen die Frauen der Landwirtschaft im Fokus: Das «International Year of the Woman Farmer» (IYWF 2026) rückt die wichtigen, jedoch oft unerkannten Rollen der Frauen in Agrar- und Ernährungssystemen in den Vordergrund. Das UNO-Jahr der Bäuerinnen und Landwirtinnen soll das Bewusstsein schärfen und Massnahmen fördern, um geschlechtsspezifische Unterschiede zu beseitigen und die Lebensbedingungen von Frauen weltweit zu verbessern.

Anlässlich des UNO-Jahres lädt der LID ab April 2026 ausserdem herzlich zur Ausstellung «Frauen in der Landwirtschaft: gestern – heute – morgen» im Freilichtmuseum Ballenberg ein.

Weitere Informationen:

Rollenbilder prägen Landwirtschaft

«Die Gleichstellung der Geschlechter ist eine entscheidende Voraussetzung für nachhaltige und gerechte Ernährungssysteme», eröffnet Suse Brettin die erste Präsentation der Runde. Suse Brettin ist Doktorandin für Gender und Globalisierung in der Landwirtschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin. Obwohl Landwirtschaft meistens als genderneutraler Raum beschrieben werde, würden damit verbundene Aspekte wie Geschlecht, Macht und soziale Hierarchien oftmals unsichtbar bleiben, meint Suse Brettin. «Die Landwirtschaft war schon immer von geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung, Geschlechterstereotypen und vor allem heteropatriarchalen Strukturen geprägt. In diesem System werden Land, Kapital, politische Vertretung und symbolische Autorität in erster Linie von Männern kontrolliert.»

Umso wichtiger sei es daher, alternative Strukturen, die zu einem grossen Teil auch aus Frauen bestehen, aufzuzeigen. «Wenn wir es ernst meinen mit der Umgestaltung der Landwirtschaft und der Ernährungssysteme, müssen wir auch die darin verankerten geschlechtsspezifischen Machtverhältnisse verändern.»

In Deutschland werden 88 bis 89 Prozent aller landwirtschaftlichen Betriebe von Männern geführt, in der EU sind es durchschnittlich 82 Prozent. In der Schweiz sind es lediglich 7 bis 8 Prozent der Betriebe, die von Frauen geführt werden.

«Abgesehen von Eigentumsverhältnissen ist auch die landwirtschaftliche Arbeit selbst stark geschlechtsspezifisch geprägt», erläutert Suse Brettin. So werde körperliche Arbeit und das Arbeiten mit Maschinen in der Regel von Männern verrichtet, während Frauen oftmals Care-Arbeit, Lebensmittelverarbeitung oder emotionale Arbeit leisten. Ein Ungleichgewicht entstehe aber nicht zuletzt dadurch, dass die von Frauen typischerweise verrichtete Arbeit gesellschaftlich weniger hoch gewertet werde, obschon diese ebenso fundamental sei.

«Landwirtschaftliche Identitäten und spezifische landwirtschaftliche Praktiken sind mit bestimmten Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit verbunden. Und das ist von Bedeutung, weil symbolische Konstruktionen nicht nur Identitäten, sondern auch alltägliche Praktiken und Werte beeinflussen», meint Suse Brettin.

Feministische und queere Praktiken hervorzuheben, bedeute nicht einfach, Frauen in bestehende Systeme einzubeziehen, sondern die zugrunde liegenden Normen zu hinterfragen. «Geschlechtergleichstellung ist kein Zusatz zur Nachhaltigkeit, kein zweitrangiges soziales Thema, das erst nach technologischen Innovationen oder beispielsweise Marktreformen angegangen werden muss – vielmehr ist es eine strukturelle Voraussetzung.»

