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Von der Konfrontation zum Stadt-Land-Dialog

Von Markus Rediger, Geschäftsführer LID

Wir wissen es alle: Das Frühjahr 2021 war wettermässig anspruchsvoll mit Spätfrost, starken Stürmen, viel Regen und Hagelschäden. Dies hat sich in schlechten Ernten niedergeschlagen. Ähnlich turbulent waren der Frühling und Frühsommer 2021 aber auch auf der politischen Bühne. Da war es nicht kalt, sondern heiss: Politisch und emotional rund um den Abstimmungskampf zu den beiden Agrarinitiativen, in denen es um Umwelt und Landwirtschaft ging. Oder scheinbar Umwelt gegen Landwirtschaft und Landwirtschaft gegen Umwelt. Die Auseinandersetzung folgte den Mustern, die sich zu einer neuen Unkultur entwickeln (wie wir es auch vom Streit um Corona-Massnahmen kennen). Dazu gehören schwarz-weiss malen, Fakten ausblenden oder verdrehen, polarisieren, Gespräch verweigern, einander verunglimpfen und persönlich bedrohen. Alles ist vorgekommen im Kampf um die Agrarinitiativen. Und bereits stehen weitere Initiativen bereit für Volksabstimmungen. Noch ist kein Ende in Sicht.

Anfangs dieser Woche stellte die Fenaco die Studie «Stadt-Land-Monitor» vor, welche zum Schluss kommt, dass in den letzten zwei Jahren der Gegensatz Stadt-Land bei Abstimmungen dramatisch zugenommen hat. Dabei wurde auch festgestellt, dass sich die Mehrheit der Bevölkerung zwischen den Extremen Stadt oder Land sieht und kein eigentlicher Stadt-Land-Graben besteht. Das Ergebnis ist brandaktuell, das Thema aber nicht neu. Dieses Spannungsfeld Stadt-Land hat vor 84 Jahren zur Gründung des Landwirtschaftlichen Informationsdienstes LID geführt. Damals hiess es, «dass die städtische Bevölkerung erschreckend wenig Verständnis mehr hat für die Bevölkerung auf dem Lande» und wenn es noch ein solches gäbe, dann nur «dass es auf dem Lande schön sei und der Bauer um sein freies Leben zu beneiden sei.» Die oben erwähnte Studie bestätigt denn auch im Jahr 2021: «Weit verbreitet ist in der Schweiz die Sehnsucht nach dem ländlichen Leben und dem eigenen Garten.» Beides habe sich durch die Pandemie sogar noch verstärkt.

Diese Sehnsucht gilt es zu stillen. Das ist die grosse Chance der Schweizer Landwirtschaft. Natürlich wird der Streit der Meinungen weitergehen, auch zu Polarisierungen kann es kommen. Aber nur wenn diese Dialoge, ob live oder online und in den Social Media mit Empathie, gegenseitigem Verständnis und Einfühlvermögen geführt werden, kommen beide Seiten weiter. Dies zeigt auch eine wissenschaftliche Publikation der ETH Zürich vom 7. Dezember 2021. Forschende haben auf Twitter drei verschiedene Gegenrede-Strategien getestet, um Konflikte, Polarsierungen und hasserfüllte Kommentare (engl. Hate Speech) zu reduzieren. Am effektivsten erwiesen sich dabei Kommentare, welche Empathie mit Betroffenen erwirken. Was online gilt, funktioniert auch in realen Begegnungen. Das stellen wir vom LID in den Projekten, wo Bauern- und Konsumentenfamilien sich begegnen, immer wieder fest. Nichts schafft mehr Verständnis als ein persönlicher Dialog, als eine reale Begegnung. Dies zu fördern ist ein Gebot der Stunde, wie die Fenaco mit ihrer Initiative bestätigt. Es gilt in jedem Gespräch und jeder Auseinandersetzung den Konsens zu suchen. Dies bestätigte auch ein prominentes Podiumsgespräch an der DV des LID im Herbst 2021. SBV-Präsident Markus Ritter sagte da, sobald es in einen Abstimmungskampf gehe, gebe es nur noch schwarz-weiss. Dennoch «müsste es möglich sein, miteinander zu arbeiten» forderte Marcel Liner von Pro Natura und Stefan Flückiger vom Schweizer Tierschutz meinte «Ich will keine Schlammschlacht.».

Die Abstimmungen und die politische Arbeit sind wichtig und Aufgabe des SBV und Partnern. Der LID fördert mit seiner Arbeit den Brückenschlag zwischen Stadt und Land, Bauern und Konsumenten. Mit einer neuen Strategie soll ab 2022 der Dialog Stadt-Land zusätzlich gefördert und mit Impulsen belebt werden. Es sollen das Verständnis gefördert werden sowie Nähe und Begegnungen geschaffen werden zwischen urbaner Bevölkerung und Bauernfamilien. Dazu stehen für die Landwirtschaft zahlreiche Hilfsmittel auf lid.ch und Projekte bereit, die weiter ausgebaut werden. Darunter sind die Agrarscouts, der Erlebnis Bauernhof, das Praxishandbuch für Bauernfamilien, Schulungen, sowie eine neue Online-Plattform für den Stadt-Land-Dialog (mit Medien, Schulen, Bauern-Konsumenten). Noch läuft die Suche nach zusätzlichen Partnern und Finanzen. Aber auch Projekte wie Schule auf dem Bauernhof, Stallvisite, Lockpfosten, Tag der offenen Hoftüren oder Vom Hof in Zusammenarbeit mit dem Schweizer Bauernverband und weiteren Partnern müssen weiter ausgebaut werden zum Nutzen von Stadt und Land. Nutzen wir diese Angebote und fragen wir uns, welches ist mein Beitrag, wo kann ich vermehrt in den persönlichen Dialog treten mit Personen aus der Stadt - und dem Land?