Die Branchenorganisation Milch hat am 18. Juni beschlossen, den Richtpreis für Molkereimilch um drei Rappen auf 65 Rappen pro Kilogramm zu erhöhen. Die Reaktionen in der Branche darauf sind unterschiedlich. Die Dachorganisation der Schweizer Milchproduzenten (SMP) begrüsst den Entscheid als wichtiges Signal: Die Milchbauern hätten eine Preiserhöhung dringen nötig. Die Bäuerliche Interessengemeinschaft für Marktkampf BIG-M bezeichnet den Entscheid als "Farce". Es werde nur für einen minimalen Teil der Milchmenge tatsächlich ein erhöhter Milchpreis bezahlt werden.
Angesichts der nach wie vor desolaten Lage auf dem Milchmarkt scheint es tatsächlich fraglich, ob der BO Milch-Entscheid für die Milchbauern spürbare Folgen hat. Die SMP will die BO "beim Wort nehmen", wie der Sprecher Christoph Grosjean-Sommer sagt. Immerhin seien dort die Opinion Leaders der Milchbranche zum Schluss gekommen, dass eine Erhöhung um drei Rappen angezeigt sei. Wenn sie ihre Glaubwürdigkeit behalten wollten, dann müsse dies jetzt auch umgesetzt werden.
Emmi will erhöhen
Immerhin will der grösste Verarbeiter Emmi bei der so genannten A-Milch (Vertragsmilch, die zu regulären Preisen eingekauft wird), die Preiserhöhung um drei Rappen per 1. Juli umsetzen. Die konkreten Details würden noch ausgehandelt. Wie hoch der Anteil der A-Milch an der gesamten Milch ist, die von Emmi gekauft wird, will die Firma nicht bekanntgeben. Bei Hochdorf hält man die Preiserhöhung im Bereich Milchpulver für sehr schwer umsetzbar, andere grosse Milchverarbeiter wollen sich gar nicht äussern. Für verkäste Milch ist keine Preiserhöhung vorgesehen.
Zwischen dem Richtpreis und den tatsächlich an die Bauern ausgezahlten Preisen klafft derzeit eine Differenz von bis zu zehn Rappen. Der Grund dafür sind die immer noch zu hohen Milcheinlieferungen und die ebenfalls zu hohen Butterlager. Ende Mai lag ein historischer Rekordstand von über 10'000 Tonnen Butter am Lager. Eine nachhaltige Erholung von Milchmarkt und Milchpreis ist nur mit einem Lagerabbau möglich.
Das Ziel: Rascher Lagerabbau
Dieser Lagerabbau wurde denn auch in der Branchenorganisation Milch bereits im Mai beschlossen. 3'000 Tonnen Butter sollen abgebaut werden. Die Kosten von 15 Millionen Franken holt die BO Milch bei den regionalen Milchhändlern herein. Diese wiederum sammeln das Geld mit Abzügen auf die Milcheinlieferungen.
Man habe bereits Rechnungen im Umfang von 10 Millionen Franken verschickt, sagt BO Milch-Geschäftsführer Daniel Gerber. Die Abgaben würden im Juni, Juli und August erhoben, das Inkasso soll bis Ende September erfolgen. "Wir machen Druck, dass möglichst monatsweise bezahlt wird und dass rasch mit dem Abbau begonnen werden kann", sagt Gerber. Denn die internationalen Butterpreise seien momentan recht gut, man wolle dies möglichst ausnützen.
Neben dem Molkereibereich muss auch die Käsebranche ihren Teil beitragen. Denn auch die so genannte Einschränkungs¬milch, die mangels Absatz nicht zu Käse verarbeitet wird, trägt zu den Butterbergen bei. Insgesamt vier Millionen Franken will der Käserverband Fromarte bei seinen Mitgliedern einsammeln. Pro Kilogramm Milch macht das rund 1,5 Rappen. Aber auch hier gibt es Widerstand, vor allem von den Milchbauern. Einzelne Sortenorganisation en haben beschlossen, höchstens einen Rappen oder noch weniger abzuliefern.
Ob und in welchem Umfang die Gelder fliessen und die Butterberge abgebaut werden können, wird sich bis September zeigen. Die Milchbauern werden die Entwicklung mit Argusaugen verfolgen. Für BIG-M ist schon heute klar, dass "die Butterabräumaktion am Schluss als gescheitert und nicht umsetzbar in die Geschichte eingehen wird."
Unterschiedliche Abzüge
Die Milchbauern müssen aber nicht nur Abzüge für den Abbau der Butterlager hinnehmen. Seit Anfang Mai bezahlen Milchbauern und Verarbeiter pro Kilogramm Milch je einen halben Rappen in einen Interventionsfonds der BO Milch. Damit kann zumindest teilweise die Lücke gestopft werden, die im "Schoggigesetz"-Fonds des Bundes besteht. Für die Vergünstigung von Milchpulver und Butter in Schokolade und Biscuits im Export fehlen rund 40 Millionen Franken.
Einzelne Milchabnehmer ziehen nun ihren Milchbauern aber einen Rappen pro Kilogramm ab. Was die Milchbauern vermuten lässt, dass die Abnehmer, den halben Rappen, den sie eigentlich aus der eigenen Tasche bezahlen müssten, auch gleich auf die Milchbauern abwälzen. "Um die Konzerngewinne zu steigern, kennen die Verantwortlichen offensichtlich keine Skrupel mehr", schreibt dazu die BIG-M. Und auch der SMP stossen die zusätzlichen Abzüge sauer auf, vor allem wegen der fehlenden Transparenz. "Jeder zieht ein bisschen was ab, und niemand weiss, wofür das Geld wirklich gebraucht wird", sagt Christoph Grosjean-Sommer. Früher seien solche Stützungen aus dem Milchstützungsfonds der SMP finanziert worden und es habe volle Transparenz über die Verwendung gegeben. Heute herrsche Wildwuchs.
BO Milch-Geschäftsführer Daniel Gerber sieht hingegen kein Problem: Es sei klar, dass aus dem Interventionsfonds nicht alle erforderlichen Stützungen für den Export bezahlt werden könnten. Wenn einzelne Verarbeiter auf eigene Faust die ganze Differenz kompensieren möchten, könne man ihnen nicht Margenaufbesserung vorwerfen. Und die Transparenz über die Verwendung müsse von den Milchbauern in den Preisverhandlungen gefordert werden.