Frauen als wichtigste Saatgutverwalterinnen

Welche Lösungsansätze sich auf anderen Kontinenten bilden, zeigt Mercy Ambani, Projektleiterin bei Seed Savers Network in Kenia. Die Organisation unterstützt insbesondere ländliche Gemeinden dabei, gemeinschaftliche Saatgutbanken einzurichten. Diese sind entscheidend für die Erhaltung des einheimischen Saatgutes. Die Organisation arbeitet mit über 90’000 Landwirtinnen und Landwirten zusammen und unterhält mehr als 121 kommunale Saatgutbanken.

Die Saatgutbanken werden übermässig von Frauen geleitet. «Sie sind unsere wichtigsten Saatgutverwalterinnen», meint Mercy Ambani, «Frauen wissen viel über Saatgutbewahrung, Saatgutauswahl und Saatgutlagerung.» Die Frauen führen Charakterisierungsarbeiten durch und lagern das Saatgut. Wenn die Pflanzzeit gekommen ist, können sie Samen holen und auf ihren Höfen aussäen.

Wie Suse Brettin betont auch Mercy Ambani, wie wichtig die Sichtbarkeit von Frauen und deren Arbeit in der Landwirtschaft ist. «Wenn sie Zugang zu vielfältigem und nährstoffreichem Saatgut haben, können wir sicher sein, dass die Familien gut versorgt sind und nahrhafte Lebensmittel erhalten», erklärt Mercy Ambani. Frauen tragen ein grosses Wissen und sollen dafür gewürdigt werden, dass sie gute Führungskräfte im Ernährungssystem seien.

Aus diesem Grund richtete die Organisation eine Lernplattform ein, bei denen ein gemeinschaftlicher Austausch zwischen Landwirtinnen stattfindet. «Wir stärken ihre Kompetenzen, und stellen sicher, dass sie über aktuelle Informationen verfügen, welches sie dann an andere Gemeindemitglieder und Frauengruppen weitergeben, um ihnen zu zeigen, wie sie agroökologisch wirtschaften können.» Die gemeinschaftlichen Saatgutbanken und das damit verbundene Wissen ist umso wichtiger, weil die Gesetzgebung das kommerzielle Saatgutsystem begünstigt habe, während das indigene Saatgutsystem benachteiligt wurde.

Zum Ende ihrer Präsentation findet Mercy Ambani nochmals klare Worte: «Es ist höchste Zeit, dass wir mehr Frauen im Bereich der feministischen Agrarökologie unterstützen. Es ist höchste Zeit, dass wir lokales Wissen wertschätzen. Es ist höchste Zeit, dass wir anerkennen, dass Frauen Innovatorinnen sind: Sie sind die Hüterinnen unseres Saatguts und diejenigen, die unsere Vielfalt bewahren.»

«Der Staat respektiert unsere Arbeit nicht»

Aus Ecuador zugeschaltet sprach Nancy Simba, eine Anführerin der indigenen Gemeinschaft von Latoya, über das Netzwerk der Landfrauen Ecuadors. Das Netzwerk wurde 2014 gegründet und besteht aus 26 verschiedenen Organisationen, die in unterschiedlichen Teilen des Landes aktiv sind. «Wir setzen uns für das Recht auf Land, Wasser und Artenvielfalt ein, und wir unterstützen uns gegenseitig als Frauen», erklärt Nancy Simba.

«Frauen sind Menschen, die sich um das Leben kümmern und es bewahren – wir bieten unseren Familien, unseren Gebieten und unserem Land Schutz. Doch unsere Rechte werden oft verletzt, obwohl wir das Ernährungssystem sowie die Ernährungssouveränität unseres Volkes schützen», meint Nancy Simba. Die Art und Weise, wie Frauen auf Nachhaltigkeit hinarbeiten, zur Wirtschaft beitragen und kollektive Rechte wahren, seien wichtig, doch Nancy Simba sagt: «Der Staat respektiert unsere Arbeit nicht.» Und das, obwohl die ecuadorianische Verfassung diese Rechte garantieren würde.

