"Es gibt neuere Untersuchen, die belegen, dass gewisse Pestizide massive Auswirkungen auf den Organismus der Biene und des Bienenvolkes haben, auch wenn sie nicht sofort zum Tode führen", erklärt der Berufsimker Jakob Künzle aus Oberhelfenschwil. Er verweist dabei auf Forschungsarbeiten der Universität Gainsville/Florida, wo zum Beispiel nachgewiesen wurde, dass Imidacloprid, das Vorläuferprodukt von Clothianidin, die Entwicklung von Bienenlarven hemmt. Und auf Untersuchungen von Prof. Vincenzo Girolami von der Universität von Padua, die aufzeigen, dass diese Stoffe in den Pflanzensaft gelangen und dort von den Bienen aufgenommen werden können. Und zwar in Konzentrationen, die für Bienen tödlich sind.

Verbot – Zulassung – erneutes Verbot

Die neuen Erkenntnisse beunruhigen die Imker genauso wie die alten Erfahrungen: Letztes Frühjahr verendeten in Baden-Württemberg rund 11'500 Bienenvölker von 700 Imkern, nachdem Clothiani-    din-behandelter Mais ausgesät wurde. Das deutsche Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen stellte damals fest, dass "eindeutig davon auszugehen ist, dass hauptsächlich Clothianidin für den Tod der Bienen verantwortlich ist". Daraufhin wurde in Deutschland am 16. Mai 2008 die Zulassung von Imidacloprid, Clothianidin und anderen Neonicotinoiden ausgesetzt. Kurz darauf kam jedoch ein Untersuchungsbericht des Landes Baden-Württemberg zum Schluss, dass die Bienenschäden im deutschen Rheingraben primär auf eine unsachgemässe Anwendung der Mittel und eine Verkettung unglücklicher Umstände zurückzuführen seien, dass es sich also um einen Unfall handle. Weil auch ein bundesweites Bienenmonitoring keinen Zusammenhang von Überwinterungsverlusten bei Bienen und dem Einsatz von Neonicotinoiden ergab, wurden am 25.Juli 2008 die Mittel in Deutschland wieder zugelassen. Doch die Imker protestierten erneut: Das erwähnte Bienenmonitoring sei zu 50 Prozent von Bayer, BASF und Syngenta finanziert und die neueren Untersuchungen bei der Zulassung der Pestizide bisher nicht berücksichtigt. Sie erreichten, dass am 9. Februar 2009 die Zulassung von Clothianidin und Imidacloprid in Deutschland definitiv sistiert wurde, weil "die Datenlage für eine sichere Bewertung der Auswirkungen noch nicht ausreicht."

 

Tödliches Nervengift
ed. Neonicotinoide sind Nervengifte auf der Basis synthetisch hergestellter Nikotinverbindungen. Seit 1991 stellt der Bayer-Konzern das Neonicotinoid Imidacloprid her, welches unter anderem als Insektizid im Raps-, Zuckerrüben-, Tabak-, Wein- und Maisanbau zugelassen ist.
Neonicotinoide werden oft als Beizmittel verwendet, um die Saat vor Insektenfrass zu schützen. Der Wirkstoff wird von der Pflanze aufgenommen, so dass die Schadinsekten sterben, wenn sie Teile der behandelten Pflanze fressen. Neonicotinoide sind langlebig, sie bauen sich schlecht abund bleiben mehrere Jahren im Boden. 2003 brachte Bayer Clothianidin als Nachfolgeprodukt von Imidacloprid auf den Markt. Es wird vor allem im Mais- und Rapsanbau verwendet. Sowohl Imidacloprid als auch Clothianidin werden zwar als bienengefährlich eingestuft und dürfen nicht auf blühende oder von Bienen beflogene Pflanzen ausgebracht werden. Weil Neonicotinoide jedoch mit dem Saatgut im Boden abgelegt werden, wurden die Auswirkungen dieser Nervengifte auf Bienen bei der Zulassung bisher nicht berücksichtigt.

 