So entstehe eine Feminisierung der Armut. «Diese liegt bei indigenen Frauen bei 78,1 Prozent. Die Anzahl Frauen, die keinen ausreichenden Zugang zu Nahrungsmitteln haben, hat sich von 2015 bis 2022 von 1,3 auf 2,7 Millionen Frauen verdoppelt.» Hinzu kämen zahlreiche Vertreibungen und das Vordringen der Rohstoffindustrie.

Der Einsatz von Pestiziden habe sich ebenfalls negativ auf die Gesundheit der Menschen in der Landwirtschaft ausgewirkt. «Unsere Ältesten haben Massnahmen zum Schutz des Landes und unserer Traditionen ergriffen, und wir fordern, dass unsere überlieferten Praktiken und unser Wissen gefördert werden », sagt Nancy Simba. Es gehe deshalb auch um Interkulturalität in einem multinationalen und multikulturellen Ecuador.

«Wir fordern die Verankerung des agroökologischen Wandels in der staatlichen Politik. Öffentliche Mittel für Schulungen, Kredite und Begleitung müssen bereitgestellt werden, um agroökologische Praktiken zu fördern und zu unterstützen. Wir müssen Leben und Gesundheit Vorrang vor wirtschaftlichen Interessen einräumen», betont Nancy Simba.

Gegenseitige Unterstützung

Zuletzt teilte Julia Bar-Tal, Landwirtin mit eigenem Betrieb in Brandenburg sowie Agrarreferentin und Aktivistin, ihre Erfahrungen. Sie engagiert sich besonders für Ernährungssouveränität in Krisen- und Kriegsgebieten und ist auch in der Lokalpolitik aktiv.

Als Frau in der Landwirtschaft sei sie nicht mit vielen Vorbildern aufgewachsen und auch die Ausbildung sei nicht immer einfach gewesen. «Es wurde jede Menge gewitzelt, ob ich überhaupt einen Traktor fahren oder mir all die technischen Dinge merken könne, die wir lernen mussten», erzählt Julia Bar-Tal. Dies habe sie jedoch nicht verunsichert, sondern angestachelt – «ich war so wütend, dass ich den besten Abschluss im ganzen Bundesland gemacht habe.»

«Wenn ich mir die junge Generation anschaue und ihren Zugang zu Land, Infrastruktur und Möglichkeiten sehe, um eigene landwirtschaftliche Betriebe zu gründen, stellen wir fest, dass viele junge Frauen in den Agrarsektor einsteigen. Daher denke ich, dass es auch eine feministische Frage ist, die junge Generation zu fördern und entsprechende Strategien zu entwickeln.»

Sogenannte Farm-Startups oder Gründerzentren für landwirtschaftliche Betriebe seien beispielsweise in Frankreich verbreitet und Julia Bar-Tal engagiert sich in Deutschland für den Aufbau solcher Netzwerke. «Statistiken bestätigen unsere These, dass wir solche Einrichtungen brauchen», sagt sie.

«Das patriarchale System ist darauf ausgelegt, die Stimmen der Frauen zum Schweigen zu bringen – oder, wenn sie uns nicht zum Schweigen bringen können, unsere Stimmen herabzuwürdigen», meint Julia Bar-Tal. Umso wichtiger sei es, dass sich Frauen gegenseitig den Rücken stärken.

Ohne Frauen keine Landwirtschaft

Die Beiträge aus verschiedenen Regionen der Welt machten deutlich, dass Frauen bereits heute zentrale Akteurinnen in der Landwirtschaft sind – oft jedoch ohne ausreichende Anerkennung oder Unterstützung. Mehr Sichtbarkeit, Zugang zu Ressourcen und politische Rahmenbedingungen könnten nicht nur die Gleichstellung fördern, sondern auch entscheidend zu nachhaltigen und gerechten Ernährungssystemen beitragen. Die Veranstaltung von Weltacker Schweiz zeigte damit: Die Zukunft der Landwirtschaft ist ohne Frauen nicht denkbar.

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