Schnellschuss Deflektorenpflicht

Auch das Schweizerische Bundesamt für Landwirtschaft, BLW, reagierte. Allerdings nicht mit einem Mittelverbot, sondern mit einer Mitte Januar 2009 verschickten Weisung, dass Clothianidin-behandeltes Saatgut nur noch ausgebracht werden darf, wenn die Sämaschinen mit so genannten Deflektoren ausgerüstet sind, die verhindern, dass der giftige Staub in die Umwelt gelangt. Für Ruedi Hunger, Mitglied des Ge­schäftsausschusses vom Schweizerischen Verein für Landtechnik, kam das völlig überraschend: "Ich hatte bis kurz vor der Medienmitteilung noch nie etwas davon gehört."
Weil bis zur Maissaat nur noch wenige Wochen vergehen und der Umbau der Maschinen zeitaufwendig und technisch anspruchsvoll ist, ist es unwahrscheinlich, dass alle Maschinen rechtzeitig umgerüstet sind. Beim BLW ist man der Meinung, dass – unter Berücksichtigung der neuen Auflagen – die Aussaat des gebeizten Maises kein unannehmbares Risiko für Bienen darstellt. Dem Verband Schweizer Wanderimker, VSWI, greifen diese Massnahmen jedoch zu kurz. Jakob Künzler, der im Vorstand des VSWI sitzt, sagt: "Wir fragen uns, wie sehr sich das Gift im Boden anreichert und ob es über die maschinelle Bodenbearbeitung wieder als Staub freigesetzt werden kann."
Ein Clothianidin-Verbot würde den Maisanbau in der Schweiz nicht gefährden. "Clothianidin wird in Europa primär gegen den Maiswurzelbohrer eingesetzt, in der Schweiz setzt man dagegen auf die Fruchtfolge, um diesen Schädling in Schach zu halten", teilt das BLW auf Anfrage mit und weiter: "Clothianidin wird in der Schweiz gezielt gegen die Schadinsekten Drahtwürmer und Fritfliege eingesetzt." Gegen diese Schädlinge sind aber auch noch zahlreiche andere Produkte zugelassen. Im kommenden Frühjahr will das BLW in enger Zusammenarbeit mit dem Imkerverband ein Monitoring zum Thema "Eintrag von Clothianidin in Bienenstöcke" starten; wie in Deutschland.

Bienenhaltung als Wirtschaftszweig

Es geht dem VSWI nicht nur darum, Todesfälle zu vermeiden, sondern darum, die Bienengesundheit und -leistungsfähigkeit grundsätzlich nicht zu beeinträchtigen. Denn die Bienen verfügen heutzutage nicht mehr über dieselbe Widerstandskraft wie früher, sie sind anfälliger geworden. Die zunehmende Belastung mit Pestizidrückständen könnte dabei eine Rolle spielen.
Der VSWI hat rund 250 Mitglieder, einige davon betreiben die Imkerei als Haupt- oder Zuerwerb, für sie ist das Einkommen aus der Bienenhaltung auch existenziell wichtig. Dies im Unterschied zum Durchschnitt: 80 Prozent der Schweizer Imker sind nämlich Hobbyimker, die in der Regel nicht mehr als 10 Bienenstöcke besitzen und von denen der Grossteil das Pensionsalter erreicht oder überschritten hat. Künzle dagegen ist 40 Jahre jung, hat 300 Bienenvölker und gehört dem guten Dutzend Schweizer Berufsimker an, die ausschliesslich von der Bienenhaltung leben.

 

Ein Bienenvolk = zwei Schweine
ed. Der Wert des Honigs und der Bestäubung von Kulturpflanzen wird in der Schweiz auf rund 300 Millionen Franken Schweiz geschätzt. Dazu kommt der ökologische Wert der Bestäubung von Wildpflanzen und der gesundheitliche und medizinische Wert der Bienenprodukte. Derzeit gibt es in der Schweiz rund 190'000 Bienenvölker, die von 19'000 Imkerinnen und Imkern gepflegt werden. Seit zwei Jahren ist die Bienenhaltung im  Landwirtschaftsgesetz verankert.
Die "European Professional Beekeepers Association" hat berechnet, dass ein Bienenvolk wirtschaftlich gesehen den Wiederbeschaffungswert eines ausgemästeten Schweins hat. Wenn man die Honigernte dazu zählt, entspricht es sogar dem gesamtwirtschaftliche Wert zweier Schweine. Doch obwohl es in der Schweiz fast doppelt so viele Bienenhalter wie Schweinehalter gibt, haben die Imker in der Agrarpolitik kein Gewicht.

 

Via Politik den Forderungen Nachdruck verschaffen

Unterstützung erhalten die Imker inzwischen von der grünen Nationalrätin Maya Graf. Nachdem der Bundesrat Maya Graf am 9. März 2009 im Rahmen der Fragestunde mitgeteilt hat, dass man auch weiterhin keinen Grund sehe, Clothianidin zu verbieten, will Graf weitergehen: "Ich werde mit einer Motion ein Verbot dieser Stoffe analog unserer Nachbarstaaten verlangen." Die Imker können also noch hoffen, dass ihre Anliegen ernst genommen werden. Künzle: "Wir wollen schliesslich nicht warten, bis in der Schweiz ein ähnlicher Unfall wie in Deutschland passiert."

Siehe auch: "20'000 Flugeinsätze für 150 Gramm Honig" im LID-Mediendienst 2898 vom 5. Dezember 2008, "Gute Honigernte trotz Bienensterben" im LID-Mediendienst 2849 vom 14.Dezember 2007 und "Mehr Einwohner, mehr Bienen" im LID-Mediendienst 2710 vom 23. März 2005.